Schon vor Jahren deutliche Anzeichen auf Raumluftbelastung in Geraer Berufsschule

"Warum nicht schon 2007", fragt die Mutter der schwererkrankten, ehemaligen Schülerin der Berufsbildenden Schule für Wirtschaft und Verwaltung in Gera, als sie von der sofortigen Schließung von sechs Unterrichtsräumen erfährt.

Die Berufsbildende Schule für Wirtschaft und Verwaltung Gera in der Enzianstraße. Foto: Tino Zippel

Die Berufsbildende Schule für Wirtschaft und Verwaltung Gera in der Enzianstraße. Foto: Tino Zippel

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Gera. Ja, sie freue sich, dass die Stadt endlich reagiere. Aber sie könne sich nicht erklären, warum erst jetzt gehandelt wird. Ihre Tochter leidet unter Konzentrationsschwäche, schlechten Blut­werten und zerstörten Nervenenden. Ein Gutachten weist nach, dass die Ursache dieser chronischen Beschwerden in der belasteten Raumluft der Schule liegen.

Offenbar gab es deutliche Alarmsignale in den Jahren nach 2006: Wie uns Zeugen bestätigen, klappten mehrfach Schüler im Gebäudeteil mit den belasteten Räumen um, so dass in mindestens einem Fall der Notarzt kommen musste.

Die Stadt Gera verweist noch heute darauf, dass bei den Tests zwar eine Luftbelastung nachweisbar war, "die Werte aber im hygienisch unbedenklichen Bereich lagen", sagt der Sprecher der Stadtverwaltung, Uwe Müller. Allein 2007 habe es fünf solcher Tests durch das Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittel­sicherheit in den Räumen gegeben. "Als Empfehlung wurde eine regelmäßige Belüftung angeraten", sagt Müller. Das Personal war angewiesen, weit vor Unterrichtsbeginn die Fenster zu öffnen - selbst bei minus 15 Grad Celsius.

"Leider wird verschwiegen, dass die Protokolle durchaus darauf hingewiesen haben, dass bei längerem Aufenthalt mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu rechnen ist", sagt Henri Bilio, der damals als Lehrer an der Schule arbeitete. Er kritisiert, dass die Schulleitung die Probleme trotz eindeutiger Hinweise verdrängte.

Bei der Ursachensuche entdeckte ein beauftragtes Unternehmen stark stinkendes Material unter den Fußböden, das aussah wie geschredderte Autoreifen. Doch statt die Räume endlich zu sperren, galt ein interner Maulkorb, wie ein Zeitzeuge der OTZ berichtete.

Bilio selbst trug schwere Schäden im Nervensystem davon, wegen der er heute nur noch verkürzt arbeiten kann. Die Unfallkasse will die wohl durch Naphthalin ausgelöste Schädigung aber nicht anerkennen. Das Sozialgericht Altenburg wies Bilios Klage ab. "Ich werde aber in die nächste Instanz gehen", sagt der Lehrer, der sich auch an den Petitionsausschuss gewandt hat.

Eine erste Antwort aus Erfurt liest sich, als wolle das Kultus­ministerium den Vorfall abwiegeln und den Betroffenen als Simulant hinstellen. Es verweist auf die Stellungnahme des Landesamtes für Verbraucherschutz, wonach ein kausaler Zusammenhang zwischen der Raumluft und den erheblichen Gesundheitsbeeinträchtigungen unwahrscheinlich sei. Bilio ist gespannt, ob die Behörden nach der - natürlich - "rein vorsorglichen" Sperrung der Räume durch die Stadt aufwachen.

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