Ausbeutung oder Teilhabe? Jenaer Werkstatt-Beschäftigte sprechen über ihre Arbeit

Jördis Bachmann
| Lesedauer: 5 Minuten
Birgit Martin, Nadine Schmohl und Philipp Grenz (von links) wurden in den Werkstattrat des Saale-Betreuungsrates gewählt. Sie vertreten die Interessen der Beschäftigten, wie die von Katrin Wiesner (hinten), die am Empfang der Werkstatt am Flutgraben arbeitet.

Birgit Martin, Nadine Schmohl und Philipp Grenz (von links) wurden in den Werkstattrat des Saale-Betreuungsrates gewählt. Sie vertreten die Interessen der Beschäftigten, wie die von Katrin Wiesner (hinten), die am Empfang der Werkstatt am Flutgraben arbeitet.

Foto: Jördis Bachmann

Jena.  Die Werkstätten für behinderte Menschen sind in der Debatte um den Mindestlohn: Ein Gespräch in Jena mit Betroffenen.

Die heute 35-jährige Nadine Schmohl hat drei verschiedene Ausbildungen absolviert – Kosmetikerin, Hauswirtschaftshilfe und Betreuungskraft. Doch sie leidet an der Friedreichschen Ataxie, eine genetisch bedingte, bisher unheilbare Störung des Kleinhirns. Die Krankheit breitet sich langsam aus.

„Vor allem meine Hände sind bisher betroffen“, sagt Nadine Schmohl. Sie hat zuletzt im Altenheim gearbeitet, doch sich im Kollegium nicht wohl gefühlt. Ihre Krankheit ließ nicht die gleiche Arbeitsgeschwindigkeit zu, die ihre Kollegen erbrachten. „Man muss sich schon viel gefallen lassen. Ich habe das nicht mehr geschafft.“

Auch Birgit Martin ist gehandicapt: „Ich hatte psychische Probleme und war früher zusätzlich stark übergewichtig“, denkt die Jenaerin zurück. Zu DDR-Zeiten arbeitete sie in einer Kindertagesstätte. Zehn Jahre war sie als „Mädchen für alles“ in der Einrichtung tätig. Dann kam die Wende, ihre Stelle in der Kita konnte nicht gehalten werden. „Eine Weile war ich in einer Reinigungsfirma.“ Doch dann sei sie in die Tagesklinik gegangen, später in eine ambulante Betreuung.

Werkstattrat vertritt die Interessen der Beschäftigten

Auch die Geschichte des gehandicapten Philipp Grenz, der eine Ausbildung zum Beikoch absolviert hatte, klingt ähnlich: „Ich habe einfach keine Angebote gefunden oder sie waren so schlecht, dass ich sie nicht annehmen konnte. Vom Amt wurde ich von einer Maßnahme zur nächsten geschoben.“

Heute sind die drei Jenaer in den Werkstätten des Saale-Betreuungswerkes tätig. „Hier ist möglich, was auf dem freien Arbeitsmarkt nicht möglich war“, sagt Birgit Martin. Anfang des Jahres wurden Birgit Martin, Nadine Schmohl und Philipp Grenz in den Werkstattrat gewählt, der wie ein Betriebsrat die Interessen der Beschäftigten vertritt und an Unternehmensentscheidungen beteiligt ist.

Nun hat der Werkstattrat ein Statement zur aktuellen Diskussion um den Mindestlohn in Werkstätten verfasst. Im Durchschnitt verdienen die Werkstattbeschäftigten etwa 200 Euro im Monat. Vor allem der körperlich behinderte Raul Krauthausen, Aktivist für Inklusion und Barrierefreiheit, setzt sich in Deutschland medienwirksam für einen Mindestlohn in den Werkstätten ein.

