Die geschleiften Kaiser

Jena  Stumme Zeugen (19): Ein Denkmal in Jena erinnert an zwei deutsche Potentaten

Gedenkstein der Fuchsturmgesellschaft aus dem Jahr 1961, nachdem auf Druck des DDR-Zeitgeists die alte Inschrift mit den Bildern der Kaiser Friedrich III. und Wilhelm I. (rechts) geschleift worden war.

Gedenkstein der Fuchsturmgesellschaft aus dem Jahr 1961, nachdem auf Druck des DDR-Zeitgeists die alte Inschrift mit den Bildern der Kaiser Friedrich III. und Wilhelm I. (rechts) geschleift worden war.

Foto: Immanuel Voigt

Der aufmerksame Wanderer weiß nicht erst seit heute, dass es auf dem Jenaer Hausberg rund um den Fuchsturm einige geschichtlich interessante Orte und Denkmale zu entdecken gibt. Mit einem dieser Erinnerungsorte beschäftigt sich der 19. Teil der Denkmalserie.

Verfehlen kann man ihn eigentlich kaum. Der weiß-blau-weiße Wanderweg ist der Pfad zum Ziel. Vom Fuchsturm sind es kaum zehn Minuten bergab, von der Wilhelmshöhe dauert es etwas länger.

Am sogenannten Tanzplatz findet sich direkt an der Felswand eine größere Einbuchtung mit einer in den Stein eingelassenen Tafel: „100 Jahre Natur- und Heimatpflege 1861-1961 / Allen treuen Türmlern u. Freunden für Ihre uneigennützige Arbeit und Mithilfe in der Heimatpflege am Hausberg in Dankbarkeit gewidmet! / Die Fuchsturmgesellschaft im Jubeljahr 1961“. Zunächst scheint hier nichts ungewöhnlich. Es wirkt wie der Dank an etliche Jenaer Bürger die sich seit nunmehr über 150 Jahren aktiv in der Fuchsturmgesellschaft einbringen, um Wege und Bänke instand zu halten und Schäden zu beseitigen. Kurzum, sie verschönern die Gegend und damit auch die Stadt maßgeblich.

Heute wissen wohl nur noch die wenigsten, dass dieser Ort und damit das Denkmal anderen Ursprungs sind.

Bei einem genaueren Blick sieht man über der heutigen Tafel zwei Ringe, die stark verwittert sind. Über den Ringen befinden sich außerdem die Reste einer Krone, die vor allem an der linken Seite stark beschädigt ist.

Die ursprüngliche Anlage wurde demnach nicht erst 1961 geschaffen, sondern geht zurück auf das Jahr 1890. In der Zeit des deutschen Kaiserreiches waren patriotische Denkmale keine Seltenheit. Genau als solches ist auch dieser Ort zu sehen. Die zerschlagene Krone lässt erahnen, dass man hier einstmals zwei deutsche Monarchen ehrte, genauer gesagt zwei Kaiser: Friedrich III. und Wilhelm I.

Auch nach seinem Tod blieb Wilhelm I. so beliebt, dass ihm viele Denkmale errichtet wurden

Der Zeitpunkt der Errichtung passt außerdem ins Bild. 1888 ging als das „Dreikaiserjahr“ in die deutsche Geschichte ein, da die Regentschaft gleich dreimal wechselte. Kaiser Wilhelm I., unter dem Deutschland 1871 als Staat geeint wurde, starb nach kurzer Krankheit 90-jährig am 9. März 1888 in Berlin. Ihm folgte sein Sohn als Kaiser Friedrich III. auf den Thron. Seine Regentschaft währte allerdings nur kurz, er ging deshalb als so genannter „99-Tage-Kaiser“ in die Geschichte ein. Bereits bei seinem Machtantritt war Friedrich III. schwer krank. Zeit seines Lebens war er passionierter Raucher, sodass er mit gerade einmal 56 Jahren an Kehlkopfkrebs am 15. Juni 1888 im Neuen Palais in Potsdam verstarb.

Das Deutsche Reich sah damit den dritten Regenten innerhalb von nicht einmal einem Jahr den Thron besteigen: Es war der noch junge und kaum erfahrene Sohn Friedrichs III., der als letzter deutscher Kaiser unter dem Namen Wilhelm II. in die Geschichtsbücher Einzug hielt.

