Der sympathische kleine Spar-Markt am Jenaer Fichteplatz schließt

Jördis Bachmann
| Lesedauer: 5 Minuten
Die kleine Spar-Markt am Fichteplatz wird schließen. Seit 60 Jahren existiert an dieser Stelle ein „Tante-Emma-Laden". Auch Pakete werden im Spar-Markt angenommen.

Die kleine Spar-Markt am Fichteplatz wird schließen. Seit 60 Jahren existiert an dieser Stelle ein „Tante-Emma-Laden". Auch Pakete werden im Spar-Markt angenommen.

Foto: Jördis Bachmann

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Jena.  Der Kult-Eckladen in Jena existiert seit mehr als einen halben Jahrhundert, im Juli ist Schluss. Im Viertel formiert sich Protest

Der Aushang an der Eingangstür lässt keinen Zweifel und auch keine Hoffnung zu: Der kleine Sparmarkt am Fichteplatz Nummer 9 wird schließen und zwar bereits am 10. Juli. Zwei Studentinnen, die eben aus dem Laden schlendern, um sich auf dem Spielplatz gleich nebenan niederzulassen, finden die bevorstehende Schließung traurig. Sie wohnen gleich in der Nähe und hätten den Laden häufig genutzt.

Beim Besuch im Spar-Markt sprechen Verkäuferinnen darüber, mit wie viel Wehmut die Schließung des Ladens verbunden ist. Seit etwa 30 Jahren arbeite sie hier, sagt eine Mitarbeiterin. Sie stehe nun kurz vor der Rente und hätte die letzten zwei Arbeitsjahre gern in ihrem Spar-Markt verbracht. Doch keine der vier festangestellten Mitarbeiterinnen werde ihren Job verlieren: Sie wechseln mit der Schließung in den Edeka-Markt am Magdelstieg, der nur einige Meter weiter ebenfalls von Nicole Richter geleitet wird.

Schließungsgrund: „Wirtschaftliche Entwicklung der letzten Zeit“

Richter selbst könne in nächster Zeit aufgrund eines Urlaubs nicht erreicht werden, erklären die Mitarbeiterinnen. Zu den möglichen Gründen der Schließung wollten sie sich nicht äußern. Auf dem Aushang am Lädchen wird die „wirtschaftliche Entwicklung der letzten Zeit“ als Grund angeführt. Man habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, ist außerdem zu lesen.

Die drohende Schließung sei das bestimmende Gesprächsthema im Viertel und seither würden sich viele Südviertel-Bewohner an das Team des Stadtteilladens Magdelstube wenden, die ihr Bedauern ausdrücken. So haben die Magdelstuben-Vertreter einen offenen Brief verfasst, der sich an die Betreiberin des Ladens, den Vermieter Jenawohnen sowie die Stadt wendet: „Mit Bestürzung haben wir von der geplanten Schließung des Spar-Marktes an der Ecke Magdelstieg-Fichteplatz in Jena erfahren“, ist darin zu lesen.

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Seit Ende der 1950er-Jahre existiert an dieser Ecke ein Laden

Dieser Entschluss sei ein herber Schlag für das Südviertel, denn mit dem kleinen Lädchen gehe ein einzigartiges Stück Stadtkultur verloren. Seit Ende der 1950er Jahre habe der Tante-Emma-Laden an dieser Stelle existiert. Er habe Systemwechsel und sich wandelnde Konsumgewohnheiten überstanden und war „immer ohne Unterbrechung für die Menschen im Südviertel da“.

Auf Nachfrage erklärte Jenawohnensprecher Gunnar Poschmann, dass Nicole Richter bereits im Frühjahr dieses Jahres den Mietvertrag – für das Wohnungsunternehmen überraschend – gekündigt hatte. Ab Anfang Oktober könne nun die 190-Quadratmeter-Fläche neu vermietet werden. Die Miete sei für die Lage des Ladens durchaus fair gewesen. Für die Neuvermietung gebe es bisher noch keine Interessenten, so Poschmann. „Wir wünschen uns etwas, das dem Stadtteil gut tut.“ Man wolle die Räume gern erneut als Gewerbefläche vermieten. Ortsteilbürgermeisterkandidat Stig Ludwig (SPD) zweifelt daran, dass sich hier wieder ein Tante-Emma-Laden etablieren kann. „Das stelle ich mir wirtschaftlich schwierig vor.“ Er könne sich aber sehr gut auch ein Café oder ähnliches vorstellen. Es brauche einen Treffpunkt, einen Ort, an dem die Menschen im Viertel sich begegnen können. Christina Prothmann (Die Grünen), die mit Stig Ludwig in die Ortsteilbürgermeister-Stichwahl geht, konnte gestern nicht für eine Nachfrage erreicht werden. Gunnar Poschmann zeigte sich jedoch dankbar dafür, dass Prothmann bereits bei Jenawohnen nachgefragt hätte, wie es mit dem Markt weitergehe.

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Ab Oktober können neue Mieter einziehen

Die Mitarbeiterinnen des Ladens berichten über Stammkunden und das persönliche Miteinander, das stets herrschte. „Besonders älteren Menschen, die dort seit Jahrzehnten einkaufen, wird der kleine Eck-Laden fehlen“, heißt es im offenen Brief. Viele Anwohner seien auf dezentrale Nahversorgungsstrukturen angewiesen, denn der Weg ins Stadtzentrum oder zum Nahversorgungsknotenpunkt Tatzendpromenade sei zu weit und für ältere Menschen sehr beschwerlich.

Im offenen Brief fordern die Magdelstübler, Alternativen zur Schließung zu diskutieren, einen transparenten Umgang bezüglich der Weiterentwicklung der Räumlichkeiten sowie den Einbezug der Bürger im Südviertel. Sie möchten auch nach der Schließung den Ort als Nahversorgungspunkt und sozialen Treffpunkt erhalten. Dazu solle die „Funktion und Bedeutung des Ortes im Stadtentwicklungsplan festgeschrieben werden“, heißt es im offenen Brief. Und weiter: „Hier bedarf es eines Bekenntnisses der Stadtverwaltung, des Ortsteilrates und der Eigentümergesellschaft.“

Dies seien „schöne Ziele, denen sich Jenawohnen gern anschließe“, so Poschmann. Unterstützung bei der Suche nach einem Nachmieter, der die Gewerbeeinheit im Sinne der Bewohner des Südviertels nutze, sei dem Wohnungsunternehmen willkommen.

Den offenen Brief, der mit einer Petition verbunden ist, findet man unter: www.change.org

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