Literaturwettstreit von Geraer und Kulmbacher Literaturverein

Autoren schildern im ersten Literaturwettstreit zwischen der Goethe-Gesellschaft Gera und dem Kulmbacher Literaturverein das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten nach dem Mauerfall vor 20 Jahren. Gemeinsame Veröffentlichungen der beide Vereine führten zu einer besonderen Freundschaft.

Mitglieder der Goethe-Gesellschaft Gera besuchen auf ihrer Entdeckungstour "Goethe in Polen" das unterirdische Salzbergwerk Wieliczka, wo sich Goethe mit Bergbaumethoden beschäftigte. Foto: privat

Mitglieder der Goethe-Gesellschaft Gera besuchen auf ihrer Entdeckungstour "Goethe in Polen" das unterirdische Salzbergwerk Wieliczka, wo sich Goethe mit Bergbaumethoden beschäftigte. Foto: privat

Foto: zgt

Gera/Kulmbach. "Ich bin 400 Meter von der Grenze zur DDR aufgewachsen, in Nordhalben. Mein Großvater war gebürtiger Thüringer. Jetzt bin ich Ostbeauftragter und Verbindungsmann unseres Kulmbacher Literaturvereins zur Geraer Goethe-Gesellschaft."

Heute, wo sich zum 50. Mal der Mauerbau jährt, sagt das immer noch im Stillen erstaunt Klaus Köstner, der 69-jährige fränkische Volksschullehrer. Heute verläuft statt eines verminten Grenzstreifens ein friedlich blühendes grünes Band zwischen Bayern und Thüringen und gute Bande sind seit 2007 geknüpft zwischen Literaturverein und Goethe-Gesellschaft. Vor allem der gemeinsame Literaturwettstreit schweißt Köpfe und Mentalitäten zusammen. Gab 2008 das Goethe-Wort "Lustige Leute - Lustiger Ort" dem ersten Championat ostthüringischer Schreiber den Titel, waren es im 20. Jahr des Mauerfalls 2009 Erinnerungen in Ost und West daran. Erinnerungen, gespannt zwischen überbordender Freude und Rührung, aber auch tiefer Enttäuschung und merkwürdiger Beklommenheit. Unter dem Titel "Erstmals drüben" vereint die gemeinsame Anthologie spaßige bis tragische sehr persönliche Erlebnisse der Autoren. So suchten ostdeutsche Besucher im Bamberger Dom dessen berühmten Reiter und konnten ihn wegen seiner Winzigkeit nicht entdecken. Oder aber eine Reisebüromitarbeiterin berichtet, wie Ostdeutsche die Reisefreiheit als Paradies für sich entdeckten und das Familienoberhaupt auf Kreta nach einem Infarkt verloren. Die leichtfertige Absage an die empfohlene Versicherung traf die Familie mit 10.000 Euro Rückführungskosten. Am Ende fand sich eine Lösung, wenn auch nicht ganz gesetzestreu.

Die Preisträger des jetzigen 2. gemeinsamen Literaturwettbewerbes werden am 3. September im Geraer Kultur- und Kongresszentrum bekannt gegeben. Diesmal ging es um Gruseliges. Die Wettbewerbe sind offen, man muss nicht Vereinsmitglied sein, um sich zu beteiligen. "Aber man möchte schon gut schreiben können", nennen die Vereinschefs die Bedingung, in die Wertung zu kommen.

"Ostbeauftragter" Köstner bewertet die Geraer Gastfreundschaft und Unkompliziertheit als "unglaublich gut" und auch die Qualität der Veranstaltungen. Ob man gemeinsam auf Johann Gottfried Seumes Spuren wandelte oder sich bei der Einkehr ins Memlebener Kloster in klerikale Gewänder hüllte und sich in alter deutscher Schrift übte, Begeisterung schwingt in seiner Erinnerung mit. Natürlich bieten auch die Kulmbacher Bestes aus der Heimat: "Im nächsten Jahr wollen wir auf die Burg Lauenstein einladen, wo Joachim Ringelnatz einige Zeit seines unsteten arbeitsreichen Lebens verbrachte." Aufgeschlossen gegenüber jeder Art von Literatur und Kunst, werden die Mitglieder der Geraer Gesellschaft auch den selbst Goethe gegenüber respektlosen Wortkünstler Ringelnatz in ihr Herz schließen. Lässt doch dessen Parodie auf Goethes Faust jeglichen Respekt vermissen: "Kragen total durchweicht. Ah-ah-ah endlich erreicht. Das Unbeschreibliche zieht uns hinan. Der ewigweibliche Turnvater Jahn."

Wörter... Das Wort "Drüben" war von Gera aus gesehen noch vor 22 Jahren Inbegriff des Westens, von Kulmbach aus gesehen meinte es den Osten.

Über die gemeinsame schöne deutsche Sprache, über die Literatur und über Goethe trifft man sich. "Neben unseren Büchern sind dabei auch sehr gute Freundschaften herausgekommen", freuen sich Bernd Kemter und Klaus Köstner. "Drüben" wird in der nächsten Generation bestimmt keine politisch-geografische Wertung mehr mit sich schleppen, sondern zurückgefunden haben zum einfachen Wort.

Und der Ostbeauftragte Köstner beteuert, dass sein Titel schon jetzt wirklich nur scherzhaft zu verstehen sei.