Reitsportler aus Gera sitzen auf gepackten Koffern

Gera.  Nachgehakt: Auch über zwei Monate nach der Einweihung kann die neue Reithalle in Milbitz noch nicht bezogen werden.

Bis Dezember wollten Reiter und Pferde nach der Einweihung (Foto) eigentlich in die neue Halle umgezogen sein.

Bis Dezember wollten Reiter und Pferde nach der Einweihung (Foto) eigentlich in die neue Halle umgezogen sein.

Foto: Peter Michaelis

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Mehr als zwei Monate ist sie her, die offizielle Einweihung der nagelneuen Reithalle im Reitstadion in Gera-Milbitz. Wer aber davon ausgegangen ist, dass dies der Startschuss für den Reitverein Gera war, die Sportstätte mit 32 Pferdeboxen im Galopp in Beschlag zu nehmen, sieht sich getäuscht. Bis heute können sich die Vereinsmitglieder quasi nur von außen an dem millionenschweren Neubau erfreuen. Die Mitglieder sitzen auf gepackten Koffern, bestätigt Vereinschefin Sabine Beikirch auf Nachfrage: „Für uns ist es die denkbar schlechteste Situation, da wir keine Möglichkeit haben einzugreifen.“

Wegen Beanstandungen der Stadt bisher keine Inbetriebnahme

Doch wo genau hakt es denn nun? Bis heute wurde der vom Land bezahlte und durch die Thüringer Landgesellschaft errichtete Ersatzneubau nach dem Hochwasser von 2013 nicht von der Stadt Gera abgenommen. Bei der Thüringer Landgesellschaft sorgt das für Unverständnis, wie aus einem Schreiben der Gesellschaft an die Stadt hervorgeht, das unserer Zeitung vorliegt. Darin wird Bezug genommen auf eine gemeinsame Begehung am 2. Dezember, bei der die Stadt mehrere Beanstandungen zu Protokoll gegeben habe. Diese seien aus Sicht der Landgesellschaft allesamt zeitnah im Dezember abgestellt worden. „Weitere Gründe, die einer Inbetriebnahme der neuen Reithalle entgegenstehen, liegen nicht vor“, heißt es in dem Schreiben. Wenngleich von weiteren „offenen Punkten“, die Rede ist, deren Abarbeitung naturgemäß für große Baumaßnahmen länger dauere, aber nochmals zugesichert wird.

Dabei gehe es um Leitungsrechte, Grundstücksfragen sowie um Dokumentationen, aber nichts, was einem Umzug des Reitvereins aus der alten in die neue Halle entgegenstünde, wie Marcel Möller, Abteilungsleiter Wasserbau bei der Landgesellschaft, auf Nachfrage sagt. Man bleibe ja vor Ort tätig und verfügbar, schließlich sei man ja mitten in einem Prozess bei den Hochwasserschutzarbeiten in Milbitz.

Mehlschwalben sorgen für enges Abriss-Zeitfenster

Für deren Fortgang hängt am Umzug des Reitvereins eine ganze Menge, erklärt er, warum seine Seite auf eine zeitnahe Übernahme durch die Stadt drängt. Denn erst mit dem Freizug der alten Halle kann diese abgerissen werden, um Baufreiheit für die weiteren Hochwasserschutzmaßnahmen zu schaffen. Der Abriss wiederum sei beauftragt und sollte Anfang Februar beginnen. Und viel Spielraum nach hinten gebe es nicht, da man bei dem Abriss den Naturschutz und speziell die Mehlschwalben-Nester an der Halle berücksichtigen muss.

Heißt: Wird das Zeitfenster für den Abriss verpasst, könnte sich dieser und die weiteren Hochwasserschutzmaßnahmen um bis zu ein Jahr verzögern, wie aus dem Schreiben der Landgesellschaft hervorgeht. Zu bedenken sei, dass der Umzug etwa zwei Wochen in Anspruch nehme, weshalb in dem Brief auf die Freigabe bis 15. Januar gedrängt wird.

Baumaßnahme aus Sicht der Stadt noch nicht abgeschlossen

Die Stadt hingegen orientiert auf Nachfrage schon einmal auf den Folgemonat. „Sofern die grundstücksrechtlichen Belange geklärt, die Baumaßnahmen abgeschlossen und vollständige Dokumentationsunterlagen vorliegen, kann ab Februar die Übernahme erfolgen“, heißt es auf Nachfrage. Bereits seit dem zweiten Quartal 2019 seien der Landgesellschaft als Bauherr die Voraussetzungen für die Übernahme bekannt, heißt es aus dem Rathaus. Dazu würde eine „vollständige, fachgerechte und mängelfreie Realisierung des Bauvorhabens“, die Klärung von Grundstücksfragen und eine vollständige Baudokumentation gehören.

„Die im Rahmen einer Begehung festgestellten Mängel sind nach Auskunft der Thüringer Landgesellschaft behoben“, erklärt die Stadt: „Bislang liegt allerdings keine Fertigstellungsanzeige zur Tribünenanlage in der neuen Reithalle und entsprechende Abnahmeprotokolle der Stadt Gera vor. Insoweit ist die Baumaßnahme nicht abgeschlossen.“

Schwarzer-Peter-Spiel zu Lasten des Reitsports

Während Marcel Möller von der Landgesellschaft erklärt, dass die Tribünen bislang nicht Bestandteil der protokollierten Beanstandungen gewesen sei, stellt sich auch hier für ihn die Frage, ob daran der rechtzeitige Umzug der Pferde und der rechtzeitige Abriss der alten Reithalle scheitern dürfe. „Es geht allein um den ordentlichen Unterstand der Pferde und nicht sofort um große Turniere mit Publikum“, sagt er. Provisorische Unterstände für die Pferde, um auch ohne Freigabe der neuen Halle die alte wegreißen zu können, kämen nicht in Frage, das sei schon vor zwei Jahren im Gespräch mit dem Reitverein ausgeschlossen worden.

Sabine Beikirch kann bei diesem Schwarzer-Peter-Spiel nur mit dem Kopf schütteln, zumal auch sie keine offensichtlichen Gründe sieht, die gegen die Nutzung der Halle sprechen. „Wir als Vereinsvorstand kommen irgendwann gegenüber unseren Mitgliedern in Erklärungsnot, wenn keiner der Termine, die mal im Raum standen, eingehalten wird.“ Dabei würde man so gern auch einmal wieder den vollen Fokus auf den Reitsport legen, sechseinhalb Jahre nach dem Hochwasser.

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