Kultur- und Kongresszentrum Gera - ein gutes Kleid für die Musik

Dr. Christian Schubert wurde 1974 in Gera geboren, studierte in Jena Physik, arbeitete in Berlin und Jena im Bereich Photovoltaik und interessiert sich für die technischen und kulturellen Aspekte des Rundfunks. HIer schreibt er über seine Recherchen zum Kultur- und Kongresszentrum Gera.

Der Saal im Kultur- und Kongreszentrum Gera besticht durch seine ausgezeichnete Akustik. Foto: Martin Gerlach

Der Saal im Kultur- und Kongreszentrum Gera besticht durch seine ausgezeichnete Akustik. Foto: Martin Gerlach

Foto: zgt

Vor einem Jahr schenkte mir mein Patenonkel zum Geburtstag ein prächtiges Buch: "Der Raum ist das Kleid der Musik" - eine ausführliche Dokumentation der Aufnahmesäle und Hörspielstudios im Ostberliner Funkhaus Nalepastraße. Das Land, das in den frühen 50er Jahren diese Studios erbauen ließ, existiert nicht mehr, der Rundfunk dieses Landes ebensowenig, aber die Studios, die gibt es noch, wenngleich leider auch innerlich sichtbar heruntergekommen. Immerhin fand sich ein verläßlicher Betreiber für den historisch bedeutsameren Teil des Geländes.

International genießen die Studios heute aufgrund ihrer exzellenten Akustik höchstes Ansehen. Sting hat in der Nalepastraße ebenso gearbeitet wie Peter Maffay, der chinesische Pianist Lang Lang spielte ein Chopin-Album ein, das Filmorchester Babelsberg hat jahrelang in Saal 1 geprobt und Filmmusik aufgenommen. Im Hörspielstudio 2 haben sich Peter Kainz und Andreas Meinetsberger eingemietet - am alten Arbeitsplatz. Dort entstehen heute Hörspiele für viele ARD-Anstalten und das Deutschlandradio. Als ich im Januar vor Ort war, lief gerade eine Produktion von Wolfgang Rindfleisch für den WDR.

Stardirigent Daniel Barenboim zeigte sich von der Akustik in Saal 1 begeistert und Tonmeister John Timperley, der einst mit den Beatles gearbeitet hatte, sagte, hätten wir diesen Saal in London, wir wären damit die Nummer eins. Inzwischen interessieren sich Norweger für Geschichte und Technik des Funkhauses so sehr, daß sie einen Film über das Haus drehen. Fassungslos sind sie darüber, wie nach 1990 diese wertvolle kulturelle Substanz einfach achtlos aufgegeben wurde, wie die neuen Ost-Anstalten der ARD die Technik in der Nalepastraße ausschlachteten und ihrerseits nicht in der Lage waren, auch nur annähernd Ersatz für die herausragenden Räumlichkeiten aufzubauen. Nirgendwo sonst auf der Welt gab es ein Rundfunk-Produktionszentrum dieser Qualität.

Auch wenn die Bauarbeiten für das Funkhaus Nalepastraße bereits 60 Jahre zurückliegen, gibt es immer noch Zeitzeugen, die damals führend bei Berechnung, Planung und Bau mitgewirkt haben. Die raumakustischen Arbeiten wurden maßgeblich von Gisela Herzog durchgeführt, einer jungen Frau, damals keine 30 Jahre alt. Frau Herzog ist Mitautorin des Buches, ihr damaliger Kollege Gerhard Steinke, heute noch international umtriebig im Bereich Studiotechnik, hat die Themen der Elektroakustik hinzugefügt.

Als ich im Januar 2014 mit einigen Radiofreunden gleich nebenan in die zum Abriss entkernten Sendestudios der Radioprogramme DDR 1, DDR 2, Berliner Rundfunk und DT64 einstieg, um letzte Fotos vor der endgültigen Zerstörung zu machen, brauchte ich ein Geschenk für denjenigen, der uns dort die Türen geöffnet hatte. Ich griff wieder zum Buch, wollte es nach seinem Namen durchsuchen um sicherzugehen, daß ich das Buch niemandem schenke, der vielleicht sogar selbst daran mitgewirkt hat. Den Namen fand ich nicht, aber in der Biographie von Frau Herzog sah ich etwas, das mich hellwach werden ließ: dort tauchte das Haus der Kultur Gera als ein von ihr betreutes Objekt auf.

Nach all meinen Begegnungen mit den exzellenten Studios in der Nalepastraße konnte das nichts anderes heißen, als daß der große Saal im Haus der Kultur nicht einfach irgendein Raum mit vielen Stühlen, Vorhängen und einer Bühne ist, sondern seine Innenarchitektur auf hochwertige Akustik ausgerichtet wurde. Dem wollte ich nachgehen, unbedingt! Der Kontakt war schnell hergestellt und am Telefon war ebenso schnell klar: hier werde ich fündig. Eine freundliche, überaus gesprächige Frau am anderen Ende der Leitung. 3 Wochen später fuhr ich nach Oberschöneweide und besuchte die Dame.

