Zwiespältiger 9. November

DDR-Bürgerrechtler aus Jena erlebt Mauerfall in Berlin

Jena.  Frank Rub saß als Bürgerrechtler im DDR-Knast, erlebte den Mauerfall in Westberlin und erfährt um den 9. November als Künstler Genugtuung,

DDR-Bürgerrechtler und Maler Frank Rub mit Werken von ihm im Katalog zur Ausstellung „Point Of No Return“, die bis zum 4. November im Leipziger Museum für Bildende Künste zu sehen war.

DDR-Bürgerrechtler und Maler Frank Rub mit Werken von ihm im Katalog zur Ausstellung „Point Of No Return“, die bis zum 4. November im Leipziger Museum für Bildende Künste zu sehen war.

Foto: Thomas Stridde

Er sei wirklich nicht so leicht am Wasser gebaut. „Aber da musste ich weinen“, so sagt der Jenenser Frank Rub (67) über die Momente der Maueröffnung in Berlin vor 30 Jahren. Sein Blickwinkel auf die Mauer am Abend des 9. November 1989 und seine Lebensgeschichte erforderten in jenen Minuten seelische Entladung. Rub, der Maler, Dichter und DDR-Bürgerrechtler mit Erfahrungen als politischer Häftling, er hatte 1985 mit seiner Frau und Künstler-Kollegin Ev Rub die DDR in Richtung Westberlin verlassen. Von den Rias-Nachrichten befeuert, sei er mit Ev und dem Sohn Dominic an jenem 9. November abends halb neun von Kreuzberg aus hin zur Mauer, Höhe Bornholmer Straße/Bösebrücke, gefahren. „Wir hörten dieses Geraune und Gerausche von der Ostseite der Mauer. Es war eine riesige Woge von Menschen, die immer mehr wurden. Und dann die ‘Tor auf!’-Rufe! Und die Grenzer, die hin- und herliefen und nicht wussten, was zu tun ist. Denke ich an diese Situation, läuft es mir heute noch kalt über den Rücken.“ So habe er die allerersten Leute an sich vorbeilaufen sehen, die jenen am 9. November zuerst geöffneten Berliner Grenzübergang passierten. Das war der Moment, als Rub die Tränen kamen. „Wir hatten die Atmosphäre dann bis Mitternacht genossen.“

Ausstellung zeigte Haftbefehl

In diesen Tagen rund um den 30. Jahrestag der Maueröffnung erfuhren Ev und Frank Rub besondere Genugtuung. Sie gehörten zu den 80 geladenen Künstlern, deren Werke geordert worden waren für die Leiziger Ausstellung „Point of No Return“ im Museum der Bildenden Künste. Sie zeigte Perspektiven der ostdeutschen bildenden Künstler auf Friedliche Revolution, Wende und Umbruch – so auch Evs „Selbstbildnis“ sowie Franks Werke „Verhaftung“ und „Im Wald“ im typischen dystopisch düsteren Rub-Sound. Den Kuratoren sei es zudem wichtig gewesen, den gegen ihn 1983 ergangenen Haftbefehl zu zeigen, berichtet Rub. „Wegen Herstellung und Verbreitung von Bildern und Skizzen, die die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR verächtlich machten“, so hieß es damals, als Rub bereits ein Maß von Lebenseinschnitten hinter sich hatte, das für zwei Leben gereicht hätte: Schul-Rauswurf vor dem Abi aus politischen Gründen, Steinmetzlehre, Autodidakt als Maler und Bildhauer, Eintritt in die SED und SED-Ausschluss, weil er in der von ihm gegründeten IG Bildende Kunst im Kulturbund „Klassenstandpunkt“ vermissen ließ, Ablehnung des NVA-Reservistendienstes mit der Waffe, Aktionen in der unabhängigen Friedensbewegung. Dabei habe ihn schon sein aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrter Vater einst vor dem sowjetisch gelenkten System gewarnt, berichtet Rub. „Er sagte, der Russe ist der Wolf im Schafspelz“ und wisse „Fortschrittsglocke und Peitsche“ gleichsam zu bedienen. Warum wohl sei das vormalige KZ Buchenwald nach dem Krieg in seiner Funktion als Gulag auf ostdeutschem Boden wenig bis gar nicht bekannt gewesen?

Das Schweigen der Peiniger

Frank Rub erhebt sich während des Zeitungsgesprächs immer wieder unvermittelt vom Stuhl, als fände er im Stehen mehr Luft zum Erzählen. Ob ihn die Haft traumatisiert habe? „Wenn das Thema aufgerufen wird, dann muss ich reden – ich weiß: immer ein Stück zu viel. Unsere Peiniger aber, die schweigen“, sagt er. Ihm seien zwei bis zwölf Jahre Haft angekündigt worden. Obendrein habe man ihm gedroht, ihn weiterzureichen an die „Freunde“, wie die Sowjet-Behörden in der DDR genannt wurden. „Sie sagten: wegen Spionage. Dann kommste gar nicht mehr heim.“ Und wie subtil – nur kurzfristig erfuhr Rub von der bevorstehenden Entlassung aus der letzthin sechswöchigen Haft. Als er nach dem Mauerfall mit dem Zug in Jena anlandete, floh vor ihm der Fahrer des ersten bereitstehenden Taxis. Es war der einst auf ihn angesetzte Stasi-Offizier für „Politische Untergrundtätigkeit“, kurz „PUT“, sagt Rub.

Frank Rub schaut heute nicht etwa wie ein Rechthaber von oben herab auf die DDR, sondern er sagt: „Wir sind degeneriert worden.“ Gewiss, diese „Tauschgesellschaft“ wider die wirtschaftlichen Engpässe sei gut gewesen. „Aber es war nicht draußen, sondern im Stall. Hinter Draht und Mauer.“ Verantwortliche seien später nicht hinreichend zur Verantwortung gezogen worden. Das bezieht Rub ausdrücklich auch auf Pädagogen, die als „Steigbügelhalter“ des Systems fungiert hätten. „Dass sie geschwiegen haben, den Schuh müssen sie sich anziehen.“ Und so bekennt sich Rub zur eigenen Verbiegung im eigenen Gedicht: „… Was mich schlägt, ist die Gewohnheit, mich zu unterwerfen.“

Tag für Tag Unrecht

Folgerichtig – Rub staunt in Richtung des Thüringer AfD-Chefs Höcke, dass „ein dämlicher Oberlehrer aus Hessen abertausende Menschen in seiner Gefolgschaft hat“. Der alte DDR-Bürgerrechtler kann nicht verstehen, dass „primitiv-demagogische Politik“ derart zieht und „dass die Menschen hinter solchen Typen herlaufen“. Er frage sich, „ob es in den Köpfen so drin ist, dass immer schon jemand irgendetwas geleitet hat“. Andererseits kommt Rub nicht ins Reine mit dem Linken-Ministerpräsidenten Bodo Ramelow und dessen Meinung, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen. Rub sagt: „Es ist Tag für Tag Unrecht geschehen.“ Nur als Beispiel dazu der Schriftsteller Jürgen Fuchs – „er sollte in die Luft gesprengt werden“.

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