Jena. Energiewende vor Ort (3): Bis 2027 sind vor Ort in Jena Investitionen im Umfang von 19,5 Millionen Euro geplant. Stadtwerke suchen im Rahmen des Projekts JenErgieReal nach intelligenten Lösungen.

Die gleichzeitige Energie-, Wärme-, und Verkehrswende lässt den Strombedarf in Jena stark steigen. Aktuell erwarten die Stadtwerke Jena Netze durch Wärmepumpe, E-Mobilität und Co eine Verdoppelung bis Verdreifachung des bisherigen Leistungsbedarfes in ihrem Stromnetz. Diesen „Stromhunger“ allein durch einen Ausbau des vorhandenen Stromnetzes zu stillen, wäre für die Stadtwerke weder finanziell noch organisatorisch in der gebotenen Zeit zu stemmen.

Digitalisierung ist der Schlüssel

Stattdessen suchen die Stadtwerke im Rahmen des Reallabors der Energiewende (JenErgieReal) nach intelligenten Lösungen zur effizienteren Nutzung des vorhandenen Stromnetzes. „Digitalisierung ist aus unserer Sicht ein Schlüssel zum Gelingen der Energiewende“, sagt Ronny Kreißl, Verbundprojektkoordinator bei den Stadtwerken Jena Netze. Denn für die Stromnetze der Zukunft sei gar nicht die in Summe notwendige Strommenge die Herausforderung. „Vor Probleme stellen uns eher die zu erwartenden starken Leistungsschwankungen – sowohl in der Erzeugung als auch im Verbrauch. Und hier können wir durch eine intelligente digitale Steuerung schon viel bewirken.“

Kein Hexenwerk

Auf der Suche nach schnellen und effizienten Methoden, den Klimawandel und seine Folgen aufzuhalten: Unsere Redaktion beleuchtet in einer kleinen Serie gemeinsam mit den Stadtwerken, dass die Energiewende vor Ort kein Hexenwerk ist.

JenErgieReal ist eines von 20 Gewinnerprojekten im Ideenwettbewerb Reallabore der Energiewende des Bundeswirtschaftsministeriums. Unter 90 eingereichten Ideen schaffte es JenErgieReal 2019 als einziger Thüringer Beitrag in die Runde der förderfähigen Vorhaben.

Die Idee: Im Rahmen von JenErgieReal soll ein sogenanntes „virtuelles Kraftwerk“ entstehen. Dieses führt verschiedenste kleine und große, private und Stadtwerke-eigene, bestehende und noch zu errichtende Anlagen zur Erzeugung, zum Verbrauch und zur Speicherung von Energie über eine digitale Plattform zusammen – und macht sie somit in Echtzeit steuerbar. „Dabei berücksichtigen wir die Haupttreiber des Energieverbrauchs in Städten – Verkehr, Gewerbe und Wohnen. Und wir betrachten die Sektoren Strom und Wärme gemeinsam. Mit Hilfe von Smart Home-Technologien beziehen wir erstmals auch private Verbräuche bis auf die Ebene der einzelnen Wohnung mit ein. Und wir betrachten erstmals auch den Bereich der Elektromobilität“, sagt Kreißl. „Dieser ganzheitliche, sektorenübergreifende Ansatz macht JenErgieReal so besonders.“

Ronny Kreißl ist Verbundprojektkoordinator bei den Stadtwerken Jena Netze.
Ronny Kreißl ist Verbundprojektkoordinator bei den Stadtwerken Jena Netze. © Stadtwerke

Jenaer Kraftwerksverbund reagiert in Echtzeit

Der so entstandene leistungsfähige „virtuelle Kraftwerksverbund“ reagiert in Echtzeit und dank dezentraler Vernetzung weitgehend autonom auf die aktuelle Auslastung im Stromnetz. So können je nach Stromangebot und Stromnachfrage beispielsweise auf Quartiersebene bestimmte private Verbraucher kurzzeitig vom Netz genommen, elektrische Großspeicher geladen oder entleert oder Stromüberschüsse zur Wärmeerzeugung oder zum Schnellladen von Elektrofahrzeugen genutzt werden. „Die am virtuellen Kraftwerk teilnehmenden Privatverbraucher erhalten dafür jeweils eine Vergütung. So können die Menschen – insbesondere auch Mieterinnen und Mieter – an der Energiewende teilhaben und konkret von ihr profitieren“, erläutert der Verbundkoordinator. „Auch das ist etwas Neues.“

Beim Digital-Gipfel der Bundesregierung im November in Jena wurde das Projekt als Best-Practice-Beispiel für die erfolgreiche Umsetzung der Energiewende in Städten präsentiert – und hatte unter anderem bei Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck regelrechte Begeisterung ausgelöst.
Beim Digital-Gipfel der Bundesregierung im November in Jena wurde das Projekt als Best-Practice-Beispiel für die erfolgreiche Umsetzung der Energiewende in Städten präsentiert – und hatte unter anderem bei Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck regelrechte Begeisterung ausgelöst. © BMWK | christina czybik

19,5 Millionen Euro sollen in Jena investiert werden

Ende 2022 hatte die Projektarbeit für die acht Verbundpartner von JenErgieReal begonnen. Inzwischen ist die Machbarkeitsanalyse erfolgreich abgeschlossen und damit der erste Meilenstein erreicht. Aktuell werden erste Prototypen entwickelt und getestet. Verläuft auch diese Projektphase erfolgreich, könnte ab 2025 die konkrete Umsetzung in Jena starten, berichtet Ronny Kreißl. Bis 2027 sind vor Ort in Jena Investitionen im Umfang von 19,5 Millionen Euro geplant, unter anderem für den Bau von Großspeichern für Strom und Wärme sowie für Erzeugungsanlagen für grüne Energie.

Zunächst soll das virtuelle Kraftwerk auf Quartiersebene in einem Plattenbaukomplex in Lobeda-Ost getestet werden. Später ist eine Skalierung auf den Stadtmaßstab geplant. Bei ihrer Arbeit profitieren die Verbundpartner von den Erfahrungen aus dem Stadtwerke-Projekt Smartes Quartier Jena-Lobeda. Dort konnte allein durch eine digitale Heizungssteuerung 30 Prozent Wärmeenergie eingespart werden. JenErgieReal bezieht nun auch den Stromverbrauch mit ein. Erwartet werden deshalb ähnliche oder sogar noch höhere Einspareffekte.

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