Thüringerin wird zur Ersatz-Oma in marokkanischem Kinderdorf

Mehla  Uta Achtmann (69) aus Mehla im Landkreis Greiz reist mehrmals im Jahr als ehrenamtliche Helferin nach „Dar Bouidar“.

Uta Achtmann (69) aus Mehlis unterstütz jeweils für sechs Wochen das Kinderdorf Dar Bouidar am Fuße des Atlasgebirges in Marokko. Hier leben über 100 von ihren Eltern ausgesetzt Kinder.

Uta Achtmann (69) aus Mehlis unterstütz jeweils für sechs Wochen das Kinderdorf Dar Bouidar am Fuße des Atlasgebirges in Marokko. Hier leben über 100 von ihren Eltern ausgesetzt Kinder.

Foto: Uta Achtmann

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Jedes Mal, wenn Uta Achtmann nach sechs Wochen im Kinderdorf in Marokko in ihre Thüringer Heimat Mehla im Landkreis Greiz zurückkehrt, fällt ihr der Abschied im Süden und die Ankunft hier schwer. Eigentlich könnte man es genau andersherum vermuten. Doch die 69-Jährige fühlt sich wohl in dem Kinderdorf „Dar Bouidar“ am Fuße des Atlasgebirges, wo sie helfen kann, gebraucht wird, nie allein und für über 100 Kinder eine Ersatzoma ist.

Zweimal im Jahr will sie als freiwillige Helferin für sechs Wochen nach Marokko reisen. Zweimal war sie schon da, im Herbst ist die nächste Reise geplant. Für die lebenslustige Rentnerin, die sich nach der Wende als diplomierte Dolmetscherin mit einem Büro in Triebes und einem im Jena selbstständig gemacht hat, ist es eine Reise ins Abenteuer und zu einer großen Familie. „Alles ist so authentisch, der Umgang miteinander so herzlich und ehrlich“, schwärmt Uta Achtmann während sie von „Dar Bouidar“ spricht, zeigt sie auf ihrem Handy Fotos von den Kindern, ihren Hausmüttern und weiteren internationalen Freiwilligen, die alle eine besondere Geschichte in dieses Dorf geführt hat.

30 Kilometer von Marrakesch entfernt ein Kinderdorf gegründet

Der ehemalige Schweizer Versicherungsunternehmer HansJörg Huber (74) hat 2012 mit einer großen Vision vor Augen und von einem Großteil seines eigenen Vermögens elf Hektar Land gekauft. 30 Kilometer von Marrakesch entfernt hat er ein Kinderdorf gegründet, das seither gewachsen ist und stetig größer wird. Bis jetzt sind elf Häuser fertig geworden und längst wohnen über 100 Kinder hier – auch einige mit Behinderungen.

Die Kinder, die in „Dar Bouidar“ ein neues Zuhause finden, sind unehelich. Die Mütter wurden teilweise mit falschen Eheversprechungen zu einem Schritt gedrängt, der ihr Leben in der Gesellschaft schwierig macht. Uneheliche Kinder werden in Marokko ausgestoßen, ihre Mütter oft auch. Sie bringen Schande über ihre Familie, erklärt Uta Achtmann. Es sei daher nicht unüblich, die Babys einfach vor einer Kirche, Moschee oder Polizeistation „wegzulegen“ – rund 9000 Kinder sind das jährlich. Wenn sie Glück haben, dürfen sie im Kinderdorf aufwachsen. Rund 80 Prozent der dort lebenden Kinder sind deshalb zwischen null und sechs Jahre alt.

Mit zehn bis elf Kindern pro Haus und zwei Hausmüttern pro Schicht werden sie Teil einer großen Gemeinschaft. Und dank der Spenden und der gegründeten Stiftung fehlt es ihnen an nichts. Sie haben mehr Spielzeug und Kleidung, als sie bräuchten, weshalb Hansjörg Huber diese Alltagsdinge auch großzügig an einheimische Familien verschenkt.

