Jena: Bens Vermächtnis sind Kassetten für den Sohn

Jena.  Jenaer Hospiz-Buchprojekt von Martina Grimm und Tim Wache erzählt zwölf kleine Geschichten von todkranken Menschen.

„Was ich noch zu sagen hätte": Tim Wache hat in dem Buch zwölf Begegnungen mit Menschen festgehalten, die den Tod vor Augen haben. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Erstauflage wollen er und Martina Grimm dem Hospiz spenden.

„Was ich noch zu sagen hätte": Tim Wache hat in dem Buch zwölf Begegnungen mit Menschen festgehalten, die den Tod vor Augen haben. Die Einnahmen aus dem Verkauf der Erstauflage wollen er und Martina Grimm dem Hospiz spenden.

Foto: Thorsten Büker

„Das ist kein Buch über das Sterben. Es geht um das Leben.“ Vor gut einem Jahr begeben sich Martina Grimm und Tim Wache gemeinsam mit dem Hospiz Jena auf eine Reise, um ein besonderes Buchprojekt zu realisieren. „Was ich noch zu sagen hätte“ versammelt zwölf Begegnungen mit Menschen, die den Tod vor Augen haben und das weitergeben, was sie als wesentliches Merkmal des eigenen Lebens erkennen. Jetzt ist das Buch auf dem Markt.

Vielleicht liegt es daran, dass Tim Wache genauso alt ist wie Ben. Das Gespräch jedenfalls berührt ihn. Ben ist 35 Jahre alt. Er ist verheiratet. Ein Tumor in seinem Kopf wird dafür sorgen, dass er nicht erleben wird, wie sein Sohn aufwächst.

„Es ist so schwer, das akzeptieren zu müssen, es gibt so vieles, das ich ihm sagen möchte, doch ich erwische mich ständig dabei, ihm Gedanken und Lösungen zu erklären, die er noch gar nicht verstehen kann.

Er ist noch so klein… andere haben Hunderte von Gelegenheiten, in allen Altersklassen und Entwicklungsstufen, ich aber werde nicht mehr da sein, wenn er in die Schule kommt und sich dort erzählen lassen muss, was er alles nicht kann; wenn er zum ersten Mal verliebt ist und zum ersten Mal verletzt wird; wenn er diese merkwürdige Welt da draußen kennenlernt und sie manchmal nicht versteht. Ich werde dann nicht mehr da sein und ihm nicht helfen können. Und das, das ist eigentlich das Schlimmste.“

Bevor man ihn abgeben muss eine Löffelliste schreiben

Ben lässt sein altes Kassettendeck reparieren und bespricht Kassetten für seinen Sohn. „Zu jedem kommenden Geburtstag wird es eine für ihn geben, mal sehen, wie viele ich noch schaffe.“ In dem Kapitel verhehlt Tim Wache seine Rührung nicht. Sie trinken Schnaps und keinen Kaffee.

Und sprechen am Ende über Bens Liste mit unerledigten Aufgaben: Da geht es nicht darum, die Fenster zu putzen oder das quietschende Scharnier zu ölen. Bens Liste erzählt von den Dingen, die ihm am Herzen liegen. Eine Löffelliste mit den Dingen, die er noch erledigen will, bevor er den Löffel abgibt. Das ist salopp ausgedrückt.

Los ging es 2016 in einer Kreativwerkstatt

Es war die Nachbarin, die Tim Wache auf das Thema bringt. Sie arbeitet ehrenamtlich als Hospizbegleiterin, und Tim Wache findet, dass Menschen wie sie zu selten im Rampenlicht stehen. Zusammen mit Martina Grimm betreibt er seit dem Frühjahr 2016 eine Kreativwerkstatt, die Geschichten anderer Menschen in einem Buch festhält: Wache schreibt sie auf, Grimm illustriert sie. Mittlerweile kann er vom Schreiben leben. Es fängt an mit einem Geschenk für den 70. Geburtstag seiner Großmutter. Er bittet Verwandte und Freunde, ein lustiges Erlebnis aufzuschreiben. Daraus entstehen Geschichten und ein Buch. Das Projekt Meilensteine produziert heute Unikate und Bücher in Mini-Auflage – die eigene Biografie oder ein Geschenk für den Lieblingsmenschen.

Finanzierung über die Crowd-Plattform der Stadtwerke

Über die Crowd-Plattform der Stadtwerke haben sie den Start finanziert: 500 Exemplare zählt die erste Auflage des 163 Seiten starken Büchleins. Wir lernen in ihm junge und alte Menschen kennen. Und natürlich berührt eine todkranke 20-jährigen Frau viel stärker als das Schicksal eines hochbetagten Mannes. Dies hat etwas mit Biologie zu tun. Und jenes? Tim Wache erzählt von der Begegnung mit Elisabeth, 89 Jahre alt. Sie muss in ihrer Vergangenheit etwas Schlimmes gemacht haben. Jetzt hat sie Angst. Nicht vor dem Tod, sondern vor dem „Fegefeuer der Hölle“.

Und was ist das Wesentliche im Leben?

Tim Wache hat die Menschen anonymisiert. Auch die Illustrationen von Martina Grimm zeigen nicht jene Frauen und Männern, mit denen sich Wache trifft. Aber sie lassen das geschriebene Wort plastischer wirken. So wie bei Ben, der auf der Zeichnung mit seinem Sohn zu sehen ist. Trifft der 35-Jährige seine Gesprächspartner, dann läuft ein Diktiergerät. Es sei ein ambitioniertes Ziel, den Menschen so wiederzugeben, wie ihn Angehörige erlebt haben und erkennen können. „Fragen und Zuhören: Meine Arbeit hat mir bisher gezeigt, dass der Bedarf groß ist. Menschen wollen reden. Jene, die den Tod vor Augen haben, sind dankbar, nicht über die Krankheit sprechen zu müssen.“

Und was ist das Wesentliche im Leben? Die Frage beantwortet jeder anders. „Ich war ein Klassiker, ein Karrierist und Workaholic“, sagt Heinz (59) über sich. Und er erkennt dann doch, dass bei einem Leben auf der Überholspur die eigenen Kinder viel zu kurz kamen.

Das Buch ist in mehreren Geschäften Jenas sowie online unter www.deine-meilensteine.de erwerbbar. Der Erlös der gesamten ersten Auflage wird zu 100 Prozent dem Hospiz Jena gespendet.