92 Meter Wand als Spiegel der Zeit – der Winzerlaer Tunnel in Jena

Jördis Bachmann
| Lesedauer: 3 Minuten
Eine Seite des Tunnels haben Kinder und Jugendliche nach eigenen Vorstellungen und Entwürfen während der Sommerferien gestaltet.

Eine Seite des Tunnels haben Kinder und Jugendliche nach eigenen Vorstellungen und Entwürfen während der Sommerferien gestaltet.

Foto: Freizeitladen Winzerla

Jena.  Nachdem in den vergangenen Jahren wieder zunehmend menschenverachtende Parolen gesprüht wurden, gab es nun eine Ferienaktion zur Neugestaltung des Fußgängertunnels.

„Russen raus!“, „Tunnel nur für Deutsche“ oder „DDR-Deutschland?“: In den 1980er-Jahren fanden sich diese Originalzitate auf den Wänden des Winzerlaer Fußgängertunnels. Er war in den vergangenen fast vierzig Jahren seines Bestehens ein Spiegelbild der jeweiligen gesellschaftlichen Diskussionen. Die zweimal 46 Meter Tunnelwand boten viel Platz, um des Nachts unbemerkt politische Parolen und Symbole aufzusprühen, sagt Markus Meß aus dem Winzerlaer Stadtteilbüro. Er hat sich mit der Graffiti-Geschichte des Tunnels beschäftigt und freut sich derzeit über das Resultat eines Ferienprojekts, in dem zwölf Ferienkinder die Wände unter professioneller Anleitung neu gestalteten. Unter dem Motto „Streetart: Eure Bilder für Vielfalt und Zusammenhalt“ wurde die Neugestaltung vom Freizeitladen, dem Jugendzentrum Hugo, Streetwork Winzerla und KoKont initiiert.

Anfang der 1990er-Jahre habe es einen hohen Anteil rassistischer und aggressiver Parolen und Sprüche im Tunnel gegeben, so Meß. Es habe durchaus aber Versuche gegeben, dieser Form von Hass etwas entgegenzusetzen. Die in diesem Jahr verstorbene und langjährig für Winzerla verantwortliche Pastorin Sieglinde Seibt sei dabei eine treibende Kraft gewesen, weiß Meß zu berichten. Am Reformationstag 1990 habe es eine Malaktion im Tunnel gegeben, bei der Kinder und Erwachsene die Möglichkeit erhielten, mit Pinsel und Farbe in Widerspruch zu den rassistischen Parolen zu treten. Leider hätten die umfassenden Bemühungen auch mit den zum Rechtsextremen neigenden Jugendlichen ins Gespräch zu treten, nicht ausgereicht, das Entstehen des NSU zu verhindern.

Was den Tunnel anbelangt, so war dieser weiter ein Ort der Auseinandersetzung, bis es im August 2008 eine große Aktion der Umgestaltung gab. Auf Initiative des damaligen Ortsteilrats, der Bürgerstiftung und des Bürgervereins Winzerla hatte das Künstlerduo „Farbgefühl“, bestehend aus Michael Pook und Michael Drosdek die Aufgabe bekommen, den Tunnel mit zwölf Jugendlichen zu gestalten.

Als Costa und Schmauderzusammenstießen

Am Ende beteiligten sich etwa 80 Leute zwischen 7 und 67 Jahren, wie Gabi Meister in der damaligen Stadtteilzeitung berichtete. Der ehemalige Ortsteilbürgermeister Mario Schmauder und Pastorin Friederike Costa – als Nachfolgerin von Sieglinde Seibt – sprühten begeistert mit und stießen im Eifer des Gefechts mit den Köpfen zusammen.

„Insgesamt dauerte die Aktion damals vier Wochen, und „Farbgefühl“ verarbeitete 250 Liter Lack und Wandfarbe. Damit gelang eine tolle Gestaltung, die nicht für, sondern mit den Menschen umgesetzt wurde“, sagt Meß. Einige Jahre sei das Gesamtkunstwerk unangetastet geblieben und wurde nicht übersprüht. „Vor etwa sechs bis sieben Jahren begann der schleichende Prozess, dass es wieder zu Parolen und Verschandelungen kam. Auf Initiative von KoKont erfolgte Anfang 2022 die Entfernung menschenverachtender Sprüche und Gewaltaufrufe.“ Es entstand die Idee, nach 14 Jahren eine weitere Neugestaltung in den Blick zu nehmen. Wieder sollen dabei Kinder und Jugendliche aktiv in den Schaffensprozess eingebunden werden. „Wer nun durch den Tunnel geht, kann sich selbst eine Meinung bilden, ob die erneute Umgestaltung ansprechend ist.“