Zum ersten Eindruck nur soviel: manche 65-jährigen wären froh, hätten sie die Energie und Gesundheit dieser 87-jährigen Frau. Gisela Herzog ist immer noch aktiv, ihr Schreibtisch voller Unterlagen. Nach kurzer Zeit war auch der Wohnzimmertisch bedeckt mit Büchern über Konzertsäle in aller Welt, mit Publikationen voller mathematischer Formeln, Zeitungsartikeln über das Funkhaus Nalepastraße und auch über das Haus der Kultur Gera. Gut, daß Frau Herzog so manche Unterlagen über die Zeit gerettet hat. Als ihr einstiger Arbeitgeber, das "Rundfunk- und Fernsehtechnische Zentralamt" (RFZ) der Deutschen Post in Berlin Adlershof, nach der Wende aufgelöst wurde, sind alle Unterlagen vernichtet worden.

Frau Herzog erinnert sich noch genau an die Arbeit für Gera, an die Zusammenarbeit mit dem Architekten Günther Gerhardt, an die Bahnfahrten frühmorgens von Berlin nach Leipzig, wo sie dann abgeholt wurde. Wenn die Messungen und Beratungen länger dauerten, kam sie erst weit nach Mitternacht wieder in Berlin an. Arbeit für die Akustikerin, die eigentlich aus dem Bereich der Hochfrequenztechnik stammte, gab es genug. Mehr als 5 Stunden Schlaf pro Nacht hatte sie nach eigener Aussage 45 Jahre lang nur selten.

1966 hatte das RFZ begonnen, seine Kompetenz auf dem Gebiet Raumakustik und Beschallung auch anderen Interessenten anzubieten. So wurde die Lukaskirche Dresden zu einem hochwertigen Aufnahmesaal für Klassikproduktionen umgebaut. Nicht nur der VEB Deutsche Schallplatten hat dort aufgenommen, auch die Deutsche Grammophon nutzte die Kirche und brachte das Geld ein, das Haus Schritt für Schritt von seinen Kriegsschäden befreien zu können. Hinzu kamen zunehmend die Gesellschaftsbauten. Egal ob Stadthalle Chemnitz oder das Haus der Kultur in Gera - geplant und gebaut wurde gemeinschaftlich mit den Architekten, die zwar ein Bild vom gewünschten Saal vor dem geistigen Auge hatten, oft aber kein "Bild" von der in diesem Saal entstehenden Akustik.

Genau da setzte Frau Herzog an. Mit jahrzehntelanger Erfahrung bei der Berechnung von Sälen und dem Wissen um das sich danach real einstellende Klangbild konnte sie zielstrebig auf das gewünschte Resultat hinarbeiten. Von großer Bedeutung sind dabei die Grundform des Saales, sein Volumen, die Anzahl, Art und Anordnung der Sitzplätze, die Struktur von Wänden und Decke. Ist ein Saal beispielsweise größer als etwa 20.000 Kubikmeter und 2000 Sitzplätze, vermag ihn ein Sänger nicht mehr mit seiner Stimme zu füllen und Mikrofone und Lautsprecheranlage müssen eingesetzt werden. Was Sälen mit verunglückter Akustik passieren kann, weiß man aus den USA: nachdem viele Millionen Dollar in den Bau gesteckt wurden, das Ergebnis klanglich enttäuschend war und teure akustische Rettungsversuche erfolglos blieben, riß man die Philharmonic Hall im New Yorker Lincoln Center nach nur 14 Jahren bis auf die Grundmauern nieder.

Die Arbeit der Akustikplaner geht weit über solche groben Grundlagen wie Raumgröße und Grundriß hinaus. Die TU Dresden hat in den 70er Jahren an mathematischen Modellen zur Schallfeldbeschreibung geforscht. Die Ergebnisse flossen auch in die Auslegung des Saales im Haus der Kultur Gera ein. Dabei galt es, eine schwere Nuß zu knacken: die Diagonalquadratform des Saales, die sich aus der gewählten Baukörperform des Hauses ergab, weicht erheblich von der für Konzertsäle idealen rechteckigen Form ab. Ohne besondere Maßnahmen hätten auf den Plätzen im Mittelparkett sogar Echos auftreten können. Um das zu vermeiden, mußten die Bühnenseitenwände in Zickzackprofilierung ausgeführt werden. Zusätzlich erfolgte eine Optimierung der gesamten Decke. Die gekrümmte Form der Decke vor der Bühne sorgt für gezielte energiereiche Anfangsreflexionen, die sich in den Zuschauerraum hineinrichten und zu akustischer Deutlichkeit und Durchsichtigkeit der Darbietung führen.

