Keine Haft für notorischen Schwarzfahrer in Gera

Schon mehrfach saß er vor Gericht, im Gefängnis war er auch schon. Doch all das nutzte nichts. Der 74-jährige Geraer st wieder schwarzgefahren in der Straßenbahn. Für das Gericht kein Kavaliersdelikt. Doch nun stellte sich heraus: Der Mann leidet unter Alzheimerdemenz.

Schwarzfahren wird strafrechlich verfolgt. Ein Rentner in Gera kennt das seit Jahren, denn seit Jahren fährt er ohne Fahrschein. Nun stand er erneut vor Gericht wegen 30,40 Euro Schadens.

Schwarzfahren wird strafrechlich verfolgt. Ein Rentner in Gera kennt das seit Jahren, denn seit Jahren fährt er ohne Fahrschein. Nun stand er erneut vor Gericht wegen 30,40 Euro Schadens.

Foto: zgt

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Gera. Die Anklage ist überschaubar: Leistungserschleichung, Fahren mit der Straßenbahn ohne Ticket. Überschaubar auch der Schaden: 30,40 Euro. Dennoch ist der Fall, der gestern vor dem Amtsgericht Gera verhandelt wurde, ein besonderer.

Der angeklagte 74-jährige Geraer musste sich in 19 Fällen von Leistungserschleichung verantworten. Er ist weder beim Geraer Verkehrsbetrieb (GVB) noch bei der Justiz ein Unbekannter: 17 Vorstrafen hat der Mann, etwa weil er 77 Mal schwarzgefahren ist. Er saß sechs Monate im Gefängnis. Erst im Januar 2009 hatte Amtsrichter Eugen Weber ihn zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.

Gestern sah man sich vor Gericht wieder, denn der Rentner sich hat Webers Appell nicht zu Herzen genommen. Er ist nach dem Urteil vom Vorjahr weiter schwarzgefahren, erst in der vergangenen Woche wurde er wieder erwischt. Doch steckt mehr dahinter als Starrsinn. Das bestätigte Dr. Helmburg Göpfert-Stöbe, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Sie hat ein Gutachten über den Rentner erstellt, berichtet von unausgepackten Umzugskartons und gestapelten Matratzen in der Wohnung des Mannes, von angehäuften Schulden und nicht angenommenen Hilfen. Nach Gesprächen und Untersuchungen stehe fest: der Angeklagte leide an Alzheimerdemenz. Er wisse, es sei falsch, schwarz zu fahren. "Aber die Strafen haben auf ihn keine Wirkung, obwohl er reumütig gestand", so Göpfert-Stöbe.

Diesen Eindruck macht der Angeklagte auch vor Gericht. Er äußert sich nicht und wirkt oft abwesend. Nur als die Ärztin rät, dem Rentner einen Betreuer zur Seite zu stellen, schüttelt er den Kopf. Der Betreuer aber könne ein Auge darauf haben, dass der Mann sich künftig eine Monatskarte für den GVB kauft. "Damit wäre viel gewonnen", so Richter Weber. Er schlägt vor, das Verfahren für sechs Monate auszusetzen, sofern der Angeklagte sich für diesen Zeitraum Monatskarten kauft. Die Verteidigung ist skeptisch, sie hält den Mann für schuldunfähig – und nicht nur für vermindert schuldfähig, wie das Gutachten nahelegt. Nach einer Stunde schließlich willigen Verteidigung und Angeklagter ein. Der Rentner muss nicht ins Gefängnis, aber aufs Gericht. Dort soll er den Kauf der Monatskarte nachweisen.

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