Sylvia Eigenrauch zum neuen Alltag und altem Leid

Die Zeit nutzen

Der Schulalltag ist zurück. Auch wenn er sich seit dieser Woche für viele Kinder nicht alltäglich anfühlt. Da sind einmal die 746 Erstklässler, die vor einer Woche noch die Zuckertüten schleppten. Die Schulstarter in der Stadt Gera und in den anderen Orten im Verbreitungsgebiet unserer Lokalausgabe stellen wir seit dieser Woche im Bild vor – vorausgesetzt, die Schulleitungen erklären uns ihr Einverständnis.

Ungewohnt ist auch die Schule für die Ostschüler. Sie werden nun statt in der Karl-Liebknecht-Straße in der zuletzt leer stehenden Berufsschule in der Eiselstraße unterrichtet. Das Sanieren am 113-jährigen Schulstandort soll zwei Jahre in Anspruch nehmen. Neu ankommen müssen auch die Grundschüler, die in die Regelschulen oder Gymnasien wechselten. Ihnen allen wünsche ich ein schnelles Einleben.

Ob in ihren Geschichtsbüchern steht, wie es war als die Menschen im Herbst 1989 in Gera auf die Straße gingen? Wohl kaum. Deshalb empfehle ich die Ausstellung, die seit dieser Woche in der Johanniskirche an den Widerstand in der DDR erinnert. Den Nachgeborenen ein Gefühl dafür zu geben, was damals geschah, dafür werden die Fakten nicht reichen. Zum Glück gibt es viele, die dabei waren. Jene, die ihren Anteil nicht vor sich her tragen, schätze ich. Denn mit Schaum vorm Mund lässt sich Geschichte kaum vermitteln.

Dass in Folge der Deutschen Einheit Armut in unserer Gesellschaft einen festen Platz bekam, ist bitter. Dass sie sogar zunimmt – unfassbar. Das System der Tafeln, die neben der angeblich ausreichenden Versorgung mit Sozialleistungen beim Überleben helfen, ist krank. Es degradiert Menschen, die auf die billigen Lebensmittel angewiesen sind, ein zweites Mal. In Gera wird seit Monaten ein Benefizkonzert zugunsten der Tafel vorbereitet. Warum, frage ich, nutzte man die Zeit nicht, eine neue Ausgabestelle für die Tafel zu finden? Anläufe dafür gab es schon Ende vorigen Jahres. Oberbürgermeister Julian Vonarb ist Schirmherr des heutigen Benefiztages. Am Montag fragte er rhetorisch in der Diskussionsrunde zur Zukunft der Zeitung in unserer Redaktion: „Wann entsteht Veränderung?“. Er gab die Antwort: „Aus Innovationskraft oder Leidensdruck.“ Recht hat er. Nur sollte er den Ratschlag an andere auch selbst beherzigen.

Schönes Wochenende!

Zu den Kommentaren