Anonyme Mail sorgt für Unruhe in der Notfallaufnahme Jena

Jena.  Wegen unhaltbarer Zustände in der Notfallaufnahme am Universitätsklinikum Jena soll der Medizinische Dienst einschreiten. Die Uniklinik dementiert die Vorwürfe, räumt aber Personalprobleme ein.

Die Arbeit in der Notfallaufnahme steht im Zentrum einer anonymen Mail an den Medizinischen Dienst. Unter anderem soll ein Patient mit einem Herzinfarkt über eine Stunde gewartet haben (Archivfoto).

Die Arbeit in der Notfallaufnahme steht im Zentrum einer anonymen Mail an den Medizinischen Dienst. Unter anderem soll ein Patient mit einem Herzinfarkt über eine Stunde gewartet haben (Archivfoto).

Foto: Peter Michaelis

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In einem anonymen Schreiben beklagt sich ein „Adam Apfel“ im Namen der Mitarbeiter über die Zustände in der Notfallaufnahme am Universitätsklinikum Jena. Die E-Mail ging unter anderem an den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) Thüringen. Darin wird der MDK aufgefordert, die Qualität der Arbeit zu kontrollieren. Das Klinikum weist die gravierendsten Vorwürfe zurück, räumt aber ein, dass ein zunehmender Mangel an Fachkräften – sowohl im ärztlichen als auch im pflegerischen Bereich – das UKJ vor schwierige Probleme bei der Personalakquise stellte.

Mail an den Verwaltungsrat des Uniklinikums in Jena

Das Thema sorgte bereits in den sozialen Medien für Diskussionen, jetzt ist es eine anonyme Mail, die auch an den Verwaltungsrat des UKJ und den Personalrat ging und ebenso unserer Redaktion vorliegt. Zumindest wie die Missstände fachlich beschrieben werden, ist ein Indiz dafür, dass der Verfasser der Mail ein Mitarbeiter in der Notaufnahme sein muss.

Patient mit Herzinfarkt wartet eine Stunde

Das UKJ erfülle aktuell die Voraussetzungen nicht, um an der Basisnotfallversorgung nach dem Stufenkonzept des Gemeinsamen Bundesausschuss teilzunehmen, lautet der Vorwurf. Seit 2019 gelten deutschlandweit Mindestvoraussetzungen bei Personal und technischer Ausstattung, damit ein Krankenhaus an der Notfallversorgung teilnehmen kann. Konkret geht es um „die rund um die Uhr geforderte Ersteinschätzung zur Behandlungspriorität“. So erfolge aus Mangel an Pflegepersonal zwischen 22 und 6 Uhr gar keine Ersteinschätzung, „so dass Patienten, die sich selbstständig vorstellen, je nach Patientenaufkommen durch den Rettungsdienst teils für mehrere Stunden nicht medizinisch gesehen werden. In der Regelarbeitszeit fällt darüber hinaus die medizinische Ersteinschätzung ebenfalls aus Mangel an Pflegepersonal regelmäßig aus.“ Insgesamt erfolge etwa zu einem Drittel der Zeit keine Ersteinschätzung, was regelmäßig die Patienten gefährde. Genannt wird ein Beispiel vom vorletzten Wochenende, als ein Patient mit Herzinfarkt eine Stunde im Wartezimmer gesessen habe, bevor er erstmalig durch medizinisches Personal gesehen worden sei.

