Antisemitismus-Vorwurf gegen Ausstellung in Jenaer Café

Jena.  Antisemitismus-Vorwurf gegen Fotos von der israelischen Mauer: Jenaer Inhaber fühlt sein Café bedroht und schließt eine Ausstellung vorfristig.

Macht Hummus statt Mauern. Kurz nach Beginn endet eine Jenaer Ausstellung mit Fotos von der israelischen Mauer.

Macht Hummus statt Mauern. Kurz nach Beginn endet eine Jenaer Ausstellung mit Fotos von der israelischen Mauer.

Foto: Ursula Mindermann

Wie nennt man das: Bilderstürmerei der kniffligen Art? Matthias Wagner, Inhaber des Cafés „Immergrün“ in der Jenergasse, hat in seiner Restauration tief zerknirscht die neulich erst aufgehängten 15 Bilder der Fotografin Ursula Mindermann wieder abgehängt. Denn: „Wir sind wegen dieser Ausstellung derart bombardiert worden, dass ich Bedenken hatte, es könnte etwas passieren“, so Wagner.

Die Münsteranerin, die Vizepräsidentin der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft ist, hatte ihre Fotoblickwinkel auf die Graffiti präsentiert, die die Mauer zwischen Israel und Westbank auf der palästinensischen Seite zieren, darunter Werke der Streetart-Berühmtheit Banksy. Ursula Mindermann berichtete unserer Redaktion, für sie sei die kleine Schau eine gute Fügung gewesen, weil nicht nur ihre Tochter in Jena studiere, sondern Jena sich auch einen Namen gemacht habe wegen seiner Städtepartnerschaft mit dem palästinensischen (und „Mauer-nahen“) Beit Jala.

Insbesondere das Foto zum Graffito eines arabischen Künstlers bewirkte das schnelle Ende der kleinen Schau: Zu sehen ist hier nicht nur der Slogan „Make Hummus – not Walls“ (also: Lieber das Kichererbsengericht Hummus statt Mauern), sondern auch der zusätzliche Schriftzug: „From the River to the Sea – Palestine will be free“. Diese Parole empfinden Kritiker als antisemitisch, weil so Gebietsanspruch für Palästina erhoben scheine vom Fluss, dem Jordan, bis zur Mittelmeerküste und demnach kein Israel mehr sein dürfe.

Jüdische Kollegin gab ihr Okay

Genau darauf hebt der parteienunabhängige Kinder- und Jugendverband „Sozialistische Jugend Deutschlands – die Falken“ (SJD) in Jena ab, der im sozialen Netzwerk Kritik äußerte.

Ein wenig anders beschreibt dies Matthias Wagner; in den Social-Media-Kanälen seien Forderungen und Drohungen formuliert worden, sagt er. Ein Angebot zum Diskurs habe es leider nicht gegeben. Und so wolle er das „Immergrün“ und sein Team nicht zum Spielball politischer Meinungen machen lassen.

Das „Immergrün“ versuche nach dem Lockdown gerade, wieder auf die Beine zu kommen. „Wir sind wegen dieser Ausstellung derart bombardiert worden, dass ich Bedenken hatte, es könnte etwas passieren. Nun haben wir unter Druck die Ausstellung gewechselt. Eigentlich inakzeptabel“, sagt Wagner. Der Antisemitismus-Vorwurf gegen das „Immergrün“ sei absurd, zumal im Team beispielsweise Araber muslimischen und christlichen Glaubens sowie eine Jüdin mitarbeiten würden. Auch diese Kollegin habe ihr Okay zur Ausstellung gegeben. Nach Wagners Beschreibung hatten die Kritiker das Abhängen der Ausstellung als Voraussetzung benannt, noch einmal Fragen an die Absender zu richten. Wagner: „Das ist aber kein Diskurs.“

„Die Falken“ aus Jena bestanden bei Anfrage unserer Redaktion auf eine schriftliche Stellungnahme. Darin attestieren sie der Gesamtausstellung ein „einseitiges Bild des Nahost-Konfliktes“. Und: Mit dem Satz „From the river ...“ werde „israelbezogener Antisemitismus“ betrieben; dessen fester Bestandteil sei die Delegitimierung des Staates Israel. Nach Studien von 2018 und 2019 finde diese Haltung auch in Deutschland hohe Zustimmungswerte. Und deshalb ist es den „Falken“ wichtig, jene Parole „als unkommentierten Teil der Ausstellung zu kritisieren“.

Nach Darstellung der „Falken“ hatten ihre Mitglieder „Lena S.“ und „Achim K.“ einen „Immergrün“-Mitarbeiter im Café darauf angesprochen und seien um eine E-Mail ans Haus gebeten worden. Dem hätten die „Falken“ entsprochen und sich zudem auf Facebook geäußert.

Tragweite nicht erkannt

Ursula Mindermann hat bereits juristische Schritte gegen den Antisemitismus-Vorwurf erwogen, wie sie unserer Redaktion sagte. „So etwas steht verdammt schnell im Raum und haftet einem dann an. In Deutschland ist das der Hammer.“ Über jene Parole könne man ja diskutieren; und man müsse ja nicht damit einverstanden sein. „Aber mit dem Foto wird eine Ist-Situation abgebildet.“

Auch Jenas Alt-OB Albrecht Schröter (SPD) kennt den Vorgang. Der Theologe ist als Begründer des Jenaer Arbeitskreises Judentum und als Kämpfer für Städtepartnerschaften mit Israel (ohne Endergebnis) und Palästina (Beit Jala) Kenner der Materie. Er lebt in Köln und berät freiberuflich Kommunen, die internationale Städtepartnerschaften aufbauen. Gewiss sei die Tragweite jener Parole im „Immergrün“ nicht erkannt worden, sagte Schröter. Die Worte könnten als ein Bestreiten des israelischen Existenzrechts interpretiert werden. „Sonst gibt es aber überhaupt keinen Grund, solche Ausstellungen in Frage zu stellen.“ Gerade Deutsche sollten über Mauerbauten nachdenken.

Schröter selbst hat vielfach den Nahen Osten besucht und kennt die israelische Mauer von Angesicht. „Ich habe nichts Traurigeres in meinem Leben gesehen.“ Er erinnere sich an ein Zusammentreffen mit dem stellvertretenden israelischen Botschafter. Und der habe gesagt, natürlich dürfe man Israel kritisieren – nicht jedoch dessen Existenzrecht in Frage stellen.