„Mit Feigheit kann man nichts gewinnen“

Ilmsdorf  Marcus Dörfer aus Ilmsdorf bei Bürgel wird künftig die Geschicke der BSG Wismut Gera lenken. Wir sprachen mit dem Coach – und zwar nicht nur über Fußball

Literaturwissenschaftler und Germanisten könnten beim Anblick des linken Armes von Marcus Dörfer womöglich in Verzückung geraten, schließlich trägt er dort ein tätowiertes Konterfei von Johann Wolfgang von Goethe.

Literaturwissenschaftler und Germanisten könnten beim Anblick des linken Armes von Marcus Dörfer womöglich in Verzückung geraten, schließlich trägt er dort ein tätowiertes Konterfei von Johann Wolfgang von Goethe.

Foto: Marcus Schulze

Es ist gar nicht so einfach, Marcus Dörfer zu finden, denn sein Domizil im lieblichen Ilmsdorf bei Bürgel liegt wahrlich am Ende des Dorfes. Doch wenn man einmal sein Haus, es ist sein Geburtshaus, erreicht hat, wird man von Marcus Dörfer aufs Herzlichste empfangen. Im Inneren stehen dann auch gleich alle Zeichen auf Fußball, im Wohnzimmer verfolgt der 35-jährige Trainer das Geschehen bei der U21 Europameisterschaft zwischen Deutschland und Rumänien. Doch damit nicht genug, denn nach ein paar Minuten gesellen sich auch noch Daniel Sander (Trainer SV Jena-Zwätzen), Christian Köbe (Trainer SG Silbitz/Königshofen) und Thomas Wirth von Preußen Langensalza in Ilmsdorf dazu. Dörfer hat geladen. Mehr Fußball aus der Region geht eigentlich kaum. Darüber hinaus hat Marcus Dörfer, der nunmehr die Geschicke der BSG Wismut Gera lenkt, auch noch einiges zu erzählen. Da wäre beispielsweise der schwierige Abschied von Gera-Westvororte, seine Pläne mit Wismut Gera oder warum er Ernst Happel und Johann Wolfgang von Goethe bewundert. Ach ja, da wäre auch noch die Geschichte, in der er davon berichtet, warum kaum ein Spieler von Gera-Westvororte bei ihm im Auto mitfahren wollte. Doch lesen Sie selbst ...

Eher nicht. Da ich ja als gelernter Handwerker die Abläufe kenne, vieles für mich sozusagen Routine ist, kreisen meine Gedanken auch während der Arbeit oftmals um das Thema Fußball.

Das klingt jetzt nicht so, als ob Sie die paar Wochen Abstand von der kickenden Materie während der Pause unbedingt bräuchten?

Brauche ich auch nicht. Ich muss diesbezüglich nicht unbedingt abschalten. Außerdem geht das auch nicht wirklich, denn die Saisonvorbereitung ist bereits in vollem Gange.

Ist ein Marcus Dörfer ohne Fußball also quasi gar nicht denkbar?

(lacht) Ich halte es mit Ernst Happel, der da einst sagte: „Ein Tag ohne Fußball ist ein verlorener Tag“.

Ui, Ernst Happel, einer der ganz großen Trainer, der Grantler aus Wien, der den Hamburger SV einst an die europäische Spitze führte – ist das ein Vorbild von Ihnen?

Auf jeden Fall. Er war wegweisend für den modernen Fußball. Ich denke da nur an das Pressing. Happel war eine sehr beeindruckende Trainerpersönlichkeit.

Sie sind aber mit Ihren 35 Jahren eigentlich etwas zu jung für den Grantler aus Wien?

(lacht) Das mag schon sein, doch als junger Trainer gehe ich ja nun auch nicht mehr durch. Ich habe mich zwar bei der Wismut als solcher vorgestellt, doch danach wurde mir bewusst, dass das wohl das letzte Mal war, dass ich mich so vorstellen werde. Zumal meine beiden Vorgänger mitunter jünger waren als ich. Frank Müller war 32, Carsten Hänsel ebenfalls 35.

Nun gut, kurz vor Ihrem vermeintlichen Alters-Wendepunkt konnten Sie ja noch mit Gera-Westvororte die Staffelmeisterschaft holen. Gegen Ende der Saison war jedoch schon bekannt, dass Sie Westvororte gen Wismut Gera verlassen werden. Wie kam das bei Ihren damaligen Spielern und auch bei den Verantwortlichen des Vereins an? Ich kann mich noch daran erinnern, dass der eine oder andere der Überzeugung war, dass Westvororte deswegen noch die Meisterschaft auf den finalen Metern verspielen wird.

