„Der liebste Punkt dieses ganzen Saaletals“

Jena  Stumme Zeugen (42): Ein Gedenkstein auf der Ammerbacher Platte erinnert an den „deutschen Darwin“.

Der Haeckel-Stein steht in Jena auf der sogenannten Ammerbacher Platte. Von hier hat man einen weiten Blick in Richtung  Ammerbach, Winzerla und Lobeda

Der Haeckel-Stein steht in Jena auf der sogenannten Ammerbacher Platte. Von hier hat man einen weiten Blick in Richtung  Ammerbach, Winzerla und Lobeda

Foto: Immanuel Voigt

Wer schon einmal im Süd-Westen Jenas die Berge über dem Saaletal erkundet hat, ist mit Sicherheit auch schon das eine oder andere Mal auf der Ammerbacher Platte gewesen. An deren Rand bietet sich gen Süden ein grandioser Ausblick, nicht nur ins Ammerbacher Tal, sondern auch über die weitläufige Landschaft. Kein Wunder also, dass der Ort nicht erst in unseren Tagen ein beliebtes Ausflugsziel darstellt. Einem berühmten Gelehrten, der zwei Drittel seines Lebens an der Saale verbrachte, war er sogar der „liebste Punkt“ der ganzen Gegend. Die Rede ist vom Zoologen Ernst Haeckel.

An einer besonders reizvollen Stelle steht seit nun mehr 50 Jahren der Haeckel-Stein. Anlässlich des 50. Todestages des großen Wissenschaftlers entschlossen sich die „Natur und Heimatfreunde Jena“, die Friedrich-Schiller-Universität und der Rat der Stadt, Haeckel 1969 an seinem Lieblingsplatz einen Gedenkstein zu stiften. Das schlichte, aus Jenaer Muschelkalk bestehende Denkmal trägt neben den Stiftern folgende Inschrift: „Ernst Haeckel / 16.2.1834-9.8.1919 / Naturforscher u. Philosoph / Bahnbrecher der Entwicklungslehre / Zum 50. Todestag“.

Ausgeführt und gesetzt hat den Gedenkstein der Steinmetzmeister Rudolf Kirschker. Eine Bank lädt unmittelbar daneben dazu ein, die herrliche Aussicht zu genießen. Den Haeckel-Stein erreicht man zum Beispiel, indem man von der Fachhochschule dem Lichtenhainer Oberweg folgend, am „Waldschlösschen“ vorbei durch den Wald, sich linker Hand am Schott-Platz haltend in Richtung Ammerbacher Platte wandert. Alternativ und nicht weniger reizvoll ist der Aufstieg von Lichtenhain über den weiß-rot-weiß markierten Wanderweg, der direkt auf der Ammerbacher Platte entlangführt.

Ernst Haeckel selbst war seit frühester Jugend ein begeisterter Wanderer. Der am 16. Februar 1834 als zweiter Sohn des Juristen Carl Haeckel und seiner Frau Charlotte in Potsdam Geborene, blieb seiner Passion auch während der Studienzeit in Berlin und Würzburg, vor allem aber in Wien treu. Zunächst noch Medizin studierend, interessierte sich der junge Haeckel bald viel stärker für die Tier- und Pflanzenwelt. Zahlreiche Studienreise folgten, darunter auch in die Alpen. So konnte Haeckel das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Als ihn sein Lebensweg schließlich 1861 nach Jena führte, ging für Haeckel ein Traum in Erfüllung, denn die Stadt an der Saale war für ihn eine Art Sehnsuchtsort.

Bereits als Schüler (er weilte damals in Merseburg) war er des Öfteren hier gewesen, in diesem für ihn landschaftlich, wie wissenschaftlich interessanten Fleckchen Erde. Hier habilitierte er sich und erhielt die Leitung des Lehrstuhls für Zoologie und begründete damit später seinen Weltruhm.

Dennoch blieb Ernst Haeckel zu Lebzeiten eine umstrittene Person. Zum einen wurde er für seine revolutionär wirkenden Theorien zur Abstammungslehre des Menschen bewundert, gar als „deutscher Darwin“ bezeichnet. Gerade aber wegen seiner Hypothesen, seiner wissenschaftlichen Nähe zu Charles Darwin und seiner Evolutionslehre sah sich Haeckel Kritik und Spott ausgesetzt, etwa wenn er als „Affendoktor von Jena“ geschmäht wurde. Trotz seines arbeitsreichen und mitunter rastlosen Alltags blieben für den Wissenschaftler Wanderungen und Ausflüge in die Umgegend von Jena ein wichtiger Teil seines Lebens. Die Ammerbacher Platte zählte dabei zu seinen Lieblingsplätzen. Kurios wirkt mitunter aus heutiger Sicht, dass Haeckel etwa Freunde und Bekannte mit verbundenen Augen auf den Berg führte. Erst am Ziel angekommen durften sie die Augenbinde abnehmen, um anschließend vom Ausblick überwältigt zu werden. Ein weiteres Kuriosum ist heute sicher nur wenigen bekannt. Ernst Haeckel war zu seinen Lebzeiten der Besitzer der Ammerbacher Platte. Nachdem er immer wieder den Wunsch geäußert hatte, einmal „Herzog der Ammerbacher Platte“ zu sein, halfen seine Freunde dabei, diesen Wunsch Realität werden zu lassen. Sie gründeten eine Stiftung und kauften mit dem Kapital das Land, dass dem Lichtenhainer Zimmermann Robert Geiling gehörte.

Zu Haeckels 72. Geburtstag bekam er dann also die „Platte“ geschenkt, die er später selbst „Ernst-Haeckel-Platte“ nannte. Bis ins hohe Alter blieb der Wissenschaftler aktiv. Vor 100 Jahren, am 9. August 1919, starb er im Alter von 85 Jahren in seiner „Villa Medusa“ in Jena.

Wer mehr über Haeckels Wirken, seine Theorie und selbst über seinen berühmten Hut erfahren möchte, kann noch bis zum 8. September 2019 im Stadtmuseum Jena die Ausstellung „Haeckel on stage in Jena“ besuchen.