Camsdorfer Brücke: Sondersitzung verschoben – Unveröffentlichte Gutachten lassen Fragen offen

Jena  Die heute an der Camsdorfer Brücke geplante Sondersitzung des Stadtentwicklungsausschusses zur Radunterquerung wird verschoben. Mehrere Gutachten bieten Kritikern des Projektes durchaus „Futter“.

Der Radweg unter der Camsdorfer Brücke.

Der Radweg unter der Camsdorfer Brücke.

Foto: Stadtverwaltung Jena

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Die heute an der Camsdorfer Brücke geplante Sondersitzung des Stadtentwicklungsausschusses wird um eine Woche verschoben. Neuer Termin ist Mittwoch, 18. September, 17 Uhr. Grund ist der krankheitsbedingte Ausfall von Mitarbeitern der Stadt, die vor Ort die Situation erläutern wollten.

Für die Radunterquerung müssten 19 teils sehr große Bäumen gefällt werden. Da die Stadtverwaltung ihre Entscheidung zur Befreiung des streng geschützten Biotops bereits getroffen hat, sind wichtige Gutachten jetzt der Öffentlichkeit zugänglich. Alle vier Gutachten bieten Kritikern des Projektes durchaus „Futter“. Bürgermeister Christian Gerlitz (SPD) hält an der Unterfahrung fest, weil nur so die Sicherheit der Radfahrer garantiert werden könne. Diese Lösung sei alternativlos, heißt es.

Das Büro Schlothauer & Wauer Ingenieurgesellschaft für Straßenverkehr mbH aus Dresden untersuchte drei verkehrliche Alternativen zur Radunterquerung. Die Varianten wurden allesamt von der Verwaltung vorgegeben:

Variante 1: Verschiebung der bestehenden Fußgängerfurt etwa 20 Meter in Richtung Osten bis in Höhe der Zufahrt „Am Saaleufer“ sowie Spursignalisierung der Linksabbieger aus der Zufahrt Am Anger und der Rechtsabbieger aus der Zufahrt Am Eisenbahndamm.

Variante 2: Errichten einer separaten signalisierten Querung über die Camsdorfer Brücke, welche sich etwa 50 Meter östlich des Knotenpunktes Steinweg/Am Eisenbahndamm/ Am Anger befindet.

Variante 3: Herstellung einer Querungshilfe über die Camsdorfer Brücke in Höhe der Zufahrt „Am Saaleufer“

Der Gutachter stellt fest: „Keine der drei Varianten ist eine Lösung, die leistungsfähig für den Verkehr ist und zugleich als Fußgängerquerung verkehrssicher ist.“ Verkehrlich machbar sind die drei Varianten aber schon. „In Variante 2 wird für alle Belastungsszenarien mindestens die geforderte Qualitätsstufe D erreicht“, heißt es. Variante 1 wäre sicher für Radfahrer und Fußgänger, bremst aber den Verkehr stark aus.

Der Gutachter regt an, Verkehrsorganisation und Signaltechnik weiträumiger zu untersuchen, um herauszufinden, wie sich eine überirdische Querung vor der Brücke, auf Straßen und Kreuzungen im Umfeld auswirken würde.

Die Böscha GmbH, ein Büro für ökologische Studien und chemische Analysen aus Hermsdorf, beziffert die Flächenverluste und Flächenbeeinträchtigungen wie folgt:

Totalverlust (Versiegelung) von 309 Quadratmeter Fläche.

Vollständiger und temporärer (langfristiger) Flächenverlust aufgrund von Bauarbeiten und Profilveränderungen auf 1.106 Quadratmeter.

Beeinträchtigung des geschützten Biotops aufgrund der Verkehrssicherungspflicht im Fallbereich der großen Baumweiden. In den Vorplanungen war hier von 2.560 Quadratmeter die Rede.

Der Gutachter sagt: „Sowohl die hohe ökologische Wertigkeit als auch der Umfang der Betroffenheit des gesetzlich geschützten Biotops lassen die Erteilung einer Befreiung nach § 67 BNatSchG aus naturschutzfachlicher Sicht wenig realistisch erscheinen.“ Eine Ausnahme käme allenfalls in Betracht, wenn Gründe des öffentlichen Interesses von besonderem Gewicht sie rechtfertigen. – Als Unfallschwerpunkt gilt die Querung bislang nicht.

Auf Grundlage der von der Stadtverwaltung übergebenen Unterlagen wird wiederum von der Böscha GmbH das folgende gutachterliche Fazit gezogen: Eine Verschlechterung des Erhaltungszustandes (potenziell) betroffener lokaler Populationen ist nicht zu erwarten. Streng geschützte Arten entsprechend § 8 Abs. 2 Satz 2 (teilweise) und 3 ThürNatG werden vom geplanten Vorhaben nicht betroffen.

Diese Untersuchungen führte die Planungsgesellschaft Scholz + Lewis mbH aus Dresden durch. Die Erkenntnis: „Der geplante Radweg hat keine nachweisbaren Auswirkungen auf die Wasserspiegellage der Saale bei einem Jahrhunderthochwasser und keinen nennenswerten Einfluss auf Fließgeschwindigkeiten. Kniffliger Punkt ist die Hecke, die als Sichtschutz zum Biotop in zwei Bögen am Radweg gepflanzt werden soll. Der Gutachter schreibt: „Wegen der höheren Schadensanfälligkeit kann eine Umsetzung der Varianten aus hydrodynamischer Sicht nicht empfohlen werden.“ Zudem gebe es einen Anstieg der Fließgeschwindigkeiten und Schubspannungen am oberstromigen Kopf und der östlichen Seite des linken Brückenpfeilers der Camsdorfer Brücke.

Die dichte Hecke steht teils quer zur Fließrichtung und könnte nach Treibgutanspülung wie ein Mini-Staudamm wirken.

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