Der freie Markt kann nicht bieten, was die Werkstätten bieten

In der Leistungsgesellschaft würden Arbeitgeber eine 100-Prozent-Arbeitskraft erwarten. „Das können wir nicht leisten“, heißt es in dem Statement des Werkstattrates. „In der Werkstatt werden wir von Fachkräften betreut. Sozialarbeiter, Psychologen, Gruppenleiter, Pflege-Assistenzkräfte kümmern sich liebevoll um unsere Bedürfnisse.“ Was die Werkstatt biete, könne die freie Marktwirtschaft nicht leisten. „Man kann nicht jeden Menschen mit einer Behinderung auf den freien Arbeitsmarkt integrieren.“

Sozialarbeiterin Katrin Ostrowski, die vom Werkstattrat zur Vertrauensperson gewählt wurde, hält die Diskussion um einen Mindestlohn für schwierig: „Die Menschen, die bei uns beschäftigt sind, erhalten eine Grundsicherung oder eine EU-Rente. Sie sind erwerbsunfähig. Das Wesentliche bei der Beschäftigung in den Werkstätten ist die Teilhabe und das Gefühl, eine sinnvolle Aufgabe zu haben.“

Ingo Seidemann ist Vorstandsvorsitzender des Lebenshilfe-Vereins. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern und ist seit 30 Jahren engagiert. Es sei ihm eine Herzensangelegenheit, sagt er. Auch weil sein mehrfachbehinderter Sohn die Leistungen des Saale-Betreuungswerkes selbst in Anspruch nahm. Seidemann sagt: „Die Entlohnung der Beschäftigten in den Werkstätten ist ein komplexes Thema. Man muss es sehr differenziert betrachten.“

Einfaches Umschwenken auf Mindestlohn nicht sinnvoll

Natürlich, so Seidemann, gebe es körperlich beeinträchtigte Menschen, die höchste geistige Leistung bringen und diese auf dem freien Arbeitsmarkt einbringen könnten. Doch in den Werkstätten würden auch Menschen mit geistigen Einschränkungen betreut und beschäftigt, für die es auf dem freien Arbeitsmarkt kaum möglich sei, integriert zu werden. Inklusion bedeute jedoch, für alle einen Platz in der Gesellschaft zu schaffen.

Für Nadine Schmohl, Birgit Martin und Philipp Grenz scheint die Werkstatt jedenfalls nicht die einzige Option zu sein, sondern ein Ort, an dem es ihnen ermöglicht wird, ihre Fähigkeiten sinnvoll einzubringen und unter Beweis zu stellen. So werden sie derzeit beispielsweise geschult, um Führungen durch eine Ausstellung im Erfurter Erinnerungsort „Topf und Söhne“ zu gestalten. Eine anspruchs- und verantwortungsvolle Aufgabe, findet Sozialarbeiterin Katrin Ostrowski.

„Sicher gibt es im System Werkstatt einiges zu tun, wie etwa ein besseres Lohn-Entgelt für alle Beschäftigten. Wenn man aber Mindestlöhne für uns verlangen würde, bliebe die Frage, wie diese von Menschen erwirtschaftet werden sollen, die in ihrer Erwerbsfähigkeit voll gemindert sind“, heißt es im Statement des Werkstattrates.

Ein einfaches Umschwenken auf den Mindestlohn würde außerdem dazu führen, dass viele Menschen mit Behinderung schlechter gestellt würden. Nicht die Werkstätten seien das Problem, sondern eine Gesellschaft, die nur schwer akzeptiere, dass manche Menschen nur ein bestimmtes Maß an Leistung bringen können.

Über das Saale-Betreuungswerk:

Das Saale-Betreuungswerk der Lebenshilfe in Jena ist eine gemeinnützige GmbH und wurde 1992 vom Verein Lebenshilfe Jena und der Stadt Jena gegründet.

Die Werkstätten für Menschen mit Behinderung sind Am Flutgraben und im Drackendorf-Center ansässig. Hier arbeiten etwa 300 behinderte Menschen unter anderem in den Bereichen Montage, Küche, Druckerei, Fahrzeugpflege, Gartenpflege oder Digitale Archivierung. Dabei erhalten die Werkstätten Aufträge von etwa 200 verschiedenen Firmen.

Weitere Arbeitsplätze werden betriebsintegriert angeboten. Sie werden direkt in Unternehmen der Region ausgeübt.