Nach dem Tod der zwei Kaiser schossen überall im Deutschen Reich die Denk- und Erinnerungsmale an die beiden Regenten wie Pilze aus dem Boden. Gerade Kaiser Wilhelm I. war höchst beliebt in der Bevölkerung. Bis 1918 wurden ihm reichsweit mehr als 1000 Denkmale gewidmet.

Es verwundert daher kaum, dass man auch in Jena, obwohl nicht zum preußischen Staatsgebiet gehörend, an den beliebten Monarchen erinnern wollte. Das hiesige Denkmal geht auf eine Stiftung des Fabrikbesitzers F. E. Müller aus Apolda zurück. Offensichtlich war er ein Mitglied der Fuchsturmgesellschaft, was auch den gewählten Standort erklären würde.

Ursprünglich befanden sich also zwei bronzierte Eisenmedaillons in den heute noch sichtbaren Ringen, die eigentlich Kränze aus Eichenlaub darstellten. Auf der linken Seite war das Bild Friedrichs III. zu sehen, rechts das seines Vaters Wilhelm I. Drunter befand sich eine Tafel mit folgender Inschrift: „Den im Jahre 1888 verstorbenen beiden Kaisern / Friedrich III. / Dem Held vor’m Feind / Und im eigenen Leid / Wilhelm I. / Dem Gründer des Reiches / Und Schirmer des Friedens / Zum Gedächtniß errichtet durch die Fuchsthurmgesellschaft“.

Am 9. August 1890 erfolgte die Weihe des Denkmals. Gegen 18 Uhr beschritt die Festgesellschaft den kurzen Weg vom Fuchsturm zum Ort des Geschehens. Laut der „Jenaischen Zeitung“ war das Wetter prächtig. Mit Gesang wurde die Feierlichkeit eröffnet, anschließend hielt Pfarrer Ohse aus Jenaprießnitz die Weiherede. Unter Böllerschüssen fiel die Hülle, worauf der Stifter das Denkmal der Fuchsturmgesellschaft mit dem Hinweis übergab, „die Bilder mögen kommenden Geschlechtern ein patriotisches Mahnzeichen“ sein. Der Vorsitzende der Gesellschaft bedankte sich und empfahl das Denkmal „dem Schutz der Bevölkerung“. Fortan hieß der heutige Tanzplatz nun „Kaiserplatz“. Die Feier verlagerte sich nun wieder in Richtung des Fuchsturmes, wo man den Abend bei Musik und Feuerwerk ausklingen ließ. Aus Anlass des Festes wurden zu späterer Stunde Pechfackeln entzündet, dazu war der Fuchsturm beleuchtet.

Wie kam nun das Denkmal zu seiner heutigen Form? Wie so viele fiel auch dieser Ort dem Zeitgeist der DDR zum Opfer. Die ursprüngliche Form bestand bis 1958, als Forderungen laut wurden, die Kaiserbilder als Überbleibsel der „alten Eliten“ und „reaktionärer Kräfte“ zu beseitigen. Es gab Verhandlungen zwischen der Stadt und der Fuchsturmgesellschaft. Im Ergebnis erhielt die Gesellschaft die Erlaubnis, die beiden Portraits abzunehmen.

Im Juli 1958 wurde die Umfriedung, ein Eisengitter, durch die Forstverwaltung entfernt und zwei Bänke am einstigen „Kaiserplatz“ aufgestellt. Als man die Kaiserbildnisse abnehmen wollte, waren diese schon verschwunden. Der Wunsch, den das „Jenaer Volksblatt“ am 10. August 1890 formulierte – „Möge diese neue Zierde des Hausberges vor verwüstenden Händen verschont bleiben“ — erfüllte sich nicht.

Wer genau die Medaillons abgenommen hatte, blieb unklar. Eine Vermutung geht dahin, dass Waldarbeiter die beiden Kaiser entfernten und die Eisenplatten anschließend zerstörten. Die nun kaum mehr sinnmachende Inschrift wurde dann im Vorfeld des 100. Jubiläums der Fuchsturmgesellschaft entfernt und gegen die heutige Tafel ausgetauscht.

Ein interessanter Ort also, mit einer interessanten Geschichte, der einen Besuch wert ist.

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