Es war natürlich eine sehr schwierige Situation, zumal ich nicht geplant hatte, Westvororte zu verlassen. Ich meine, sie sehen hier die Baustelle in meinem Haus. Das hätte ich nicht in Angriff genommen, wenn ich denn einen Wechsel angestrebt hätte. Es gab für mich auch keinen adäquaten Verein zu Westvororte ...

... bis eben die Wismut an Sie herantrat.

Richtig – und ich hätte niemals damit gerechnet, dass ein Verein wie Wismut Gera mich auf dem Schirm hat.

Sind Sie stolz darauf, dass sich die BSG bei Ihnen meldete?

Auf jeden Fall. Wir reden hier von einem Verein, der zwar jetzt wieder in der Thüringenliga spielt, aber durchaus Ambitionen hat, künftig wieder in der Oberliga mitzumischen – und davon gibt es nicht so viele Mannschaften in Thüringen. Das macht das Projekt „Wismut“ auch so interessant für mich.

Haben Sie gezweifelt?

Na ja, ich war anfangs schon ein wenig skeptisch, da ich ja vollends mit dem Umbau meines Hauses beschäftig war und auch noch bin. Meine Frau gab mir jedoch zu verstehen, dass sie mich unterstützen wird bei dieser neuen Herausforderung – und das hat mir bei meiner Entscheidung schon sehr geholfen.

Das erinnert mich an den Song „Lose Yourself“ von Eminem, in dem er darüber rappt, dass man gewisse Chancen nur einmal im Leben bekommt.

Das trifft es sehr gut. Es ist eine einmalige Chance für mich. Hätte ich abgelehnt, hätten sie einen anderen Trainer gefunden, der dann womöglich für die kommenden zwei, drei Spielzeiten im Amt ist. Ich glaube nicht, dass ich zu einem anderen Zeitpunkt noch einmal besagte Chance bekommen hätte. Außerdem, auch das darf man nicht vergessen, ist die sportliche Perspektive durchaus sehr verlockend, auch wenn man das in Gera oftmals nicht sehen möchte. Da überwiegt nicht selten das Negative bei der Wahrnehmung der Wismut.

Was ist denn für Sie das Positive in puncto BSG Wismut Gera?

Was oft vergessen wird, ist, dass Wismut Gera ein gestandener Verein ist, den man nicht nur in Ostthüringen wahrnimmt. Meine Frau arbeitet in Leipzig, stammt auch von dort, und selbst da kennt man die BSG Wismut Gera. Meine Frau wurde, nachdem mein Wechsel offiziell war, darauf angesprochen. Was ich letztlich damit sagen will: Wismut Gera ist nicht irgendein x-beliebiger Verein.

Doch bei Westvororte war man über Ihren Wechsel alles andere als begeistert.

Das stimmt natürlich. Und als meine Entscheidung dann die Runde machte, gelang es den Verantwortlichen bei Westvororte leider nicht, Ruhe in die Mannschaft zu bringen.

Waren die Spieler von Ihnen enttäuscht?

Waren sie – und ich kann das auch verstehen. Wenn man so will, war ich danach zum Abschuss freigegeben.

Nichtsdestotrotz, Sie haben trotz Unmut und Unruhe in den eigenen Reihen den Titel geholt.

Das lag nicht an den Verantwortlichen des Vereins und auch nicht an mir, sondern ausschließlich an den Führungsspielern in meinem Team.

Wer waren besagte Spieler und was haben sie gemacht?

Das waren Maximilian Dörlitz und Rico Heuschkel. Insbesondere Letzterer hat in dieser schwierigen Phase Verantwortung übernommen, auch in verbaler Hinsicht – gerade vor dem wichtigen Spiel im Mai gegen Schott Jena II. Mir hätte zu jenem Zeitpunkt, nachdem alle über meinen geplanten Weggang informiert waren, sowieso keiner mehr zugehört. Rico hat dann ein Signal gesetzt, hat während des Aufwärmens vor der Partie alle Spieler um sich herum versammelt und sie auf die Partie eingeschworen – und zwar mit Erfolg, siegten wir doch 3:0.

Wissen Sie, was er der Mannschaft sagte?

Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Entscheidend war jedoch, dass er es auf dem Platz und nicht in der Kabine tat, sodass es alle sehen konnten. Es war ein eindeutiges Signal.

Sie waren zwei Spielzeiten bei Westvororte. Ihr Resümee ...

