Adoptionsvermittlerin Loges aus Jena: "Das sind keine Rabenmütter"

Die Jenaer Adoptionsvermittlerin Loges wünscht sich eine Lobby für abgebende Eltern. Eine Adoption ist dann geglückt, wenn ein wirkliches Eltern-Kind-Verhältnis zustande gekommen ist.

Seit einem Jahr ist die Diplom-Sozialpädagogin Loges beim Besonderen Sozialen Dienst des Jenaer Jugendamtes als Adoptionsvermittlerin tätig.  Foto: Constanze Alt

Seit einem Jahr ist die Diplom-Sozialpädagogin Loges beim Besonderen Sozialen Dienst des Jenaer Jugendamtes als Adoptionsvermittlerin tätig. Foto: Constanze Alt

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"Auch Eltern ohne Kinder bleiben Eltern" – betont Irmela Wiemann. Die Psychologin und Familientherapeutin aus Frankfurt/Main gilt als eine der renommiertesten Expertinnen, wenn es um die Beratung und Begleitung von Pflege-, Adoptiv- und Herkunftsfamilien und deren Kindern geht. Und weil neben einem gesunden Menschenverstand eine theoretisch-wissenschaftliche Fundierung unerlässlich ist, fließen Erkenntnisse von Experten wie Wiemann selbstredend ein in die Arbeit von Gabriele Loges.

Seit einem Jahr ist die Diplom-Sozialpädagogin Loges beim Besonderen Sozialen Dienst des Jenaer Jugendamtes als Adoptionsvermittlerin tätig. Als solche weiß sie um die Sorgen von Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch. So verständlich diese sind, sitzen viele Menschen beim Stichwort "Adoption" wohl einem Anfangsfehler auf, in dessen Konsequenz sich der Fokus vorrangig auf jene richtet, die gern adoptieren möchten; weniger auf das Kind selbst; schon gar nicht auf die biologischen Eltern. "Das Ziel der Adoptionsvermittlung", betont Gabriele Loges, "besteht darin, für Kinder geeignete Familien zu finden – nicht umgekehrt." Im Mittelpunkt der Vermittlung steht immer das Kind.

Eine Adoption bedeutet eine Ausnahmesituation – für die Adoptierenden, für das Kind, aber auch für die leiblichen Eltern, von denen Adoptionsvermittlerin Loges respektvoll als von den abgebenden Eltern spricht. Stehen für potenzielle Adoptiveltern Fragen nach den Bedingungen der Möglichkeit von Liebe und Verantwortung für das nicht leibliche Kind im Vordergrund, geht es für das Kind um die eigene Identität – und somit gleichsam um alles. Der frühe Verlust der Mutter wird vom Säugling gespeichert. In der Folge leben Adoptierte oft mit einem tiefen Urmisstrauen und einer latenten Trauer über den Verlust der eigenen Eltern. Die Folgen sind häufig Selbstzweifel, Depression oder Aggression. Es ist Aufgabe der Adoptiveltern, hier stabilisierend zu wirken. Und eine Adoption darf dann als geglückt gelten, wenn ein wirkliches Eltern-Kind-Verhältnis zustande gekommen ist.

Hierbei gilt: "Je mehr Wertschätzung die Adoptiveltern den leiblichen Eltern entgegenbringen, umso mehr Selbstwertgefühl entwickelt das Kind", erklärt Gabriele Loges. Dass die abgebenden Eltern gleichsam ohne Lobby sind, findet die Sozialpädagogin nicht nur schade, sondern auch ungerecht. Mütter, die ihr Kind zu Adoption freigeben, treffen häufig auf Unverständnis oder Abwertung in der Gesellschaft – obwohl sie durch ihre Entscheidung einer anderen Familie "das größte Glück bereiten." Schwangere, die sich – meist aus Überforderung – entschließen, ihr Kind abzugeben, treffen zwar eine harte und endgültige Entscheidung – aber eine Entscheidung für das Leben – anstelle einer Abtreibung. Kaum eine Frau, die ihr Kind zur Adoption freigibt, bekennt sich. Der Grund liegt in der gesellschaftlichen Stigmatisierung.

Frauen, die ein Kind zur Adoption freigeben, so der Forschungsstand, haben meist selbst in ihrer Kindheit einen Mangel an Geborgenheit erfahren; waren teils selbst Heim-, Adoptiv- oder Pflegekinder gewesen. Manche leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen oder Suchtproblemen. Herkunftsmütter haben häufig weder durch die Väter der Kinder Unterstützung, noch durch ein familiäres Netzwerk. Nicht wenige leiden ein Leben lang unter Trauer und Schuldgefühlen; andere verdrängen die Existenz des Kindes. Es gibt Mütter, die äußern den Wunsch, ihr Baby abzugeben erst im Krankenhaus – und es gibt solche, die sich in einem recht frühen Stadium der Schwangerschaft an Gabriele Loges wenden.

Den Eltern werden in der ersten Beratung alle Hilfen angeboten, um ihr Kind selbst zu betreuen. Das geht von Leistungen der Krankenkassen über Stiftungen bis hin zu stationären Hilfen zur Erziehung in Dauerpflege, wobei das Sorgerecht bei der leiblichen Mutter bleibt. Erst danach erfolgt eine Beratung zu den rechtlichen Folgen der Einwilligung zur Adoption. Mit gemischten Gefühlen sieht Gabriele Loges anonyme Geburt oder Babyklappe. Dem Kind bleibt das Grundrecht auf seine eigene Abstammung verwehrt. Das Fehlen personaler Daten der Herkunft hat sehr oft starke lebenslange Belastungen für den Adoptierten zur Folge.

Wer seine Identität gegenüber der Adoptivfamilie nicht preisgeben will, kann dies durch eine "Inkognito-Adoption" sicherstellen. Diese wird vom Adoptionsvermittler begleitet; sowohl die abgebenden als auch die adoptierenden Eltern erhalten anonymisiert Informationen. Im Gegensatz zur früheren Lehrmeinung, nach der es besser sei, das Adoptivkind habe mit den biologischen Eltern nichts mehr zu tun, gehen Experten aber heute davon aus, dass das Kind so früh wie vertretbar über seine Herkunft informiert werden soll. Adoptionsvermittlerin Loges ist eine Befürworterin der offenen Adoption, bei der auf Wunsch sogar direkter Kontakt zwischen allen beteiligten Personen hergestellt werden kann.

Loges bemüht sich, die passenden Adoptiveltern für das jeweilige Kind zu finden. Wünsche der abgebenden Eltern sind wichtig: "Es ist für mich entscheidend, ob eine abgebende Mama sagt, ihr Kind solle auf dem Land mit Tieren aufwachsen oder in der Stadt; als Einzelkind oder mit Geschwistern." Die abgebenden Eltern können Briefe an ihr Kind schreiben; ihm über das Jugendamt Fotos zukommen lassen. "Eine Mama hat ihrem Kind eine Schatzkiste gepackt." Auch sei es schön, wenn die leibliche Mama selbst einen Vornamen auswählt – als Geschenk für das Baby.

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