Die Hauptdecke aus Gipsstuck mit ihrer charakteristischen Prisma-Form sorgt für ein weitgehend homogenes Klangbild auf allen Plätzen im Mittelrang. Anzahl, Größe und Verteilung der Deckenkörper sowie die ebenen Flächen zwischen ihnen sind exakt berechnet, die Deckenkörper wurden extra für Gera angefertigt. Der bekannte Anblick resultiert nicht etwa aus dem Schönheitsideal eines Raumgestalters, sondern aus akustischen Notwendigkeiten. Auch die 3 Plafonds über der Bühne, die bei Konzertveranstaltungen zum Einsatz kommen und heute noch vorhanden sind, dienen akustischen Zielen. Selbst die schweren Samtvorhänge, die Mittel- und Seitenrang abtrennen, sind für Veranstaltungen mit Lautsprecherbeschallung akustisch vorgegeben. Es gibt sogar einen Orchestergraben vor der Bühne, den aber wohl niemand jemals zu sehen bekommen hat.

Wäre es nach Gisela Herzog gegangen, dann sähe das Kultur- und Kongresszentrum Gera heute grundlegend anders aus. Die bekannte Sandsteinfassade mit den braun getönten Fensterscheiben wäre nicht lotrecht, sondern schräg - nach oben würde das Haus leicht größer werden. Durch die schrägen Fensterscheiben wäre der Schall, der im Foyer auf die Fenster trifft, nicht einfach in den Raum zurückgeworfen, sondern gegen die Foyerdecke reflektiert worden. Dort hätte er durch entsprechende Maßnahmen absorbiert werden können, was das Foyer noch ruhiger gemacht hätte - und das Haus von außen optisch etwas interessanter. Offenbar allerdings auch teurer und komplizierter, denn mit diesem Ansinnen hatte die Akustikerin keinen Erfolg.

Zurück zum Saal. Nachdem Wand- und Deckenstrukturen berechnet waren, wurde ein Modell im Maßstab 1:20 gebaut und an der TU Dresden akustisch vermessen. Später erfolgten am fertiggestellten Saal Meß- und Hörtests, die umfangreiche Kriterien von Klangfarbe über Nachhalldauer und Ortungsverschiebungen bis zur "Register- und Zeitdurchsichtigkeit" erfassten. In einer Veröffentlichung des RFZ aus dem Jahre 1982 hieß es dann: "Alle zu beurteilenden Parameter während eines Konzertes, bei dem der Saal zu 75% mit Zuhörern besetzt war, ergaben auf allen Testplätzen geringfügige Abweichungen jeweils vom Best- bzw. Optimalwert. Der akustische Gesamteindruck wurde mit 1,8 innerhalb einer 5teiligen Skala bewertet, wobei die Ziffer 1 dem Bestwert entspricht. Deshalb kann als Ergebnis aus objektiven und subjektiven Untersuchungen festgestellt werden, daß durch eine gute Zusammenarbeit zwischen Architekten, Projektanten und Akustikern ein Mehrzwecksaal geschaffen wurde, in dem auch Konzerte mit ausgezeichneter Klangqualität dargeboten werden können."

Das bestätigen heute noch Künstler, die im KuK gastieren: für die Akustik des Saales gibt es immer wieder Lob. Selbstverständlich ist eine solch gute Akustik keinesfalls. Einfach einen Raum mit Bühne und Stühlen hinzustellen genügt nicht, um einen Konzertabend zum Erlebnis werden zu lassen oder nach einer Konferenz keine Kopfschmerzen wegen schlechter Sprachverständlichkeit zu haben. Mit einem Ende des KuK als Veranstaltungsort ginge ein ausgesprochen hochwertiger Mehrzwecksaal verloren, ginge Tafelsilber zu Bruch. Umbauten jeglicher Art würden unwiederbringlich die gute Raumakustik zerstören. Für das Geld, das für eine Sanierung ausgegeben werden müßte, könnte nirgendwo ein neuer und ebenso hochwertiger Saal entstehen.

Es bleibt zu hoffen, daß das Bewußtsein dafür sowohl bei der Geraer Bevölkerung als auch bei den Stadtverordneten und beim Land Thüringen vorhanden ist. Die Anforderungen der kommenden Zeit werden es notwendig machen, wieder mehr miteinander zu sprechen, wieder mehr zusammenzurücken. Überall, wo Menschen nach zukunftsfähigen Formen des Zusammenlebens suchen, steht als einer der obersten Punkte ein Versammlungs- und Veranstaltungsraum auf der Wunschliste. Ostthüringen hat ihn bereits, Stadt und Land wären gut beraten, ihn bestimmungsgemäß zu erhalten. Wir werden ihn brauchen, für mehr als nur seichte Unterhaltung.

Links: Buchrezension "Der Raum ist das Kleid der Musik": http://www.multimedia-view.com/node/53

Kubische Panoramen Nalepastraße: http://www.kubische-panoramen.de/index.php?id_id=1453&p=i

Zu den Kommentaren