100 Jahre Kapp-Putsch: „Einwohner Jenas! Rettet unser Volk!“

Jena.  Vor genau 100 Jahren stürzte ein rechter Putsch Deutschland ins Chaos. In Jena war die Angst vor der rechten Verschwörung groß.

Reichswehrminister Gustav Noske beim Abschreiten von Reichswehrtruppen 1920 (Noske mit Hut und Hand zum Gruß an der Stirn.  Titelseite des Jenaer Volksblattes vom 13. März 1920. 

Reichswehrminister Gustav Noske beim Abschreiten von Reichswehrtruppen 1920 (Noske mit Hut und Hand zum Gruß an der Stirn.  Titelseite des Jenaer Volksblattes vom 13. März 1920. 

Foto: Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek

Sicherlich staunten die Leser des „Jenaer Volksblattes“ nicht schlecht, als sie am Morgen des 13. März 1920, eines Samstags, ihre Zeitung aufschlugen und als Schlagzeile „Sturz der Reichsregierung?“ lasen. Etwas konkreter wurde da schon die „Jenaische Zeitung“, die direkt von der „Gegenrevolution in Berlin“ sprach und anschließend schrieb, dass die reguläre Regierung geflohen sei. Doch was war über Nacht eigentlich geschehen?

Ein rechter Umsturz war bereits seit längerem geplant. Allein der richtige Zeitpunkt zum „Losschlagen“ hatte bis dato gefehlt. Als Drahtzieher der Aktion galten der ostpreußische Generallandschaftdirektor Wolfgang Kapp und General Walther von Lüttwitz. Die mit dem Versailler Vertrag beschlossene Verkleinerung der deutschen Truppen stieß vor allem bei letzterem wie auch bei vielen anderen Offizieren der Reichswehr auf Ablehnung. Lüttwitz trat daher am 10. März 1920 vor Reichspräsident Friedrich Ebert und forderte unverhohlen in Anwesenheit von Reichswehrminister Gustav Noske die Auflösung der Nationalversammlung, anschließende Neuwahlen, neue Minister und für sich selbst den Posten des Oberbefehlshabers der Reichswehr. Außerdem solle Noske die Auflösung des Freikorps „Marinebrigade Ehrhart“, dessen Führung Lüttwitz übernommen hatte, zurücknehmen.

Rechtsradikale Umtriebe in Berlin

Ebert und Noske gingen natürlich nicht auf diese Forderungen ein. Aber statt Lüttwitz wegen Gehorsamsverweigerung direkt verhaften zu lassen, beurlaubte Noske ihn lediglich und legte ihm nahe seinen Abschied einzureichen. Es kam, was kommen musste: Walther von Lüttwitz informierte noch am selben Abend die Mitverschwörer und die „Marinebrigade Ehrhard“, dass der Zeitpunkt für den Umsturz nun gekommen sei. In der Nacht auf den 13. März besetzte das Freikorps das Berliner Regierungsviertel und zwang die reguläre Regierung unter Gustav Bauer zu einer Entscheidung: Entweder vor Ort gegen den Putsch kämpfen und dabei vielleicht gefangen genommen oder zumindest erpresst zu werden, oder fliehen und den Widerstand von einem anderen Ort aus organisieren. Man entschied sich für die zweite Lösung, nicht zuletzt auch deshalb, weil Teile der Reichswehr sich neutral verhielten und die Regierung damit faktisch keinen militärischen Schutz besaß.

Öffentliche Leben steht still

Daher verließ der Großteil der Regierung Bauer zusammen mit Reichspräsident Ebert die Hauptstadt gegen vier Uhr morgens und floh zunächst nach Dresden. Bereits um sieben Uhr wurde die Reichskanzlei von den Putschisten besetzt. Im Anschluss ernannte sich Wolfgang Kapp zum neuen „Reichskanzler“, Walther von Lüttwitz übernahm die Geschicke der Truppen, die loyal zu den Aufständischen standen. Der Kapp-Lüttwitz Putsch war also in vollem Gange. Unterdessen organisierte die Regierung unter Gustav Bauer von der Elbe aus den Widerstand gegen Wolfgang Kapp und Co. Noch am Morgen des 13. März erschien in Berlin ein Aufruf, der den „Generalstreik auf ganzer Linie“ forderte und recht schnell die entsprechende Wirkung zeigte. Bald darauf stand vielerorts in Deutschland nicht nur das wirtschaftliche, sondern auch das öffentliche Leben still.

Jenenser sind „verfassungstreu“

Bereits am Mittag des 13. März kam es auf dem Marktplatz von Jena zu einer großen Menschenansammlung, vor allem von Arbeitern, wie das „Volksblatt“ berichtete. Dabei wurden auch politische Reden gehalten, zunächst blieb die Lage aber ruhig. Der Gemeinderat hatte dann am Sonntagmorgen zu einer öffentlichen Sitzung ins Rathaus eingeladen, die laut den Zeitungsberichten stark besucht wurde. Jenas Oberbürgermeister Theodor Fuchs erklärte, er stünde fest zur regulären Regierung. Auch die Beamtenschaft Jenas „würde es ablehnen, von anderer Seite als der rechtmäßigen Regierung Befehle entgegenzunehmen“. Eher noch ließe man sich absetzen. Die „verfassungstreuen“ Jenenser wurden zugleich aufgefordert, sich auf etwaige Angriffe auf die Ordnung vorzubereiten und diese mit „Leib und Leben“ abzuwehren. Die Montagsausgabe des „Volksblatts“, das damals das Sprachrohr der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) war, eröffnet die Zeitung mit einem Aufruf, in dem die „Deutschen Demokraten“ ihre Empörung über den rechten Putsch in Berlin äußerten. Man stehe „fest zur verfassungsmäßigen Regierung der deutschen Republik“ und fordert anschließend die Jenaer Bevölkerung auf, sich „dem Wahnsinn des Militärputsches entgegenzustellen“. Zum Abschluss heißt es „Einwohner Jenas! Bleibt der Regierung treu und rettet unser Volk und Vaterland!“.

Gemeinderat stellt Einwohnerwehr auf

Zugleich legte der Generalstreik das öffentliche Leben größtenteils lahm. Wie in anderen Städten auch bildete sich anschließend ein größtenteils bürgerlich geprägter „Zeitfreiwilligenverband“, der bei etwaigen Ausschreitungen oder Angriffen zum Einsatz kommen sollte. Zwar fand der Putsch bereits am 17. März 1920 sein Ende, was aber nicht bedeutete, dass eine stabile Lage in Deutschland wiederhergestellt war. Im Gegenteil, es herrschte Unsicherheit über die kommenden Tage. Brisant war in diesem Fall, dass man ein rechtes Waffenlager in der „Stoy’schen Erziehungsanstalt“ fand und es aushob. Daraufhin beschloss der Gemeinderat von Jena, eine „Einwohnerwehr“ aufzustellen, die den Zeitfreiwilligenverband ablöste. Der Einwohnerwehr sollten alle „verfassungstreuen Einwohner Jenas im Alter von 20 bis 45 beitreten, insbesondere alle militärisch ausgebildeten“. Die befürchteten Angriffe und Umstürze blieben allerdings aus. Jena entging damit dem Bürgerkrieg, der anderorts wie etwa in Gotha wütete und mehr als 100 Tote forderte. Die Regierung Bauer kehrte am 20. März nach Berlin zurück, woraufhin auch in Jena drei Tage später der Generalstreik beendet wurde.