Premiere „Untergang der Titanic“ in Gera: Das Publikum sitzt im sinkenden Schiff

Gera  Der „Untergang der Titanic“: Das interaktive Opernspektakel begeistert die Premierengäste in Gera.

Szene aus dem Theaterspektakel „Untergang der Titanic“ im Theater Gera mit Florian Neubauer als 2. Offizier Charles H. Lightoller, János Ocsovai als Sir Bruce Ismay, Ulrich Burdack als Kapitän Edward J. Smith und Gustavo Mordente Eda als 1. Offizier William M. Murdoch (von links).

Szene aus dem Theaterspektakel „Untergang der Titanic“ im Theater Gera mit Florian Neubauer als 2. Offizier Charles H. Lightoller, János Ocsovai als Sir Bruce Ismay, Ulrich Burdack als Kapitän Edward J. Smith und Gustavo Mordente Eda als 1. Offizier William M. Murdoch (von links).

Foto: Ronny Ristok

Wer als Zuschauer derzeit dem Opernspektakel „Untergang der Titanic“ im Geraer Theater beiwohnt, der ahnt, welche logistische und künstlerische Meisterleistung hinter dieser fulminanten und opulenten Aufführung steht. Mit viel Liebe zum Detail und unglaublichen 120 Mitwirkenden – Sänger, Opernchor, Philharmonisches Orchester, Kinder- und Jugendchor, Philharmonischer Chor Gera, Bürgerchor Altenburg, Statisten sowie Schauspieler Bruno Beeke – bringt Regisseur Martin Schüler die 1979 uraufgeführte Oper von Wilhelm Dieter Siebert für zweieinhalb Stunden ins komplette Theater. Selbst das Publikum spielt als Passagiere der zweiten Klasse eine Rolle.

Ein Riesenspektakel, das schon vor Vorstellungsbeginn auf dem Theatervorplatz in Gera mit heulenden Schiffssirenen und ganz in Weiß gekleideter Kapelle beginnt. Die Prominenz an Bord fährt mit Pferdekutsche vor, drei der 163 Heizer, die das gigantische Schiff mit Kohle füttern werden, gesellen sich ebenso dazu wie die armen Schlucker der dritten Klasse.

Die erzählen singend ihre Geschichte und tanzen im Kreis: „Hoppdidel-dudel-didel-hopsasa, wir fahren nach Amerika.“ Ausgelassen und hoffnungsvoll ist die Stimmung als Sir Bruce Ismay (János Ocsovai), Präsident der White-Star-Line, verkündet: „Stolz und Genugtuung erfüllt uns alle, die wir uns zur Taufe des größten und sichersten Schiffes der Welt hier eingefunden haben!“

Dann geht es hinein ins Theater und an Bord der vor Luxus strotzenden, legendären Titanic (Bühne: Gundula Martin). Das Publikum darf diesmal auf der Bühne Platz nehmen, mit Blick in den prächtigen Großen Saal des Hauses. Dort sitzt nicht nur das Salonochester mit seinem Dirigenten Thomas Wicklein, rechts im Rang befindet sich auch die Funkzentrale, mittig die Kommando­brücke und linker Hand die Luxuskabine des Unternehmers Astor (Alejandro Lárraga Schleske) und seiner Ehefrau Madeleine (Miriam ­Zubieta).

Zunächst wird man Zeuge des illustren Treibens und Müßiggangs an Bord, trifft auf den gewissenlosen und letztlich doch dem Geld erliegenden Gesellschaftsreporter Frank Holloway. Auf Tänzerinnen, die ihr großes Glück in New York erhoffen. Auf den versnobten Mr. Guggenheim (Kai Wefer), der, selbst zwölftonig singend, von abstrakter Malerei und atonaler Musik schwärmt und über Kunst und Geld philosophiert. Auf den überaus erfahrenen und ehrenwerten Kapitän Smith (Ulrich Burdack). Und auf den Spekulanten Astor, der durch miese Tricks den Aktienkurs der Reederei zum Abstürzen bringt, um später selbst die White Star Line übernehmen zu können.

Die dritte Klasse bettelt um ihr Leben

Um das Image der Reederei wieder aufzupolieren, wird der Kapitän gezwungen, die Titanic pünktlich in New York ankommen zu lassen. Dafür muss er die gefährlichere Nordroute durch die Eisberge nehmen – und das Drama nimmt seinen Lauf.

Zunächst wird trotz Kollision auch die zweite Klasse noch zu Häppchen, Sekt und Ball (Choreographie: Ingo Ronneberger) mit der millionenschweren Prominenz und dem Kapitän eingeladen. Doch bald schon bricht Hektik aus. Matrosen verteilen Schwimmwesten ans Publikum. Männer und Frauen werden getrennt und treppauf, treppab durch Kellergänge und Untermaschinerie im Theater gescheucht. Hinter Gittertüren weggesperrt, bettelt die dritte Klasse um ihr Leben. Kinder schreien von oben. Bis zum Ende der Flucht vom sinkenden Schiff spielt unbeirrt die Kapelle, doch Zeit zum Verweilen bleibt keine. Von hinten drängen die nächsten nach. Und schließlich werden die Zuschauer am Bühneneingang wieder ins Freie zum großen Finale und dem Kampf um die Rettungsboote entlassen.

Was für ein gigantischer Aufwand seitens des Theaters! Und was für eine tolle Aufführung, die vor allem durch die Leistung der vielen Mitwirkenden, der wundervollen Kostüme (Hilke Lakonen), liebevollen Details und natürlich der reizvollen Idee des Komponisten Sieberts lebt, das Publikum in seine Oper einzubeziehen. Einzig die Musik ist für manche ­Ohren wohl etwas gewöhnungsbedürftig.

Das Geraer Haus – wie auch das Altenburger zum Ende der vergangenen Spielzeit – bietet dafür mit all seinem Prunk die perfekte Kulisse und dem Publikum die Möglichkeit, sein Theater einmal ganz anders zu er­leben.

Weitere Vorstellungen vom 10. bis 15. September täglich um 20 Uhr. Alle sind jedoch bereits ausverkauft. Aufgrund der riesigen Nachfrage und langen Wartelisten plant das Theater, weitere Inszenierungen im September 2020 in Gera anzubieten.

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