Es war zweifelsohne eine schöne Zeit. Die Spieler sind sehr engagiert, aber auch sehr empathisch. Ich denke da an das eine Spiel in der Saison 2017/18 gegen Silbitz/Königshofen, wo ich ja zuvor Trainer war. Mein Abgang dort war alles andere als schön. Meine Spieler hatten gespürt, wie wichtig mir diese Begegnung ist und ließen mich dann auch nicht im Stich. Am Ende siegten wir zu Hause 6:1. Das werde ich meinen Spielern nie vergessen. Deswegen war es auf der einen Seite dann auch sehr schwer für mich, den Verein zu verlassen. Auf der anderen Seite hat es mir der Verein gen Ende auch sehr leicht gemacht. Ich weiß noch, wie ich hier im Wintergarten in meinem Haus mit meiner Frau saß und ich zu ihr sagte, dass mir jetzt schon vor dem letzten Spieltag graut.

Waren Sie froh, als besagter Spieltag Geschichte war?

Ich war wahrlich erleichtert. Die Woche darauf gab es eine Feier mit den Fans, bei der auch Spieler verabschiedet worden. Ich wurde jedoch vom Präsidenten von Westvororte explizit ausgeladen – und so ein Agieren macht es einem dann halt auch leicht, zu gehen und sich vollends auf etwas Neues zu konzentrieren.

Sind Sie in den zwei Jahren bei Westvororte als Trainer gewachsen?

Zweifelsohne. Es war schon kein unerheblicher Schritt von Silbitz/Königshofen zu Westvororte. Die Spieler waren gut ausgebildet, man konnte auch in methodischer Hinsicht mit ihnen sehr gut arbeiten. Ich habe ihnen einmal etwas erklärt – und dann hat es gepasst. In Silbitz/Königshofen ging das nur bedingt. Es war für mich auch eine Umstellung, aber eine durch und durch positive und auch progressive.

Und jetzt kommt für Sie der nächste große Schritt. Sind Sie aufgeregt?

Nein, überhaupt nicht. Stattdessen verspüre ich eine unglaubliche Vorfreude. Der Kader für die kommende Spielzeit steht. Es mangelt nicht an Potential. Außerdem habe ich gemerkt, welche Anziehungskraft Wismut besitzt, denn zwei Spieler vom VFC Plauen haben sich von sich aus bei uns gemeldet. Benjamin Keller, der im defensiven Mittelfeld beheimatet ist, und Innenverteidiger Nils Bauer. Beide 22 Jahre jung.

Kader ist ein gutes Stichwort: Sie werden ja auch Stürmer Rico Heuschkel und Maximilian Dörlitz mit in das „Stadion am Steg“ nehmen.

Rico hat schon einmal bei der Wismut gespielt. Maximilian ist indes über sieben Jahre für Westvororte aufgelaufen, war dort auch Kapitän, und er hatte einen maßgeblichen Anteil daran, dass der TSV am Ende noch den Titel geholt hat. Natürlich nehmen ihm viele jetzt den Wechsel übel, obwohl er nie gesagt hat, dass er für immer bei Westvororte bleiben will.

Wismut Gera ist ja aufgrund seiner finanziellen Misere freiwillig in die Thüringenliga abgestiegen. Welchen Platz streben Sie mit ihrem neuen Team bei der Endabrechnung 2020 an?

Schwer zu sagen. Aus dem Kader der vergangenen Saison konnten nur fünf bis sechs Spieler gehalten werden. Alle Zeichen stehen also auf Umbruch. Es werden A-Junioren sowie der eine oder andere Protagonist aus der 2.Mansnchaft dazustoßen. Die große Herausforderung wird jedoch für mich darin bestehen, daraus nun ein Team zu formen. Naturgemäß ein Unterfangen, das Zeit beansprucht. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass mit etwas Glück der Aufstieg von der Thüringenliga in die Oberliga gar nicht so schwer ist.

Spielen Sie etwa darauf an, dass diverse Mannschaften die Aufstiegsoption in den vorangegangen Jahren nicht wahrgenommen haben?

Genau, mit Martinroda haben wir erstmals wieder einen Meister in der Thüringenliga, der in der kommenden Saison eine Klasse höher spielen wird. Man muss womöglich nicht ganz oben stehen, um aufzusteigen.

Das klingt wahrlich optimistisch, ist aber erst einmal Zukunftsmusik. In dieser Saison werden Sie jedoch auf Eintracht Eisenberg treffen. Sie kommen ja aus dem Saale-Holzland-Kreis und dieses SHK-Derby, welches es ja schon früher gab, ist mit Sicherheit eines der Highlights in dieser Spielzeit. Eisenbergs Vereinschef Mike Weber schwärmte einst davon – und jetzt gibt es dergleichen wieder.

Das ist definitiv eine Begegnung, auf die ich mich jetzt schon sehr freue, zumal ich eine besondere Beziehung zu Eisenberg habe, dort selbst einst spielte. Generell mag ich den Verein, habe eine Zeit lang auch die dortige A-Jugend trainiert.