Mittelweile gibt es im Dorf eine eigene Schule auf dem großzügigen Gelände, das von einer Mauer umsäumt ist. Um Anfeindungen von außen zu vermeiden, hat sich der Begründer entschieden „seine“ Kinder, die neben ihrer Muttersprache Marokkanisch-Arabisch auch noch Französisch und später Englisch lernen, nicht auf eine öffentliche Schule zu schicken. „Denn viele Einheimische verstehen nicht, wieso man sich für diese Kinder so einsetzt. Ihr Leben ist ein Spießrutenlauf, geprägt von Vorurteilen“, erzählt Uta Achtmann, die selbst Mutter dreier Kinder ist.

Den Müttern der abgegebenen Kinder ist übrigens ein freies Besuchsrecht eingeräumt. Allerdings wird das nur selten in Anspruch genommen, bedauert Uta Achtmann. Was den Kindern an körperlicher Zuwendung durch ihre leiblichen Eltern fehlt, wird durch die marokkanischen Mütter in den Häusern und durch die freiwilligen Helfer und Großeltern wie Ute Achtmann wett gemacht. „Wir kuscheln viel mit den Kindern, spielen mit ihnen, helfen ihnen ins Leben. Und dabei muss man keine gemeinsame Sprache sprechen. Wir kommunizieren mit dem Herzen und den Augen“, erzählt die Rentnerin. Das Miteinander sei einfach traumhaft.

Nachdem ihre zu pflegende Mutter 2016 verstorben war, hat Uta Achtmann nach einer Aufgabe gesucht und war durch eine Fernsehreportage auf das Kinderdorf in Marrakesch aufmerksam geworden. Sie hat ihre Hilfe angeboten und ist mittlerweile Teil einer großen Schar an freiwilligen Helfern aus der halben Welt, die über kurz oder lang und häufig auch regelmäßig im Dorf mitarbeiten.

Die Zukunftsvision von HansJörg Huber ist es, einen Musterbauernhof zu errichten, geführt von einem diplomierten Agronom, um die Selbstversorgung auszubauen. Jedes Kind soll künftig so von klein auf die Möglichkeit haben, Verantwortung über ein Tier oder ein Stück Land zu haben. Was überproduziert wird, soll auf lokalen Märkten zu Gunsten des Dorfes verkauft, allenfalls getauscht oder den Nachbarn verschenkt werden.

Haus speziell für behinderte Kinder steht kurz vor der Vollendung

Die eigene Moschee auf dem Gelände, welche die Zugehörigkeit zum Königreich Marokko symbolisiert, soll künftig mitten im Dorf als Ort der Zusammenkunft dienen. Auch ein Haus speziell für behinderte Kinder steht kurz vor der Vollendung. Selbst ein Therapiezentrum wird noch entstehen, die Gelder für den Bau sind bereits bewilligt. „Angedacht ist auch künftig, Handwerksmeister aus der Schweiz für eine fundierte Ausbildung der Mädchen und Jungen nach Marokko zu holen“, erzählt die Ersatz-Oma aus Thüringen.

Neben der schulischen Ausbildung, so erzählt Uta Achtmann weiter, wird großer Wert auf die gesunde Ernährung der Kinder gelegt und jeden Tag typisch marokkanisch mit viel Obst, Gemüse, Salat und selbstgebackenem Fladenbrot für die über 100 Kinder und 40 Erwachsenen gekocht.

Wer möchte, kann die Patenschaft für ein Kind in „Dar Bouidar“ übernehmen oder den Verein mit Spenden unterstützen. Auch freiwillige Helfer und Ersatz-Großeltern sind gern gesehen.

Alle Informationen unter www.atlas-kinder.org ; Spendenkonto des Vereins: Deutsche Stiftung für die Kinder von Dar Bouidar e.V.; IBAN: DE35591900000118020006 - BIC: SABADE5S , Bank 1 Saar; Kontakt: huberhansjoerg@gmail.com .

Alle Informationen unter www.atlas-kinder.org ; Spendenkonto des Vereins: Deutsche Stiftung für die Kinder von Dar Bouidar e.V.; IBAN: DE35591900000118020006 - BIC: SABADE5S , Bank 1 Saar; Kontakt: huberhansjoerg@gmail.com

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