Eichplatz-Serie: Der Schreibwarenladen an der Ecke

Jena.  1969 wurde unter anderem an der Ecke Eichplatz/Leutrastraße das Schreibwarengeschäft Kästner abgerissen. Eine Kästner-Nachkommin erinnert sich.

Blick vom alten Eichplatz in die Leutrastraße, dahinter das ehemalige Zeiss-Forschungs.-Hochhaus (Bau 59). Rechts in dem Eckhaus befand sich der Schreibwarenladen Kästner.

Blick vom alten Eichplatz in die Leutrastraße, dahinter das ehemalige Zeiss-Forschungs.-Hochhaus (Bau 59). Rechts in dem Eckhaus befand sich der Schreibwarenladen Kästner.

Foto: Sammlung Fialkowski

Viele, die den alten Eichplatz noch erlebt haben, können sich ganz bestimmt an ein Geschäft erinnern, das fast nimmer gut gefüllt war mit Kunden – das Schreibwarengeschäft Kästner. In einem grauen Haus an der Ecke Eichplatz/Leutrastraße war es angesiedelt. Und auch ich war oft dort, um mich mit Schulheften, Stiften und manch anderen Utensilien für die Schule einzudecken. Das änderte sich auch nicht nach dem Abriss dieses Gebäudes 1969. Das Geschäft zog um in die Bachstraße, wo es noch einige Jahre Bestand hatte. Um so größer nun die Überraschung, dass sich die Tochter von Ruth Levréchon, die gemeinsam mit ihrer Schwester Ingeborg Kästner Eigentümerin dieses 1969 abgerissenen Gebäudes in unserer Redaktion war, gemeldet hat.

Maria Fialkowski, eine geborene Levréchon, schrieb uns aus Potsdam, wo sie seit vielen Jahren lebt: „Ich habe meine Kindheit am Eichplatz verbracht und kannte alle Straße und Gassen. Ich erinnere mich noch gut an das Haus des Optikermeisters Röher, das sich schräg gegenüber von uns befunden hat, aber aber an den daneben befindlichen Haushaltwarenladen Götze, den Friseur Keipert und den Bäcker Reinhardt. Auch eine Pferdeschlächterei gab es dort. Ich weiß noch, dass dort eine Pferdewurst 50 Pfennige kostete.“

Man kann mit Maria Fialkowski gedanklich durch die alte Leutrastraße gehen. Alles wird lebendig in ihren Schilderungen – der Kunstgewerbe-Laden Kuhn, das Sanitätsgeschäft Schultes und der Spielwarenladen von Rosa Stede. Aber auch der neben dem Kästner-Haus in den 1950er Jahren errichtete Neubau mit dem Weingeschäft „Rauch und Reben“ und der Milchladen Melle in der Rinne, wo früher die Milch noch in der Kanne geholt worden sei. Um die Ecke in der Kollegiengasse habe die Familie Beyer eine elektrische Heißmangel betrieben und sogar im Hof Nutrias gehalten. Dort seien auch das Fischgeschäft Müller und der Schuster Schau beheimatet gewesen. „Während der Bombenangriffe 1945 half das Ehepaar Schau meiner Mutter und uns Kindern in den Luftschutzbunker im Rosenkeller“, erzählt Maria Fialkowski.

Über Jahrzehnte sei das Geschäftshaus Kästner in der Leutrastraße 25, einst auch mit einer Buchbinderei ausgestattet, im Familienbesitz gewesen. Der Verlust des Hauses 1969 sei schlimm für ihre Tante Ingeborg Kästner gewesen, schreibt Fialkowski. Sie habe dann nicht nur Probleme gehabt, neue Ladenräume zu finden, sondern auch neuen Wohnraum. „Die Stadt hat ihr damals die schlimmsten Löcher angeboten.“ Sie selbst habe immer gesagt, dass was die Bomber 1945 nicht geschafft hätte, das hätten 1969 die SED-Machthaber geschafft….

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