Blick auf DDR-Alltag: Zufällig Lenin wiedergetroffen in Gera

Geras  Die New Yorker Fotografin Judith Gilbert besuchte die DDR – Das Stadtmuseum zeigt jetzt ihren Blick auf diesen Alltag

Spielwarenladen in Gera.

Spielwarenladen in Gera.

Foto: Judith Gilbert

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Als vor etwa anderthalb Jahren Judith Gilbert bei ihm anrief und anbot, Fotografien von ihrer DDR-Reise aus dem Jahr 1983 auszustellen, zögerte Matthias Wagner vom Geraer Stadtmuseum anfangs. „Ich dachte, Fotos von Gera aus den 80ern haben wir auch im Stadtarchiv reichlich vorrätig“, erzählt er schmunzelnd. Dann jedoch begeisterte ihn zunehmend diese Idee. Denn Judith Gilbert hatte nicht irgendwelche Fotos.

Als junge US-Touristin besuchte sie mit der Liga für Völkerfreundschaft für zwei Wochen die DDR. Die exakt durchorganisierte Reise führte sie nach Berlin, Leipzig und Jena, hauptsächlich aber nach Gera. Acht Tage lang nächtigte die amerikanische Delegation im Interhotel der Stadt. Für Judith Gilbert war der Blick hinter den Eisernen Vorhang abenteuerlich, merkwürdig und amüsant zugleich.

43 der auf dieser Reise entstandenen Fotos ziehen nun den Besucher des Stadtmuseums in ihren Bann. Denn ihr Blick von außen entpuppt sich oft als ein anderer als der von Einheimischen. So fotografierte Judith Gilbert das Rathausportal, bei dem Historisches zusätzlich mit Sichel und Ährenkranz geschmückt war.

Sie lichtete verkleidete Abiturienten in der Großen Kirchstraße ab und einen Kindergarten mit Fotos von Rosa Luxemburg, Clara Zetkin und Karl Liebknecht. Ihr war der sitzende Bronze-Lenin vor der SED-Bezirksleitung eine Aufnahme wert und die Spruchmauer in der Johannisstraße. Vielfach sind es Dinge, die für Geraer damals so alltäglich waren, dass davon heutzutage manchmal gar keine Fotos existieren. „Beispielsweise haben wir in unserem Museumsbestand kein einziges Bild, auf dem die Inschrift der Mauer in der Johannisstraße festgehalten ist“, berichtet Matthias Wagner.

Fotografien der Berlin-Station runden die Schau ab. Zudem hat Judith Gilbert ihre Arbeiten für die Gera-Schau im Nachhinein mit detailgetreuen, aufschlussreichen, sehr unterhaltsamen Reiseerinnerungen ergänzt. Über ihre Vorbereitungen schreibt sie zum Beispiel: „Mir war auch klar, wird mir eine Reise finanziert, wird wahrscheinlich eine Gegenleistung erwartet. Meine Professorinnen haben mir geraten, mich etwas auffällig zu verhalten, mich in einer solchen Art und Weise zu präsentieren, dass ich nicht als Agentin in Betracht käme. Ich habe mich also entschieden, mich etwas auffällig anzuziehen. Und ich würde mich als Vegetarier outen. Das musste reichen.“

Zur Vernissage besuchte Judith Gilbert, die seit langem in München lebt, Gera erneut. Bei einem Streifzug durch die Stadt kam zufällig die Lenin-Statue für einen Filmdreh an ihren ursprünglichen Platz zurück. Judith Gilbert traf also Lenin wieder – und ließ sich mit ihm ablichten – wie vor 36 Jahren.

„Hinter dem Eisernen Vorhang. Fotografien von Judith Gilbert“ – Studioausstellung im Stadtmuseum Gera bis 26. Januar 2020

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