Friedliche Revolution

Als in Kahla der Mut zum Widerstand begann

Kahla.  Vor 30 Jahren wagten auch die Kahlaer, gegen die Staatsmacht aufzubegehren. Jetzt wollen sie an diese Zeit erinnern.

In Erinnerung an die friedliche Revolution stellt Museologin Steffi Brion in Kahla eine Ausstellung mit Plakaten, Bannern und anderen Gegenständen aus dem Herbst 1989 zusammengestellt.

In Erinnerung an die friedliche Revolution stellt Museologin Steffi Brion in Kahla eine Ausstellung mit Plakaten, Bannern und anderen Gegenständen aus dem Herbst 1989 zusammengestellt.

Foto: Foto: Katja Dörn

Die friedliche Revolution nahm nicht nur in Leipzig oder Berlin ihren Lauf, in der gesamten DDR gärte es in den ausgehenden 80er Jahren. So auch in Kahla. Um an diese Umbruchzeit zu erinnern, sich auszutauschen und bei Zeitzeugen nachfragen zu können, hat die Stadtverwaltung gemeinsam mit der Kirchgemeinde, dem Stadtrat und Ehrenamtlern einen Gedenkabend am Sonnabend, zum 9. November, organisiert.

Gerd Rochelmeyer war einer von denen, die 1989 die Friedensgebete in Kahla organisiert haben. Heute sitzt der Kirchenälteste in der Stadtkirche, es ist kühl, „eigentlich sieht es noch fast so aus die damals“, sagt er, denn innen konnte bislang nicht saniert werden.

Er erinnert sich: Am 13. Oktober 1989 ging er mit seiner Frau zum ersten Friedensgebet. Tochter Julia, kein Jahr alt, hatten sie bei seiner Mutter gelassen, „weil wir Angst hatten“. Schließlich wussten sie nicht, was passieren wird. Greift die Staatsmacht ein? Werden wir verhaftet?

Was sie wussten: Es tut sich was. Sommer 89, Budapest, Hunderte DDR-Bürger versuchten, über Ungarn zu flüchten. 7. Oktober, Berlin, Tausende protestieren. Dazu Nachrichten über die Montagsdemonstrationen aus Leipzig.

Erstes Friedensgebet am 13. Oktober 1989

In Rochelmeyer, überzeugter Christ, keimte der Wunsch nach Veränderung schon lange. „Es wohnte zwei Welten in unserer Brust: In geschützten Räumen im Privaten und in der Kirche konnten wir frei reden, im öffentlichen Bereich wollte man dagegen der Gefahr aus dem Weg gehen und seine Ruhe haben“, sagt er.

Nach der Taufe seiner Tochter traf sich das Ehepaar Rochelmeyer ab Mai 1989 mit weiteren Paaren und Pfarrer Rudolf Günther in der Kahlaer Kirche. Verbunden mit den Nachrichten aus Berlin, Leipzig, Jena und anderen Orten begann der „Mut zum Widerstand, aber wir hatten wenig Hoffnung, dass es gelingt“, sagt Rochelmeyer.

Was er damals nicht wusste: Schon seit 1986 hatten sich wenige Christen zu Friedensgebeten im Geheimen getroffen. Das erste öffentlich bekannte war aber am 13. Oktober 1989 in Kahla. „Die Kirche war brechend voll, sie standen bis zur Tür“, erinnert er sich. Pfarrer Rudolf Günther habe damals die Anwesenden um ihre Bitten gebeten, Rochelmeyer erinnert sich noch an seine Worte: „Ich bitte darum, mein freies Wort äußern zu können, ohne mit Konsequenzen zu rechnen.“

Ohne den Mut des verstorbenen Pfarrer Günthers und seinem Zuspruch an andere wäre es anders gelaufen, denkt Rochelmeyer. Eine Woche später habe sich eine kleine Gruppe mit dem Pfarrer getroffen, um die nächsten Gebete vorzubereiten.

Wunsch nach gewaltfreier Demonstration

Gut 2000 Kahlaer, schätzt Rochelmeyer, sind schließlich am 20. Oktober bei der ersten Friedensdemonstration durch die Stadt gelaufen, in den Händen Kerzen als Symbol für Friedenslichter und mit dem Wunsch nach einem gewaltfreien Abend. „Wir wussten, es standen Polizisten und Lastwagen zum Abtransport bereit, aber die Menge an Teilnehmer hat es unvorstellbar gemacht“, sagt er.

Eine, die damals mit in der Menge stand, war Steffi Brion, geborene Hammerschmidt. „Wir haben viel im Westfernsehen gesehen und uns gedacht: Irgendwas passiert“, sagt sie. „Man hatte so eine Wartestellung. Du willst, hast aber noch eine Hemmschwelle. Schließlich hatte ich ein Kind.“

Dann ist sie aber doch in die Kirche gegangen mit ihrer Tochter, „in der Masse hat man sich sicher gefühlt“. An den Mauerfall hat sie, wie andere, aber nicht geglaubt. Die Museologin war damals 37 Jahre alt und stellvertretende Direktorin auf der Leuchtenburg. Dass die Burg als Internierungslager gedacht war, schockiert sie noch heute. Von den Plänen hat sie damals nichts gewusst, sagt sie.

Bekannt wurde schließlich auch, dass im einstigen Gasthaus an der Ecke Jenaische Straße/Bachstraße, von allen nur „Blutiger Knochen“ genannt wegen teils derber Abende, die Stasi die Wohnung in der oberen Etage nutzte. Im Januar 1990 führten Friedensdemonstrationen daran vorbei. „Stasi raus“, skandierten einige, erinnert sich Brion.

Ausstellung auch fürSchulklassen gedacht

Plakate, Banner und andere Gegenstände haben die 30 Jahre überdauert, einige holte Steffi Brion jetzt auch dem Kreisarchiv Camburg nach Kahla zurück. Sie sollen in die Ausstellung im großen Rathaussaal eingefügt werden, die von Steffi Brion ehrenamtlich zusammengestellt wird.

30 Tage wird die Schau zu sehen sein, „für 30 Jahre Deutsche Einheit“, sagt sie. Auch Schulklassen sollen in den kommenden Wochen hingeführt werden, schließlich sei es gerade bei ihnen wichtig, die politische Bildung zu fördern, sagt Gerd Rochelmeyer, „auch um zu verhindern, dass Diktaturen in dieser Form wieder entstehen“.

Für ihn war die friedliche Revolution jedenfalls ein „göttliches Wunder“. Nach dem Mauerfall gingen für wenige Wochen die Friedensdemonstrationen weiter, wenn auch mit geringerer Teilnehmerzahl, schließlich fuhren einige in den Westen. Gerd Rochelmeyer lief weiter mit, vorneweg, aber diesmal mit einer Neuerung: Seine kleine Tochter Julia konnte er sicher auf seinem Arm tragen.

Sonnabend, 9. November, 18.30 Uhr, Andacht in Stadtkirche St. Margarethen, danach Ausstellungseröffnung im Rathaussaal mit Gesprächen. Für den Umzug durch die Altstadt wird darum gebeten, eigene Kerzen mitzubringen.

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