Gastronomie unter Lockdown-Bedingungen: Keine Chance für Geraer Sonderwege

Gera.  Heiße Debatte in der Aktuellen Stunde der Stadtratssitzung zum Thema „Umgang der Stadt Gera mit der Corona-Pandemie – Nachfragen zum Informations- und Krisenmanagement“.

Der neue Abholstand vor dem Bierhaus. Kerstin Fritzsche, die sich vorstellen könnte, hier ihre Mittagsverpflegung zu holen, im Gespräch mit Ronny Grosser. Der Gastronom versucht sich an immer neuen Ideen.

Der neue Abholstand vor dem Bierhaus. Kerstin Fritzsche, die sich vorstellen könnte, hier ihre Mittagsverpflegung zu holen, im Gespräch mit Ronny Grosser. Der Gastronom versucht sich an immer neuen Ideen.

Foto: Peter Michaelis

Bevor ihnen andere helfen, unternehmen Geraer Gastronomen selbst etwas. Seit Montag sind alle Gaststätten geschlossen, am Donnerstag überlegten Stadträte in der Aktuellen Stunde laut, wie sie die Gastronomie in der Stadt unterstützen können.

Nach dem zu Ostern gestarteten Lieferservice hat Ronny Grosser, im Frühjahr Organisator für die Aktion „Leere Stühle“, einen roten Abholstand vor das Bierhaus gestellt. Suppen und Braten, auch die Martinsgans, will er so unter die Leute bringen und wenigstens etwas verdienen.

Die Küchenchefin und den Restaurantleiter hofft er so weiter beschäftigen zu können. „Ich selbst“, sagt der 46-Jährige betreten, „verbrauche in diesem Jahr meine Rente“.

Wirt: „Der perfekte Braten hat sich etabliert“

Seine Lieferidee hatte im Juni Steffen Kutschmar aufgegriffen. „Der perfekte Braten hat sich etabliert“, sagt der Wirt der Finkenstube, der nach der Wiederöffnung am 15. Mai etwa vier Monate gebraucht habe einigermaßen Normalität herzustellen und jetzt nur Abbestellungen von Feiern entgegennimmt. Auf Bestellung kann hier Mittagstisch abgeholt werden.

Außer Haus will auch Carolin Dickmann vom Lusano an vier Tagen in der Woche mit Vorbestellung 24 Stunden im Voraus verkaufen. „Ob es lohnenswert ist, wissen wir noch nicht. Es muss sich rumsprechen“. Alle Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. „Wir haben uns kleinlich an jede Vorschrift gehalten, sind den Gästen auf den Keks gegangen. Für was?“, fragt sie sich.

Heiße Debatte - kein Sonderweg

In der Stadtratssitzung brachte die Aktuelle Stunde zum Thema „Umgang der Stadt Gera mit der Corona-Pandemie – Nachfragen zum Informations- und Krisenmanagement“, beantragt von der Fraktion der Liberalen, eine heiße Debatte, teils mit gegensätzlichen Meinungen über Corona im Allgemeinen und die damit verbundenen Einschränkungen im Besonderen. Einig war man sich weitgehend darüber, dass in der Stadt gerade die Gastronomen trotz wirkungsvoller Hygienekonzepte die Leidtragenden sind.

Eine komplette Schließung sei nicht gerechtfertigt, äußerte sich Fraktionsvorsitzender Norbert Hein (Freie Wähler). Die Gastronomen hätten längst ihren Beitrag zur Eindämmung des Infektionsgeschehens geleistet. Brit Heinig (Für Gera) verdeutlichte das Szenario einer schon jetzt leeren Stadt aufgrund geschlossener Lokale, das sich auch auf den Einzelhandel auswirke.

Städtische Zugeständnisse an Lokale, sofern überhaupt möglich, hielt Andreas Schubert (Die Linke) für bedenklich, weil sie große Besucherströme von außerhalb indizieren würden.

Am Ende machte Oberbürgermeister Julian Vonarb (parteilos) klar, dass es einen Sonderweg nicht geben kann. „Es ist für die Stadt, es ist für mich nicht möglich, Lockerungen der bestehenden Landesverordnung zu machen.“ Die Stadt habe lediglich die Möglichkeit, striktere Regeln zu erlassen, wenn es das Infektionsgeschehen erfordere. Er als politischer Verantwortungsträger könne lediglich Botschaften der Stadt mitnehmen. Das werde er tun. Am Freitag findet über Videokonferenz ein Corona-Gipfel im Freistaat statt.