Behindertenverbandschefin: „Wir jammern heute auf hohem Niveau“

Greiz.  Dagmar Pöhland, Geschäftsführerin des Verbands für Behinderte Greiz, spricht über neue Projekte, Probleme und den Namen der sozialen Einrichtung.

Dagmar Pöhland ist die Geschäftsführerin des Verbands für Behinderte Greiz.

Dagmar Pöhland ist die Geschäftsführerin des Verbands für Behinderte Greiz.

Foto: Marcus Voigt

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Der Verband für Behinderte Greiz hat in der vergangenen Woche sein 30-jähriges Bestehen gefeiert. Geschäftsführerin Dagmar Pöhland spricht in einem Interview mit dieser Zeitung über die Zukunft der sozialen Einrichtung.

Der Verband für Behinderte Greiz hat vor Kurzem seinen 30. Geburtstag gefeiert. Sie haben in ihrer Festrede auf bewegte Jahre zurückgeblickt. Gibt es denn auch schon Pläne für die nächsten Monate?

Wir wollen nicht stur an unseren Strukturen festhalten, sondern mit der Zeit gehen. Die Menschen verändern sich. Sie mit unseren Angeboten mitzunehmen, muss das Ziel sein.

Was heißt das konkret?

Geplant ist zum Beispiel ein Projekt mit dem Namen „Online für alle“. Damit wollen wir Hemmschwellen bei der Nutzung des Internets abbauen. Und generell sollte man bei der digitalen Entwicklung bedenken, dass wir Menschen mit geistigen Schwächen, mit Lernbeeinträchtigungen oder Analphabeten nicht abkoppeln.

Wie wollen Sie das verhindern?

Zum Beispiel könnten die Muttis aus unserer Babykrabbelgruppe den Umgang mit dem Internet und den dazugehörigen technischen Geräten erklären, wenn sie sowieso schon hier sind. Das Angebot soll sich übrigens auch an ältere Menschen richten, die noch gar nicht wissen, was mit dem digitalen Wandel auf sie zukommt. Die 60- bis 70-Jährigen werden noch erleben, wie das Bargeld abgeschafft wird. Sie sollen durch Angebote wie „Online für alle“ das Gefühl bekommen: Es wird in Zukunft zwar vieles anders, aber nicht unbedingt schlechter.

Sie setzen also darauf, dass sich Ihre Vereinsmitglieder untereinander helfen?

Wir wollen die Generationen wieder mehr miteinander verbinden, denn das funktioniert in unserer Gesellschaft nicht mehr richtig. Da muss wieder eine gewisse Sensibilisierung her. Jüngere können eben das Internet erklären oder mal beim Einkaufen helfen, Ältere dafür bei Bedarf auf die Kinder aufpassen.

Ihr Verband hat heute 115 Mitglieder. Vor 20 Jahren waren es noch doppelt so viele.

Diese Zahl erreichen wir nicht wieder, was aber auch nicht dramatisch ist. Früher lag das Durchschnittsalter dafür bei über 60 Jahren, heute sind wir irgendwo zwischen 45 und 50 Jahren. Das muss auch das Ziel sein, dass wir uns weiter verjüngen, um innovativer zu werden, Klar ist aber auch, dass diejenigen bei uns Mitglied sein sollten, die unsere Angebote regelmäßig nutzen.

Und wie sieht es bei den Beschäftigten aus? Finden Sie genügend Arbeitskräfte?

Es ist schon problematisch, welche zu finden. Wir suchen derzeit drei Fachkräfte in der Schulbegleitung und zwei Sozialarbeiter beziehungsweise -pädagogen in der Flüchtlingsbetreuung. Aber das geht ja nicht nur uns so. Die jungen Leute bleiben nach ihrer Ausbildung lieber in Jena oder Erfurt. Dort ist der Bedarf ebenfalls hoch.

2007 rutschte der Verband in eine tiefe finanzielle Krise, aus der er sich nur mühsam befreien konnte. Wie sieht es heute aus?

Im Vergleich zu damals jammern wir heute auf hohem Niveau. Wir haben vernünftige Verträge, um gemeinnützig agieren zu können. Da wir unabhängig von großen Trägern bleiben wollen, müssen wir uns selbst durchkämpfen.

Sie stellen Schulbegleiter, sind in der Arbeit mit Geflüchteten aktiv, haben Babykrabbelgruppen. Ihre Angebote richten sich längst nicht mehr nur an Menschen mit einer Behinderung. Wird es da nicht Zeit für einen neuen Namen?

Nein, der Name ist weiterhin der richtige, denn wir sind in erster Linie für Menschen mit Behinderung da, wollen auf deren Belange aufmerksam machen und die Inklusion vorantreiben. Dass wir auch andere Angebote haben, zeigt für mich vielmehr, dass Menschen mit Behinderung nicht mehr ausgrenzt werden, so wie es früher der Fall war. Es ist normal, dass wir verschieden sind. Dass diese Akzeptanz da ist, darüber sollten wir froh sein.

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