„Situation ist unerträglich“

„Diese jeden medizinischen Leitlinien widersprechende Situation ist für uns Mitarbeiter der Notaufnahme langfristig unerträglich, in den letzten Monaten wurden zur Behebung der Situation durch uns vermehrt Gefährdungsanzeigen eingereicht, geändert hat sich bislang allerdings nichts.“

Über die Pressesprecherin Annett Lott bestätigt das Klinikum, dass sich ein Patient mit seit Tagen bestehenden „atypischen Brustschmerzen“ selbst eingewiesen habe. „Da seine Beschwerden nicht akut waren und zur gleichen Zeit alle Pflegekräfte und Ärzte bei drei Schockraumpatienten gebunden waren, wurde dieser Patient innerhalb einer Stunde von einem Arzt gesehen. In der weiteren Diagnostik fand sich ein abgelaufener Herzinfarkt als Ursache seiner Beschwerden, und der Patient wurde in der kardiologischen Klinik weiter behandelt. Ein medizinischer Nachteil ist für den Patienten nicht entstanden.“

UKJ verweist auf funktionierendes Ausfallmanagement

Zudem betont das UKJ, dass auch für die Zeit zwischen 22 und 6 Uhr eine Ersteinschätzung durch qualifiziertes examiniertes Personal realisiert werde. „Bei kurzfristigem Personalausfall und gleichzeitig sehr hohem Patientenaufkommens kann es vorkommen, dass die Ersteinschätzungskraft im direkten Patientenkontakt gebunden ist, während parallel erfahrene Kollegen der Leitstelle die Behandlungsreihenfolge mit den diensthabenden Ärzten gemeinsam koordinieren.“ Diese Ausfallmanagement diene der Patientensicherheit, wobei sich erfahrene Kollegen der Leitstelle mit den behandelnden Ärzten abstimmen würden.

Bislang drei Gefährdungsanzeigen

„Im ersten Halbjahr 2019 haben wir aus dem Zentrum für Notfallmedizin durchschnittlich fünf Gefährdungsanzeigen monatlich verzeichnet. Diese Zahl ist rückläufig. Im Dezember gleichen Jahres waren es zwei, im Januar 2020 bislang drei Gefährdungsanzeigen“, sagt Lott. Oft gehe es bei den Anzeigen darum, auf fehlendes Personal hinzuweisen. „Wir arbeiten mit Nachdruck daran, auch noch die letzten offenen Stellen zu besetzen und hier weiter für Entlastung zu sorgen.“

Die Gewerkschaft Verdi wollte die Vorwürfe nicht kommentieren. „Wir setzen auf eine konstruktive Zusammenarbeit mit dem Klinikvorstand“, sagt Gewerkschaftssekretär Philipp Motzke auf Anfrage. Gleichwohl die Situation offenbar angespannt ist: Zumindest aus Mitarbeiterkreisen war zu hören, dass nicht alle die Art und Weise goutieren, in der „Adam Apfel“ auf das Problem aufmerksam macht.

Vom MDK selbst, der seinen Sitz in Weimar hat, war keine Stellungnahme zu erhalten.

Die Personalsituation im Zentrum für Notfallmedizin

Im Zentrum für Notfallmedizin (ZfN) sind im ärztlichen Dienst alle geplanten 25 Vollkräfte besetzt, im pflegerischen Dienst konnte die Zahl der Mitarbeiter im Laufe des vergangenen Jahres zwar erhöht, die Planzahl von 32,2 aber noch nicht vollständig erreicht werden. Aktuell sind etwa 30 Stellen besetzt, inklusive der Pflegekräfte aus dem Springerpool. In diesen 30 Stellen sind examinierte Pflegekräfte, Rettungssanitäter und -assistenten, Notfallsanitäter und Medizinische Fachangestellte enthalten. Gerade auch im ZfN arbeitet das UKJ intensiv an der Besetzung der noch vakanten Stellen. Unter Beachtung des mit Verdi erarbeiteten Entlastungstarifvertrages legt man speziell im 1. Quartal 2020 auf diesen Bereich besonderes Augenmerk. Notfallsanitäter werden am UKJ bereits übertariflich vergütet, Pflegekräfte haben mit dem Tarifabschluss 2019 eine höhere Eingruppierung erfahren. (Quelle: UKJ)

Uniklinikum Jena: Auf der Suche nach der Pflegekraft

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