Kommentar: Eine leise Ahnung von Krise

Friederike Spengler, Regionalbischöfin der Propstei Gera-Weimar, denkt an die Menschen in den Flüchtlingslagern.

Pröpstin Friederike Spengler

Pröpstin Friederike Spengler

Foto: Peter Michaelis

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„So ein Mist“, schimpft mein Sohn. Er hatte kurz vor dem Dunkelwerden noch eine Runde mit dem BMX drehen wollen. Da war der Sportplatz abgesperrt. Und auch die anderen Plätze, an denen er sonst mit Freunden zusammen Rad fährt oder Basketball spielt. Diese Szene ist gerade 10 Tage alt.

Inzwischen fragt er nicht mehr, weil er über die Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus Bescheid weiß. Natürlich mault er trotzdem. Klar. Wir vielleicht auch, oder? Was er und wir und mit uns viele andere Kinder und Erwachsenen inzwischen auch wissen: Wie sich eine Krise im Alltag bemerkbar macht. Was eine Krise alles mit sich bringt. Was auf einmal nicht mehr geht, wo es doch bisher immer selbstverständlich war.

Wir reden über diese Erfahrungen am Abendbrottisch. Meine Gedanken kreisen um Nachrichten aus den Lagern der Flüchtlinge auf der Insel Lesbos. Seit Monaten hören wir davon. Moria. Der Name dieses Lagers steht inzwischen nur noch als Synonym für eine Vielzahl von Lagern auf der Welt. Hier und anderswo leben Menschen seit Monaten und Jahren in der Krise. Keine geordnete Krise, in der das Leben in Vielem doch sehr gut aufrechterhalten wird. Ja, wir erleben gerade jetzt eine Zeit der Krise. Allerdings eine, die – Gott sei Dank! – gut und an vielen Stellen sehr professionell medizinisch, wirtschaftlich, politisch, gesellschaftlich, kirchlich begleitet wird.

In den Lagern, in denen Kinder bereits hinter den Stacheldrähten zur Welt kamen, hinter denen sie jetzt immer noch leben, ist das alles anders. Nichts ist gut. Nichts ist professionell. Chaos wird verwaltet. Gewalt weit verbreitet. Missachtung der Menschenwürde an der Tagesordnung. Vor allem ist es wohl die Hoffnungslosigkeit, dass sich die Situation jemals ändern könnte…Wir in Deutschland haben jetzt vielleicht eine ganz leise Ahnung von dem, was „Krise“ eigentlich heißt. Ja, manche trifft sie richtig hart. Und dennoch: Bei aller Sorge um das Eigene haben wir kein Recht dazu, zu vergessen, welches Elend direkt vor unseren Türen auf unser Hinsehen wartet! Und auf unser Tun.

Die Bundesrepublik Deutschland hat sich im Koalitionsvertrag von 2018 darauf verständigt, dass jährlich 180.000 bis 200.000 Flüchtlinge bei uns aufgenommen werden können. Diese Zahl wird aber bereits seit einigen Jahren längst nicht ausgeschöpft. Die Zahl derer, die in Mitteleuropas Demokratien eine Perspektive zum Leben in Frieden und persönlicher Freiheit haben, ist rückläufig. Angesichts der prekären Situation, denen Menschen ausgesetzt sind, darf es kein Wegschauen mehr geben! Kein Virus soll uns daran hindern, Unrecht beim Namen zu nennen und uns solidarisch denen gegenüber zu zeigen, die solches erfahren. Weil wir jetzt selbst erleben, wie gut Hilfe in einer Krise tut.

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