„Chancenlos ist man nie“

Langenwetzendorf  Landtagswahl Der gerade mal 20 Jahre alte Raphael Heyer (SPD) tritt als Direktkandidat im Wahlkreis 39 an

Raphael Heyer wohnte lange in Daßlitz. Dort habe er die Probleme des Landlebens gespürt. Löchrige Netzabdeckung und Nahverkehr sowie Lehrermangel.

Raphael Heyer wohnte lange in Daßlitz. Dort habe er die Probleme des Landlebens gespürt. Löchrige Netzabdeckung und Nahverkehr sowie Lehrermangel.

Foto: Börner

Die Antwort auf die Frage, wann er begann, sich für Politik zu interessieren, fällt Raphael Heyer leicht. „Da gab es zwei Schlüsselerlebnisse“, sagt er. Das eine ist die Bundestagswahl 2013. Als 14-Jähriger sitzt er vor dem Fernseher und verfolgt die Berichterstattung. „Ehrlich gesagt habe ich kein Wort verstanden“, sagt er. Wer sind die Gewählten und wie machen sie Gesetze?

Zwischen Ernüchterung und Aufbruchswillen

Das andere Erlebnis trifft ihn unmittelbarer. Er besucht das Ulf- Merbold-Gymnasium in Greiz. Als er bei der Wahl zur Schulkommission antritt, erreichen er und ein Mitschüler gleich viele Stimmen. Wer es in das Amt schafft, entscheidet am Ende das Losverfahren. „Das fand ich furchtbar undemokratisch, wie so viele Entscheidungen, die über die Köpfe der Schüler hinweg getroffen wurden“, sagt er.

Zwei Voraussetzungen für seine politische Karriere sind damit vorhanden. Er habe verstehen wollen, wie Politik funktioniert und Veränderungen herbeiführen wollen. 2016 tritt er der SPD bei. „Dort fand mein jugendlicher Idealismus, der sich eine gerechtere Gesellschaft wünscht, und die Bereitschaft zu einer Konsenspolitik eine Heimat.“

Er besucht Veranstaltungen der Partei. „Ich wollte wissen, wie der Laden läuft“, sagt er. Die politische Realität ernüchtert ihn anfangs. „Doch ich merkte schnell, je näher du dran bist, umso mehr kannst du verändern.“ Die Basisdemokratie bei der Jugendorganisation der SPD – den Jusos – habe ihm Mut gemacht. Nach dem Abitur beginnt er ein Lehramts-Studium in Erfurt und engagiert sich dort in der Partei. Der Blick in die Heimat bleibt. „Ich bin hier aufgewachsen. Wir dürfen den ländlichen Raum nicht aufgeben.“ Heyer lebt lange mit der Familie in Daßlitz, einem Ortsteil von Langenwetzendorf. Mit 17 sei es bedrückend gewesen, nachdem der letzte Bus gefahren war, „festzusitzen“. „Solche Erlebnisse nähren nicht nur bei der jungen Generation das Gefühl, hier auf dem Land weniger zu haben als der Rest“, sagt er. Denn Ausbau des Nahverkehrs sei schließlich etwas, was sich ein reiches Land wie Deutschland leisten könne. Genauso wie schnelles Internet für alle, faire Löhne und ein Nahverkehrs-Ticket für Azubis sowie ausreichend Lehrer an den Schulen. Man müsse nur wollen und mutiger investieren. „Sonst ist es klar, dass sich die Menschen abgehängt fühlen.“ Dass wegen dieses Gefühls mancher Wähler das Kreuz bei der AfD macht, will er nicht verstehen. „Es ist klar, dass unser Wohlstand ungleich verteilt ist. Aber die AfD tritt nur nach unten, gegen schwächere Mitglieder der Gesellschaft“, sagt er. Für ihn sei es eine Herausforderung, wenn gestandene Wähler denken, ihnen versuche ein 20-Jähriger „die Welt zu erklären“. „Deswegen nehme ich in Gesprächen mit den Bürgern vieles an. Aber ich habe klare eigene Positionen und Grenzen des Diskutierbaren – und die liegen bei Rassismus, Sexismus und Fremdenfeindlichkeit.“ Heyer tritt auf Platz 42 der Landesliste und als Direktkandidat an. Freunde haben gefragt: „Warum machst du das? Du hast eh keine Chance.“ Seine Kandidatur sei auch Botschaft an die Jugend. „Ich will zeigen, dass auch junge Menschen Einfluss nehmen und Veränderungen herbeiführen können.“ Chancenlos sei sein Unterfangen nicht. „Ist es nie. Sonst würde ich gar nicht antreten“, sagt er.

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