Die Fotografen des Volksaufstandes in Jena

Jena  Am Tag des Volksaufstandes 1953 fotografierten mutige Teilnehmer das Geschehen. Nach ihnen wurde gefahndet.

Am Nachmittag des 17. Juni 1953 im Bereich der heutigen Löbderstraße: Panzer bahnen sich ihren Weg. Foto: Peter Kleinert

Am Nachmittag des 17. Juni 1953 im Bereich der heutigen Löbderstraße: Panzer bahnen sich ihren Weg. Foto: Peter Kleinert

Foto: zgt

Der Demo-Zug der Zeissianer in der Schottstraße, die erregten Diskussionen der Schottianer, 20 000 Jenaer auf dem Holzmarkt, Demonstranten am und im Untersuchungsgefängnis, vor der ABF und anderen Schauplätzen, die sowjetischen Panzer vor der SED-Kreisleitung, Demonstranten, die Panzer aufhalten, indem sie Straßenbahnwagen hin und her schieben. Das sind die Fotos, die seit 25 Jahren unser Bild vom Volksaufstand in Jena des 17. Juni 1953 maßgeblich bestimmen. Es waren jedoch keine Zeitungs-Fotografen oder Schlapphüte der Staatssicherheit, die die Ereignisse im Bild festhielten, sondern der Arbeiter, der Ingenieur. Sie erkannten die historische Bedeutung des Tages und zückten ihre Fotoapparate.

Der damals 27-jährige Joachim Rosenkranz, Werkzeugmacher bei Zeiss, hatte am Vormittag des 17. Juni an den Demonstrationen im Stadtzentrum teilgenommen, holte dann seinen Fotoapparat aus der Wohnung, um in der Stadt zu fotografieren, später in Kahla auf dem Markt. Anschließend wollte er von dort mit seiner Braut zum Sportplatz spazieren. Unterwegs fotografierte er ein Auto der Volkspolizei. Die Insassen bemerkten dies. Joachim Rosenkranz gab an, dass er fotografiert habe, da er glaubte, dass jemand verhaftet würde und habe dann die Fotos den Angehörigen geben wollen. Doch er selbst wurde verhaftet, vor Gericht gestellt und zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt; die Strafe wurde auf Antrag der Staatsanwaltschaft dann jedoch ausgesetzt. Seine Fotografien wurden nie veröffentlicht.

Glimpflicher verlief die Sache für W.B. (Name im Dokument geschwärzt), Student an der Arbeiter- und Bauernfakultät, als bei der VP im Juni 1954 zufällig bekannt wurde, dass er am 17. Juni 1953 fotografiert hatte. VP-Leutnant Putz suchte ihn auf. Der Student erklärte, dass er tatsächlich fotografierte, die Bilder aber noch keiner gesehen habe. Er übergab „anstandslos“ elf Fotos und einen Film mit weiteren Aufnahmen. „Hiesige Dienststelle ist der Ansicht, wenn diese Bilder und der Film scharf entwickelt werden, daß noch mancher Provokateur zu erkennen ist, der heute noch frei herumläuft und am 17.6.1953 negativ in Erscheinung getreten ist“, heißt es im Protokoll des MfS dazu. Auf die Frage, warum er die Fotos nicht sofort den „Organen“ übergab, antwortete der Student, er habe Angst vor Unannehmlichkeiten gehabt.

Großes Glück hingegen hatte der damals 20 Jahre alte begeisterte Hobby-Fotograf Peter Kleinert aus Sondershausen. Er studierte in Jena Chemie und hatte am 17. Juni 1953 seinen Fotoapparat Marke Taxona von Zeiss Ikon, eine Schnellschusskamera, gebaut ab 1952, Negativ-Format 24 x 24 Millimeter, dabei. Auf dem Weg zum Institut in der August-Bebel-Straße hielt er mehrfach den Demo-Zug fest, der sich vom Zentralen Platz, Weigelstraße, Johannisstraße, Wagnergase bis zum Gefängnis bewegte. An der Arbeiter- und Bauern-Fakultät fotografierte er, wie Losungen vom Gebäude entfernt wurden. Später lichtete er die Demonstranten auf dem Holzmarkt und die sowjetischen Panzer ab. Um die Szenerie gut ins Bild zu setzen, hatte er sich in einem Haus neben dem Hotel „Schwarzer Adler“ (beim „Roten Hirsch“) im zweiten Stock postiert.

Fotografiert bei Gefahr einer Verhaftung

Es gelangen ihm aus gedeckter Position zahlreiche, sehr aussagekräftige Fotos von dem Geschehen, das zur Verhaftung der in die SED-Kreisleitung eingedrungenen Demonstranten führte. Einer von ihnen, Alfred Diener, wurde am nächsten Tag durch ein sowjetisches Militärtribunal zum Tode verurteilt und erschossen, andere wie Walter Scheler erhielten bis zu 25 Jahre Zuchthaus. Erst 50 Jahre später öffnete er sein Fotoalbum für die Zeitung. Es sei ihm damals nicht bewusst gewesen, in welche Gefahr er sich begeben hatte.

Was Kleinert auch nur ahnen konnte: Nach dem 17. Juni fahndeten VP und MfS intensiv nach den Fotografen des Volksaufstandes. Tatkräftige Unterstützung erhielten die „Organe“ von linientreuen Denunzianten und beflissenen Parteifunktionären. Ganz besonders tat sich dabei Paul Esche, der Parteisekretär von Schott, hervor, der bemerkt hatte, dass der Kollege Gerhard Adam zunächst aus seinem Büro heraus, dann auf dem Werksgelände bei einer Versammlung der Arbeiter und später in der Stadt fotografierte. Am nächsten Tag wurde Adam von Esche vorgeladen; mit am Tisch saßen Werkleiter Nordwig und die Volkspolizei. Man stellte ihm Fragen wie: Warum hast du nur die Funktionäre der Partei fotografiert und nicht die Provokateure? Hast du Verwandte im Westen? Mit welchen alten Sozialdemokraten verkehrst du? Nach zwei Stunden wurde das Verhör beendet; eine Fortsetzung wurde für den nächsten Tag angekündigt. Um 19 Uhr traf Gerhard Adam in seinem Haus am Friedensberg ein; der Entschluss war gefasst. Seiner Frau eröffnete er, dass man ihn verhaften wolle, er sich deshalb sofort nach Westberlin absetzen werde. Zwei Stunden später war er mit seinem Sohn (9) per Auto auf dem Weg in die Freiheit.

Einige Aufnahmen von Gerhard Adam erschienen bald darauf in einer Broschüre des DGB über den Volksaufstand. Knapp 40 Jahre später stand eines Tages Helmut Schlönvoigt, Ex-Jenaer und nach dem 17. Juni zu Haft verurteilt, in der damaligen Redaktion der Zeitung in der Grietgasse: mit den Aufzeichnungen und Fotos des inzwischen verstorbenen Gerhard Adam. Dieser hatte verfügt, dass die sorgsam gehütete Mappe nach Jena kommen soll, wenn sich die Verhältnisse geändert hätten. Die Fotografien bildeten die Grundlage der ersten Ausstellung (1991 in der Stadtkirche) über den Volksaufstand in Jena.

Zur Dokumentation der Ereignisse werden weiterhin Fotos gesucht. Hinweise bitte an die Redaktion oder das Stadtarchiv.