Manche Arznei auf Rezept bleibt Fehlanzeige

Gera.  Leider nicht lieferbar – Patienten hören das immer häufiger, wenn sie ihr Rezept in der Apotheke vorlegen. Hier ein Überblick zur Situation in Gera und welche Medikamente fehlen.

Apothekerin Karin Frenzel-Beck von der Bergapotheke hat mit manchem Engpass bei der Medikamentenversorgung zu kämpfen.

Apothekerin Karin Frenzel-Beck von der Bergapotheke hat mit manchem Engpass bei der Medikamentenversorgung zu kämpfen.

Foto: Peter Michaelis

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Leider nicht lieferbar – Patienten hören das immer häufiger, wenn sie ihr Rezept in einer Apotheke vorlegen. „Mehr als 200 Medikamente sind von Lieferengpässen betroffen. Das betrifft auch viele Arzneimittel, die nicht oder schwer austauschbar sind und das ist unser großes Problem“, berichtet Apothekerin Jacqueline Sedlmeier, Inhaberin der Rossplatz-Apotheke in Gera.

Auch Sandra Diezel, Inhaberin der „Linden-Apotheke“ in Gera-Langenberg, hat die Übersicht über nicht verfügbare Arzneimittel stets im Blick. Sie recherchiert dann, um den Patienten eine Lösung anbieten zu können. Beispielsweise eine andere Packungsgröße als die verschriebene. Oder in enger Abstimmung mit dem Arzt ein alternatives Medikament. „Der Patient muss versorgt werden und darum kümmern wir uns. Aber all das kostet Zeit, Nerven und fordert Kreativität“, weiß die Fachfrau, die zudem ständig in Kontakt mit ihren Großhändlern steht. „Wir kontaktieren auch die Herstellerfirmen, damit wir wissen, wann sie uns wieder mit den Präparaten beliefern können. Dann warten wir natürlich nicht als Einzige“, hat Sandra Diezel erfahren.

Wie die Apotheker und niedergelassenen Ärzte müssen auch die Krankenhäuser auf Engpässe reagieren. Exemplarisch für Kliniken schildert Manuela Pertsch, Chefapothekerin im SRH Wald-Klinikum Gera, die Situation: „Einen Lieferengpass gibt es beispielsweise bei Propofol, einem Medikament für die Narkose. Da in Deutschland einer von zwei Anbietern ausgefallen ist, entstand ein absoluter Mangel, den die betroffenen Kliniken empfindlich spüren. Propofol ist heute im Klinikbetrieb nicht mehr zu ersetzen. Vermeintliche Alternativen verursachen erheblichen organisatorischen Aufwand und führen zu Änderungen der medizinischen Vorgehensweise der Krankenhäuser. Zudem sind die Alternativen weniger gut steuerbar. Eine Umstellung auf andere Präparate führt zum Beispiel zu verlängerten Aufwachzeiten der Patienten, oder es müssen neue Geräte für Alternativverfahren angeschafft werden. Unser Klinikum wird von einem der Anbieter aktuell mit einem Kontingent bedient.“

„Wir sind vielfach damit beschäftigt, den Mangel zu verwalten. Das behindert uns in der eigentlichen Aufgabe, den Patienten zu beraten, Bindeglied zwischen Arzt und Patient zu sein“, bringt es Apothekerin Jacqueline Sedlmeier auf den Punkt. Von einem enormen Arbeitsaufwand zur Schadensbegrenzung spricht auch Manuela Pertsch vom Klinikum: „Wir managen im Jahr über 500 Arzneimittel-Lieferengpässe mit Präparatewechsel, Abbildung in der Warenwirtschaft und Anwenderinformation. Wir versuchen alles, die Liefer-Engpässe durch erhöhte Lagerhaltung und die Suche nach Alternativen auszugleichen. In den allermeisten Fällen gelingt uns das. Das bedeutet aber, dass sich eine zusätzliche Fachkraft in der Apotheke allein mit dem Thema beschäftigt. Die muss nicht nur die Alternativen finden und bestellen, sondern natürlich auch die Ärzte und Mitarbeiter in der Pflege über die Veränderungen informieren.“ Gleichfalls bemängelt sie: „Weil jedoch die Industrie der gesetzlichen Vorgabe der Meldung nicht flächendeckend folgt, erfahren wir vom Engpass mitunter zu spät.“

Apothekerin Karin Frenzel-Beck, Inhaberin der Bergapotheke, hofft, dass die bisher freiwillige Bekanntgabe der Engpässe einem verpflichtenden Melderegister weicht. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände fordert ebenso Mehrfachvergaben von Rabattverträgen mit mehreren Wirkstoffherstellern. Jene Arzneimittel-Rabattverträge, die zwischen einzelnen Herstellern und gesetzlichen Krankenversicherungen geschlossen wurden, sieht auch Sandra Diezel problematisch, „wenn dies auch die Krankenkassen abstreiten. Aber sehr oft kann ich gerade Rabattverträge nicht bedienen, wozu ich verpflichtet bin, sondern muss auf ein anderes Medikament ausweichen.“

Volkmar Vogel (CDU), Mitglied des Bundestages, sei zu diesem Problem seit einigen Wochen im Gespräch mit den örtlichen Apotheken seines Wahlkreises. „Ich denke, dass insbesondere die Meldepflicht für ausreichende Lagerkapazitäten für Medikamente durchgesetzt werden muss und das Rabattsystem für große Mengen einer Überarbeitung bedarf. Auch ein Expertenrat mit Kenntnissen über Bedarf und Wirksamkeit von Medikamenten ist ebenfalls zielführend. Wichtig ist, dass die eingeleiteten Maßnahmen zeitnah auf Erfolg zu prüfen sind und gegebenenfalls nachjustiert werden müssen“, sagt der Politiker. Ebenso für wichtig hält er, das bestehende flächendeckende Apothekensystem zu stärken, zum Beispiel durch faire Preisgestaltung. „Außerdem sollte es Anreize für Apotheken geben, Medikamente vorzuhalten, sofern es wirtschaftlich vertretbar und logistisch möglich ist und die Apotheken vor Ort nicht vor unlösbare Probleme stellt.“

Auf absehbare Zeit werden die Apotheker wohl weiterhin über die Lieferengpässe aufklären müssen. Viele Patienten sind mittlerweile mit dem Problem vertraut. „Das macht die Situation nicht besser, aber die Leute wissen zumindest, dass wir ihnen die Medikamente nicht geben können, obwohl wir es wollen“, so Sandra Diezel. Und wie viele ihrer Kollegen hält auch Karin Frenzel-Beck für ihre Kunden ein ausführliches Informationsblatt bereit.

Einige Medikamente mit Lieferengpässen

  • Candesartan: Einsatz bei Bluthochdruck und Herzinsuffizienz
  • Indarpamit: Einsatz zur Entwässerung, nach langer Zeit aktuell wieder lieferbar
  • Venlafaxin: Medikament bei Depressionen, Alternativen schwierig
  • Propofol: Narkosemittel in Kliniken, wird wegen des günstigen Nebenwirkungsprofils und der günstigen Pharmakokinetik als alternativlos angesehen
  • Ranitidin: Einsatz zur Kontrolle der Magensäureproduktion, die Deutsche Fachgesellschaft für Hämatologie und Onkologie rät, möglichst auf das Medikament zu verzichten, weil keine Alternativen, Arzt trägt die Verantwortung
Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.