Dr. Holger Wiese aus Jena untersucht Phänomene der Gesichtserkennung

Leser fragen - Experten antworten: Der Psychologe Dr. Holger Wiese und sein Jenaer Team untersuchen die Phänomene der Gesichtserkennung.

Es scheint so, als sei die rechte Hemisphäre unseres Gehirns wichtiger für das Erkennen von Gesichtern.  Foto: Archiv

Es scheint so, als sei die rechte Hemisphäre unseres Gehirns wichtiger für das Erkennen von Gesichtern. Foto: Archiv

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Jena. Die Situation kennt sicher jeder. Man schaut auf der Straße in ein Gesicht und weiß: Den kenn’ ich – aber woher, und wie heißt der nur? Doch alles Kopfzerbrechen hilft nichts, man kommt nicht drauf. Grund zum Verzweifeln besteht deshalb jedoch nicht, es geht vielen Menschen so, weiß Dr. Holger Wiese. Der Psychologe gehört zu dem Jenaer Team, das zur Wahrnehmung von Personen forscht und dazu nächste Woche einen internationalen Workshop ausrichtet.

Warum fällt es manchen Menschen so schwer, Gesichter wiederzuerkennen?

Die Fähigkeit, Personen anhand ihrer Gesichter oder ihrer Stimmen wiederzuerkennen, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt. Das ist ähnlich verteilt wie bei anderen Fähigkeiten, etwa der Musikalität. Manche Menschen – wir nennen sie Superrecognizer – sind allerdings erstaunlich begabt darin, Gesichter wiederzuerkennen. Wie sie das machen, das wissen wir leider noch nicht. Wir wissen sehr wenig darüber, wie Gesichter "gelernt" werden.

Ist das vielleicht Übungssache, so wie rechnen und lesen lernen?

Es könnte ein Zusammenhang bestehen, denn Menschen die etwa in der Passkontrolle arbeiten, bekommen einen etwas besseren Blick für Gesichter als andere. Interessanterweise hat sich dieser Effekt in empirischen Studien allerdings als überaschend gering gezeigt. Interessant ist auch, dass Europäer große Schwierigkeiten haben, Unterschiede in asiatischen Gesichtern zu bemerken, umgekehrt sehen wir Europäer für viele Asiaten alle gleich aus. Unser Gesichtserkennungssystem ist offenbar geprägt von den visuellen Reizen, denen wir gewöhnlich ausgesetzt sind. Lebt ein Europäer eine Zeit in Asien, dann wird auch er Gesichter von Chinesen, Japanern oder Koreanern einfacher unterscheiden können. Allerdings haben Tests auch ergeben, dass Menschen besondere Probleme haben, unbekannte Gesichter wiederzuerkennen, z. B. auf Fotos. Dagegen scheinen wir extrem gut zu sein, wenn es um Leute geht, mit denen wir persönlich bekannt sind.

Ist das ein Hinweis darauf, dass Emotionen mitspielen?

Die Zusammenhänge erforschen wir gerade. In unseren Experimenten präsentieren wir den Studienteilnehmern Gesichter, verändern diese z. B. per Computer-Bildbearbeitung oder karikieren sie und schauen uns per EEG die Hirnprozesse dabei an. Wir wollen erkunden, wie Gedächtnis und Lernleistung funktionieren.

Welche Bereiche im Kopf sind besonders gefordert?

Die Hirnaktivität lässt sich nicht auf einen Bereich begrenzen, es scheint jedoch so, als sei die rechte Hemisphäre unseres Gehirns wichtiger für das Erkennen von Gesichtern. Sehr aktive Bereiche befinden sich auch in den unteren Temporallappen im Hinterkopf. Zumindest wissen wir, dass Menschen, die an Prosopagnosie leiden, die die Identität einer bekannten Person anhand ihres Gesichtes nicht erkennen können, häufig schwere Schädigungen in den benannten Hirnbereichen aufweisen.

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