Jena. Die Ausstellung „Der Weg in den Untergrund – Jena und der NSU“ ist bis zum 28. Februar zu sehen

  • Die Entstehungsgeschichte des Nationalsozialistischen Untergrundes wird in einer Ausstellung in der Stadtkirche Jena nachgezeichnet.
  • Journalist Frank Döbert hat umfangreiches Material zusammengestellt.
  • Appell: Aufarbeitung muss weitergehen.

Es ist ein Mosaik des Schreckens, das auf 15 Tafeln in der Jenaer Stadtkirche zusammengesetzt wurde. Die Ausstellung „Der Weg in den Untergrund. Jena und der ‚NSU‘“ ist ein Gemeinschaftsprojekt der „Offenen Kirche Jena“ des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises und von Jenakultur. Das Material, das der Jenaer Journalist Frank Döbert über Jahrzehnte hinweg zusammengetragen und akribisch archiviert hat, zeichnet die Taten des NSU-Komplexes nach und legt die historischen Wurzeln sowie die stadtgesellschaftliche und politische Verantwortung offen.

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Kaum eine Privatperson in Jena dürfte über ein solch umfangreiches Archiv von Zeitungsartikeln, Dokumenten, Akten und Fotos verfügen wie Frank Döbert, der seit 1990 für die Osttüringer Zeitung schrieb. Für die Ausstellung hat Döbert geeignetes Material aus seinem Archiv zusammengestellt, das eine Spur der Radikalisierung und Gewalt sichtbar macht, die sich rund um das Jenaer NSU-Trio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erstreckt.

Licht auf ein düsteres Kapitel in Jena werfen

Die Juden-Puppen, die Mitte der 1990er Jahre an Sticken aufgehängt wurden, Bombenattrappen unter anderem vor dem Jenaer Theaterhaus und auf dem Jenaer Nordfriedhof, die mit Hakenkreuzen beschmiert waren, grobe Fehleinschätzungen des damaligen Thüringer Verfassungsschutzpräsidenten Helmut Roewer, Pannen des Landeskriminalamtes: Es ist ein Puzzle von Ereignissen, von denen Frank Döbert fast alle selbst als Journalist recherchiert und dokumentiert hat. Das Gesamtbild, das sich dabei in der Rückschau ergibt, ist düster. Gerade deshalb sei es wichtig, Licht darauf zu werfen, findet der ehemalige Ortsteilbürgermeister von Jena-Göschwitz, Christfried Symanowski. Er betrachtete die Informationstafeln am Montagnachmittag.

An vieles kann sich Symanowski noch gut erinnern, er ist Zeitzeuge. Doch für die nachfolgenden Generationen müssten die Zusammenhänge sichtbar gemacht werden – gerade jetzt, sagt er. Wie es letztlich zu den rassistisch motivierten, rechtsextremen NSU-Morden kommen konnte, ist eine Frage, auf die noch immer eine Antwort gesucht wird. Döbert weiß, dass das Klima nach der Wende Nährboden gab für rechtes Gedankengut. Die Zehntausende, die durch die Abwicklung des Zeiss-Kombinats ihre Arbeit verloren, Hoffnungslosigkeit, Hass – unter anderem auch auf die DDR-Jugendopposition in Jena – und letztlich auch rechte Akteure, die nach 1989 Kontakte in den Osten aufbauten: Döbert nennt viele Gründe, die die Radikalisierung der Jugendlichen möglich machten.

Aus dem Wissen erwächst Verpflichtung

Die Ausstellung wurde bereits 2021 in der Villa Rosenthal gezeigt. Nun wurde sie um drei weitere Tafeln erweitert. Hier werden unter anderem Ergebnisse des NSU-Prozesses vor dem Münchner Oberlandesgericht aufgegriffen. „Nach dem Münchner Prozess wurde deutlich gemacht, dass die Aufarbeitung noch Jahrzehnte dauern kann, wenn es denn überhaupt möglich ist, alles aufzuklären“, sagt Döbert. Die Arbeit daran müsse fortgesetzt werden, und die aktuellen Ereignisse müssten weiter dokumentiert werden. Nur indem man sich informiere, könne man ein Bewusstsein dafür entwickeln, welche Bedrohungen es für die Demokratie gibt. Aus dem Wissen erwachse eine Verpflichtung.

Präsentiert wird die Ausstellung seit dem 26. Januar bis zum 28. Februar in der Stadtkirche St. Michael. Der Eintritt ist frei. Am 8. und 22. Februar, jeweils 17 Uhr, finden außerdem zwei Sonderführungen mit Frank Döbert statt.