Greizer räumt auf mit der Angst vorm Organ-Ersatzteillager

Greiz.  Die Angst, nicht als Patient die beste Medizin zu bekommen und als Organ-Ersatzteillager zu dienen, hindert die Spendenbereitschaft auch in Greiz.

Dr. Hagen Geyer, Chefarzt der Urologischen Klinik im Kreiskrankenhaus Greiz.

Dr. Hagen Geyer, Chefarzt der Urologischen Klinik im Kreiskrankenhaus Greiz.

Foto: Petra Lowe

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Die neue Regelung treibt ihn immer noch um. Hagen Geyer, Chefarzt der urologischen Klinik am Kreiskrankenhaus in Greiz, ist verärgert, dass der Vorschlag, der jeden zum Organspender gemacht hätte, der nicht widerspricht, im Bundestag durchfiel. Als erfahrener Transplantationsmediziner, der viele Jahre auf dem Gebiet tätig war, weiß er genau, wie schwierig es auch in Zukunft sein wird, Organe für Bedürftige zu bekommen.

Und dabei hatte er so gehofft, dass die Politik die Notwendigkeit dafür einsieht. Offenbar steht Geyer nicht allein. Denn die Diskussion zeigt Wirkung und die will man am Laufen halten. Die Nachfrage nach Organspendeausweisen hat sich im Januar 2020 (740.000) zu letztem Jahr verdoppelt. Vermutet wird, dass sich mancher nach der Bundestagsdiskussion mehr Gedanken gemacht hat. Es ist eine Hypothese.

Erfassung des Spenderwillens kaum möglich

Doch wie viel mehr sind wirklich bereit? Wenn überhaupt, kann dies nur gemessen werden durch Nach- und Umfragen, Gespräch in der Sterbesituation oder durch Information der offiziellen Stellen, wie den Krankenkassen. „Von den Krankenkassenaktionen haben wir allerdings keine Rückmeldungen“, offenbart Kerstin Keding-Bärschneider vom Verband der Ersatzkassen (vdek) Thüringen. Ergebnisse seien nicht messbar. „Wir wissen zwar, wie viele Krankenkassenversicherte durch Aktionen oder Maßnahmen erreicht werden, wissen aber nicht, wie viele Versicherte sich aufgrund der Informationen für eine Organspende entschieden haben“. Wenn man sich zum Organspenderausweis oder auch der Patientenverfügung pro Spende entschieden hat, dies aber im Vorfeld nicht mitteilt, dann weiß auch niemand, wie viele Spenderbereite es tatsächlich gibt.

Die Ungewissheit hätte sich mit dem neuen Gesetz lösen können - jeder wäre es gewesen. „Warum nicht“, fragt Geyer. „Man kann es sich nicht nur gut gehen lassen, nichts abgeben und dann erwarten, dass man das Organ bekommt, was man braucht“, sagt der Mediziner, der selbst Organspender ist - abgesprochen mit der Familie.

Angst vor Ersatzteillager?

Aber woran liegt es, dass Menschen die Organspende ablehnen? Die Angst besteht, dass man zu schnell für tot erklärt, der Einzelne als Ersatzteillager gesehen wird. Die Ursache für diese diffuse Angst sieht Geyer darin, dass keiner bereit sei, über den Tod nachzudenken.

„70 sei die neue 50 - Patienten sehen vielleicht so aus, aber mit 80 ist das dann nicht mehr so“, gibt Geyer zu bedenken. Da würden sich die persönlichen Bedürfnisse ändern, man gehe nicht mehr so viel aus dem Haus. Bei diesen älteren Leuten fänden sich dann eher Organspender. Die Verkehrsunfallrate sinkt, das sei gut.

Aber auch die Rate der Organspenden aus dem Klientel der Unfalltoten. Daraus folgt, dass das Spektrum der Spender alte Menschen sind. Und hier heißt es: Wenn 75 Jahre alt, dann 75 Jahre alte Organe.

Und was ist mit der Angst vorm Ersatzteillager? Es sei ein Irrglaube, dass ein Mensch als Organspender behandelt würde, sagt der Chefarzt. „Bis er tot ist, ist er ein Patient.“ Erst wenn der Hirntod festgestellt wurde, kann ein Toter Spender werden.

Erst wenn das Beatmungsgerät abgestellt ist. Geyer findet das Regularium, dass der Hirntod-Erklärung vorgeschaltet ist in technischer und medizinischer Hinsicht zurecht aufwändig und gut. Das beinhalte auch, mit den Angehörigen zu reden, vor allem wenn keine Patientenverfügung oder ein Organspendeausweis vorliegt. Aber auch, wenn alles klar ist, müssten die Angehörige verstehen, was passiert.

„Es piept, alles ist fremd, die Intensivstation ist kein anheimelnder Ort, das Personal ist in ständiger Achtung und Eile.“ Pumpen und Maschinen arbeiten, die den Patienten scheinbar am Leben halten. Der Brustkorb hebt und senkt sich, der Körper kann schwitzen. Aber es gibt keine Hirnfunktion mehr.

„Die Organe werden am Funktionieren gehalten. Eine ganz harte Situation, in der man wohl kaum über Organspende nachdenken kann“, betont der Chefarzt. Zwei Ärzte diagnostizieren unabhängig voneinander: Patient liegt im Koma, atmet nicht mehr, hat keine Reflexe mehr. Im technischen EEG sind Hirnströme nicht mehr nachweisbar.

Wieso Hirntod und nicht Herztod?

Der Hirntod ist nicht so häufig wie der Herztod. Im Ausland erfolgt die Organentnahme unter Umständen schon, wenn ein Herztod festgestellt wurde. Davon hält der Greizer Mediziner überhaupt nichts. Er sieht darin ein ethisches Problem. Es seien zu viele Fragezeichen. Vielleicht hätte man den Patienten doch noch reanimieren können? „Das würde ich nicht machen“, sagt Geyer.

Es müsse der ganze Prozess transparenter gemacht werden, zeiht Geyer ein Fazit. Das betrifft nicht nur die Zahlen zu Organen, Spendern und Transplantationen. Das ist zu abstrakt. Die Frage des Todes, die Zeit für die Transplantation, die Folgen und die Kosten für dieses Verfahren müssten offener angesprochen werden, meint Geyer. Das brächte mehr Verständnis. „Vielleicht werden wir in zehn Jahren oder mehr klarer sehen, wenn wir alle Organspender sind.“

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