Auf welcher Position haben Sie eigentlich früher gespielt, damals bei Thalbürgel und Eintracht Eisenberg II?

Alle Positionen, sieht man einmal vom Tor ab. Ich habe mich auch im Sturm versucht – recht erfolglos. Ich hatte immer meine stärksten Momente, wenn der Gegner den Ball hatte. (lacht)

Sehr ehrlich geantwortet. Haben Sie eigentlich keine Angst davor, bei Ihrer neuen Aufgabe zu versagen?

Wenn ich die hätte, dann hätte ich das Amt gar nicht erst übernehmen dürfen. Wenn ich nicht von mir und meinen Fähigkeiten überzeugt bin, kann ich so etwas nicht machen. Die Spieler würden so etwas auch sofort merken. Man darf ja auch nicht vergessen, dass es immer Spieler gibt, die ihren neuen Trainer erst einmal testen, erst einmal herausfinden wollen, ob der denn überhaupt Ahnung hat. Gerade in meinem Alter bekomme ich nicht automatisch Respekt, nur weil ich der Trainer bin. Den bekomme ich nur, wenn die Spieler merken, dass ich eine Idee in puncto Fußball habe.

Und was ist Ihre Idee?

Mir geht es um Ballbesitz, und der Kader verfügt über die notwendigen Fähigkeiten dafür. Wir müssen das Spiel machen, müssen mutig auf dem Feld agieren. Mit Feigheit kann man nichts gewinnen. Davon bin ich überzeugt.

Was muss ein Spieler 2019 mitbringen?

Er muss im Kopf schnell sein. Bereits Johan Cruyff wusste darum.

Dann war er ja seiner Zeit voraus. Warum sind Sie eigentlich Fußball-Trainer geworden?

Es ist für mich immer wieder faszinierend, Dinge in einem Spiel wiederzuerkennen, die ich zuvor mit meinen Spielern erarbeitet habe. Diese Detailarbeit, dieses Feilen, ja das Umsetzen einer Idee.

Ernst Happel hatte auf jeden Fall eine Idee vom Fußball. Gibt es eigentlich noch andere Trainer, die Sie inspirieren?

Thomas Tuchel, Pep Guardiola, Johan Cruyff – ich habe viele Trainer-Biografien regelrecht verschlungen. Ich konnte hie und da auch immer etwas für mich mitnehmen.

Sie lesen?

Ja, wie es die Zeit halt so erlaubt. Doch es muss nicht immer nur aus der Welt des Fußballs stammen.

Was lesen Sie denn sonst noch so?

Ich mag beispielsweise Johann Wolfgang von Goethe, der eine einzige Inspirationsquelle für mich ist. Ich denke da nur an das Zitat: „Alles Gescheite ist schon gedacht worden, man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken“. Das passt auch auf den Fußball. Denn der wird ja eigentlich auch nicht wirklich neu erfunden.

Moment mal, ist das Goethe da auf Ihrem Unterarm?

(lacht) Ja.

Marcus Dörfer präsentiert seinen linken Arm, auf dem nicht nur das Konterfei von Goethe zu bestaunen ist, sondern auch das Zitat: „Es irrt der Mensch, solang‘ er strebt“.

So groß ist Ihre Begeisterung für den Dichterfürsten? Mit Verlaub, dergleichen trifft man in Fußballer-Kreisen eher selten an.

Ja, fast der gesamte Arm ist von Goethe inspiriert. Was soll ich sagen, er hat ein Wissen vermittelt, das auch heute noch Gültigkeit besitzt. Von Goethe kann man unendlich viel lernen.

Auch wenn es 2019 nicht mehr sonderlich viel zu bedeuten hat: Es mangelt auf ihrer Haut nicht an Tattoos. Bevorzugen Sie in puncto Musik dann auch die härteren Klänge?

Nicht nur, eigentlich bin für alles offen. Ich höre Hardcore und Hip-Hop, nur elektronische Musik spricht mich nicht sonderlich an. Sonntags höre ich mit meiner Frau bevorzugt Klassik.

Ach was?

(lacht) Ich bin zu den Auswärtsterminen oft selbst gefahren, doch meistens alleine, denn kaum ein Spieler wollte bei mir mitfahren, weil sie immer darum fürchteten, dass ich klassische Musik höre.

Was für Kulturbanausen!

(lacht)Das haben sie jetzt gesagt.

Haben Sie zum Abschluss noch ein knackiges Goethe-Zitat, das man problemlos auch auf den Fußball ummünzen kann?

Natürlich: „Zu allem Großen ist der erste Schritt der Mut“.

Das klingt nach Ihrer Idee des Spiels?

Exakt!

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