Ausstellung

Lenin-Geflüster sorgt für nervöse Begleiter

Gera.  Als US-Studentin besuchte Judith Gilbert 1983 die DDR. Fotos aus Gera zeigt derzeit das Stadtmuseum.

Judith Gilbert am Sonntag in der Ausstellung, links das Foto an der Lenin-Plastik, zugleich Titelfoto der Schau.

Judith Gilbert am Sonntag in der Ausstellung, links das Foto an der Lenin-Plastik, zugleich Titelfoto der Schau.

Foto: Marcel Hilbert

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Was sie ihm ins Ohr flüsterte, kann sie nicht mehr genau sagen. „Wahrscheinlich, dass er das alles nicht so ernst sehen soll“, sagt Judith Gilbert und lächelt. „Ich war damals total apolitisch, aber die Lenin-Plastik mochte ich sofort.“ Weil sie ihn entgegen ihrer Erwartungen nicht bombastisch, heroisch in Szene setzte, sondern ihn „sehr menschlich, nachdenklich“ zeigt. Und, weil sie ihn damit an eine Skulptur von Hans Christian Andersen erinnert, die sie als Kind schon liebte – im Central Park in New York.

Woran sich die gebürtige New Yorkerin noch gut erinnert, waren die nervösen Betreuer in Gera, als sie sich dem sinnierenden Lenin am heutigen Platz der Demokratie so näherte. Es war 1983, Frühsommer und Kalter Krieg, und sie als US-Studentin auf zweiwöchiger Studienreise in Deutschland-Ost. Später im Jahr sollte ein Nato-Manöver die ohnehin angespannte Lage noch verschärfen. Doch das, sagt die 57-Jährige, sei bei ihrer Reise „Hinter dem Eisernen Vorhang“ ebensowenig abzusehen gewesen, wie die Wende sechs Jahr später.

Warnung vor Rekrutierungs-Versuchen

„Hinter dem Eisernen Vorhang“ heißt die Fotoausstellung Judith Gilberts, die derzeit im Stadtmuseum Gera zu sehen ist. Über 40 digital restaurierte Fotos, die auf ihrer sicher nicht alltäglichen Reise entstanden, zeigen die Stationen ihres DDR-Aufenthalts, allen voran Gera und Berlin. „Ich hatte damals Germanistik studiert. Das war sehr Literatur-lastig, vor allem mit Goethe, Schiller, Heine, und so weiter.“ Sie war aber mehr an moderner deutscher Literatur interessiert und speziell von der der DDR fasziniert. An ihrer Uni stieß sie irgendwann auf einen Flyer der „Liga für Völkerfreundschaft“ der DDR, die eben jenen zweiwöchigen Aufenthalt bewarben.

Nachdem sie das Auswärtige Amt in den USA angefragt habe und dort eine Warnung vor möglichen Rekrutierungsversuchen erhielt, trat sie das Abenteuer mit einer vierköpfigen Studentengruppe an. „Wir wussten eigentlich nur, dass wir nach West-Berlin reisen und dort über die Grenze gehen“, sagt sie. Erst dort erfuhr sie, dass sie neben acht Tagen in Berlin auch acht Tage in Gera verbringen würde. „Ich hatte bis dahin noch nie von der Stadt gehört und fand gerade das extrem spannend.“ Im damaligen Interhotel kam sie unter, von dort aus ging es auf verschiedene Tagesausflüge. „Wir wurden auf Schritt und Tritt begleitet, waren keine Minute allein unterwegs“, sagt sie. Dennoch habe sie ihre Begleiter als erstaunlich offen wahrgenommen, als redlich bemüht „uns ihr Land zu zeigen“ und Dinge möglich zu machen. Zum Beispiel Besuche in Betrieben oder ein Gespräch mit einer Fernseh-Journalistin. Und Judith Gilbert ist sich sicher, man hätte ihr auch ein Gespräch mit Christa Wolf ermöglicht, die sie so gern getroffen hätte. Ironischerweise war die Schriftstellerin genau zu diesem Zeitpunkt auf USA-Reise.

Arbeiterfestspiele werfen ihre Schatten voraus

Die Geraer Innenstadt, erinnert sich die freie Fotografin und Redakteurin, war damals zu großen Teilen Baustelle. Fotos aus der Greizer Straße und der Straße Hinter der Mauer dokumentieren das. Die Arbeiterfestspiele im Folgejahr warfen ihre Schatten voraus. „Die Fotos sollten schon dokumentarisch sein, nicht nur Touri-Schnappschüsse“, sagt Judith Gilbert. Die Idee, sie in einer Ausstellung zu zeigen, hatte sie dennoch erst viel später, nachdem sie die analogen Fotos digital aufbereitet hatte. Mit der Hintergrundgeschichte ließ sich auch Matthias Wagner vom Stadtmuseum überzeugen, diese besondere Perspektive auf die DDR im 30. Jahr des Mauerfalls zu zeigen.

Dass ihre Studienreise vermutlich auch von der Staatssicherheit gut dokumentiert wurde, da ist sich die 1984 nach Bayern übergesiedelte Amerikanerin ziemlich sicher. Zeitig beantragte sie Akteneinsicht, die aber kein Ergebnis brachte, mit dem Hinweis, dass Akten über Ausländer die ersten gewesen seien, die geschreddert wurden und dass geschredderte Akten noch rekonstruiert würden. Einen späteren Anlauf zur Einsicht habe sie nicht unternommen.

Die Ausstellung „Hinter dem Eisernen Vorhang“ ist noch bis 26. Januar im Stadtmuseum zu sehen.

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