Atemlos im Urwald – Premiere für das beste Stück des Jahres in Jena

Jena  „Die lächerliche Finsternis“ ist das Stück der

Sprung ins Ungewisse – Ilja Niederkirchner in einer Szene der Jenaer Inszenierung „Die lächerliche Finsternis. Foto: Joachim Dette

Sprung ins Ungewisse – Ilja Niederkirchner in einer Szene der Jenaer Inszenierung „Die lächerliche Finsternis. Foto: Joachim Dette

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„Die lächerliche Finsternis“ schafft, was unmöglich schien. In der Regel werden junge Autoren gelobt, bekommen einen Preis und im besten Fall wird ihr Stück auch einmal inszeniert.

Für Wolfram Lotz war es in diesem Jahr umgekehrt. Die Kritiker hatten „Die lächerliche Finsternis“ noch nicht zum Stück des Jahres gekürt, da spielten es schon Bühnen zwischen Augsburg und Wien oder wollten es unbedingt zu Beginn der Saison 2015/16 spielen. Am Theaterhaus Jena inszeniert es der freie Regisseur Jan Langenheim, den Jenensern aus der letzten Saison schon durch „Detroit“ bekannt. Spielstätte ist der Club Kassablanca am Westbahnhof. Benjamin Schönecker und Veronika Bleffert (Ausstattung) machen Bühne, Saal und die Nacht davor zum Schauplatz des auf einem Hörspieltext basierenden Stücks.

Der Text beginnt mit einem somalischen Piraten, der in Hamburg vor Gericht steht und in einem längeren Monolog Gericht oder deutscher Öffentlichkeit erzählt, warum er Pirat wurde, wie er schließlich ein Schiff enterte und der deutschen Justiz in die Hände fiel. „Ich bin ein schwarzer Neger aus Somalia“, stellt sich Ultimo Michael Pussi vor. Ultimo steht in Jena in der Dunkelheit, hinter sich die Bahnsteiglichter des Westbahnhofs und ist ein weißer Transvestit mit Ohrgehänge und Kette und schön geschminktem Augen (Benjamin Mährlein).

Auf Brüche wie diesen setzt Langenheims Inszenierung, um zu zeigen, in unserer globalisierten Welt hängt alles mit allem zusammen – das Fischfilet auf Thüringer Tellern mit den Piraten am Horn von Afrika, die koloniale Ausbeutung der sogenannten Dritten Welt mit den Krisen und Kriegen der Gegenwart, die vermeintliche Freiheit Deutschlands, die am Hindukusch zu verteidigen ist.

Nachdem Ultimo seine deutschen Richter um Verständnis gebeten hat, beginnt Teil II „Die Fahrt auf dem Fluss“, die wie die nämliche in Joseph Conrads großer Erzählung ins Herz der Finsternis führt. Bei Lotz ist der Hindukusch ein Strom wie der Kongo. Wie Marlow einst den abtrünnigen Kurtz sollen Hauptfeldwebel Pellner und der aus Bernburg stammende Unteroffiziers Dorsch (Ilja Niederkirchner und Maciej Zera) einen Ausgetickten aufspüren.

Bei Conrad kehrt Marlow in eine melancholisch und noch fast heile Welt zurück und erzählt vom Blick ins Herz der Finsternis. Bei Lotz gibt es keinen Weg zurück. Der Auftrag führt die guten Cowboys Pellner und Dorsch mitten in den Wahnsinn, dem sie schon darum nicht entrinnen können, weil er ihrer Welt eingeschrieben ist. Was auch auf Lodetti, Stojkovic und Reverend Carter (alle Leander Gerdes) zutrifft, denen sie am Fluss begegnen.

Der Zorn des Einen auf die Eingeborenen entzündet sich am Müll, der Andere gibt sich die Schuld am Tod seiner durch einen gezielten Luftschlag getöteten Familie. In Carters Mission wieder werden sie wie die siegreiche deutsche Elf atemlos von Helene Fischer begrüßt. Wie Klara Pfeiffer (auch noch in weiteren Rollen) als Sängerin den Punkt zwischen böser Parodie und ernst zu nehmender Sehnsucht trifft, ist großartig. Wie überhaupt am Premierendonnerstag Niederkirchner und Zera beim immer weiteren Abdriften in das Grauen zu immer intensiverem Spiel finden.

Die Finsternis in der globalisierten Welt, in der alles kontrolliert werden kann, ist total und lächerlich zugleich, da doch nichts wirklich unter Kontrolle zu bringen ist. Trotz Lotz‘scher Kalauer, trotz Rotzigkeit, Zynismus und schlagernder Argumente der Jenaer Inszenierung – selten macht Theater so schmerzlich deutlich, wie sehr diese Welt ist im A... ist.

Nächste Vorstellungen am 9. und 10. November, 20 Uhr, Kassablanca Jena

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