Vortrag zur Arisierung

Die Arisierung war „ein Riesengeschäft“

Greiz.  Armin H. Flesch spricht in Greiz über den dunklen Ursprung zweier Frankfurter Unternehmen, von denen eines auch Verbindungen nach Greiz hat.

Der Frankfurter Journalist, Armin H. Flesch, sprach in der Kulturgarage des Vereins Alte Papierfabrik Greiz über die Arisierung von Unternehmen von jüdischen Eigentümern während der Nazizeit. 

Der Frankfurter Journalist, Armin H. Flesch, sprach in der Kulturgarage des Vereins Alte Papierfabrik Greiz über die Arisierung von Unternehmen von jüdischen Eigentümern während der Nazizeit. 

Foto: Tobias Schubert

Dass der Abend mit dem Journalisten Armin H. Flesch in der Kulturgarage des Vereins Alte Papierfabrik Greiz keine leicht verdaubare Kost wird, wird schnell klar. Über die Arisierung von Unternehmen im jüdischen Eigentum will er sprechen. Jahrelang hat er dafür in in- und ausländischen Archiven recherchiert, unter anderem auch in Greiz.

Die Arisierung habe viele Lebensbereiche betroffen nicht nur die Wirtschaft, so Flesch. Ab 1938 habe die Arisierung schließlich auch einen gesetzlichen Rahmen erhalten, als man begriff, dass das „ein Riesengeschäft ist“. Profitiert hätten viele. Die Hinterlassenschaften der Juden wurden an Ausgebombte verteilt oder öffentlich versteigert. Das Zahngold der Toten wurde zum Ankauf von Milchpulver oder Butter in der Schweiz verwendet oder landete wieder im Mund von Wehrmachtssoldaten. Das sind nur ein paar Beispiele.

Bei Firmen im jüdischen Eigentum sei das nicht anders gewesen. Von rund 100.000 geht man aus, vom Tabakladen bis hin zum Großbetrieb. 25 bis 30 Prozent seien arisiert, der Rest liquidiert worden. Bis heute würden die Arisierer und dessen Erben dies aber häufig verschweigen. So etwa bei der 1914 gegründeten Vogel Auto Inneneinrichtungs GmbH. Es war dieser Fall, der in zu seinen Recherchen brachte. Denn die Erben der Firmengründer, darunter Rolf Stürm, hatten sich auf die Suche begeben, was aus der Firma der Vorfahren, die nach der Arisierung unter dem Namen Elsen und Hemer bis heute für viele Fahrzeuge Autoteile herstellen. Damals hatte es auf der Firmenwebseite noch geheißen, man schaue auf eine 100-jährige Familientradition zurück. Heute steht auf der Webseite nur „Wir blicken auf eine Gründung im Jahr 1914 zurück“. Von den ursprünglichen Gründern fehlt jede Spur. Unerwähnt ist auch, warum diese ihr Unternehmen verloren, selbst nach E-Mails von Stürm, einem Interview von Flesch und sogar einem Besuch der Gründererben bei der heutigen Geschäftsführung.

Der zweite Fall ist ähnlich. Auf der Webseite des Chemie-Unternehmens Zschimmer und Schwarz, das seine erste Fabrik in Greiz-Dölau gründete, findet man unter dem Jahr 1939 den Eintrag „Kauf der Flesch-Werke AG in Oberlahnstein am Rhein“. Doch auch die Flesch-Werke AG war bis in die 1930-er Jahre hinein im Eigentum von Juden. Weil sie aber mit einem Kredit unter anderem bei der Dresdner Bank, damals die Hausbank der SS, in Verzug geraten seien – eine Aktennotiz der Bank aus dem Jahr 1933 scheint anderes zu belegen – wurde 1937 die Versteigerung der Aktien beschlossen zuletzt an die zwei „Privatinvestoren“, Carl Goetz, seit 1933 Vorstandssprecher der Dresdner Bank und ab 1936 ihr Aufsichtsratsvorsitzender, und der thüringische NSDAP-Gau­wirtschaftsberater Otto Eberhardt. Und ein weiterer Name spielt eine Rolle: Rudolf Friedrich Wil­helm Schwarz, NS-Parteigenosse seit 1933, Mitglied in vier Parteiorganisationen sowie ab 1936 Kreiswirt­schafts­berater der NSDAP im Landkreis Greiz und Werkleiter des Zschimmer und Schwarz-Werkes in Greiz. Er war für die Erfassung aller Unternehmen zuständig, die gewinnbringend entjudet werden konnten und meldete diese an Eberhardt weiter. Als Dank gab es wohl die neue Fabrik am Rhein, vermutet der Referent.

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