Ein Bild und seine Geschichte: Olaf Ludwig über Abduschaparow

Gera  Interview der Woche mit Olaf Ludwig. Bei der Tour d‘ Allée gibt es ein Wiedersehen mit Dschamolidin Abduschaparow

Olaf Ludwig beim 55. Geburtstag seines alten Widersachers Dschamolidin Abduschaparow (links) in Berlin mit einem Foto eines Sprintduells von 1987.  

Olaf Ludwig beim 55. Geburtstag seines alten Widersachers Dschamolidin Abduschaparow (links) in Berlin mit einem Foto eines Sprintduells von 1987.  

Foto: Privat

Die Friedensfahrt-Sprintduelle, nach der Wende bei den großen Profirennen sind vielen Radsportfreunden noch in Erinnerung. Respekt vor der Leistung des anderen hatten sie immer, und mit dem Abstand der Jahre sind sich Olaf Ludwig und Dschamolidin Abduschaparow auch menschlich näher gekommen.

Überrascht es Sie selbst, dass die Sprintduelle Ludwig – Abduschaparow bei vielen Radsportfans noch präsent sind. Es liegt ja alles schon ein paar Jahre zurück.

Ein wenig überrascht es mich schon, aber es erfüllt mich auch mit Stolz, zu erleben, wie sich die Radsportanhänger an die Friedensfahrt erinnern, wie diese Rundfahrt ein Teil ihres Lebens ist.

Es ging zur Sache. Da war nichts von Deutsch-Sowjetischer Freundschaft.

Sportlich waren wir Konkurrenten. Jeder wollte gewinnen, ist an die Grenzen gegangen. Bei Abdu kommt ja noch dazu, dass sein Sprintstil schon sehr eigen war. Eigentlich war er ja ineffektiv. Er hat das Rad hin und her geschmissen, musste einen weiteren Weg zurücklegen als ich. Ich wusste, wie er fährt, habe mich darauf eingestellt.

Lustig war es aber nicht?

Sicher nicht. Die Friedensfahrt im Mai war der erste Jahreshöhepunkt. Haben wir gut abgeschnitten, konnten wir mit einem WM-Start rechnen. Zwischen Grau und Rot ging es zur Sache. Als ich 1982 das erste Mal bei der Friedensfahrt Gelb geholt hatte und wir als Mannschaft in Blau die Friedensfahrt beendeten, da hatte es zuvor nur Siege der UdSSR-Mannschaft gegeben.

Ich könnte mir vorstellen, dass Sie nicht haarklein erzählen konnten, was sich im Feld so alles abgespielt hat. Es gibt ja die Episode, als Manfred Weißleder 1961 Juri Melichow die Luftpumpe drüber zog, weil der Russe ihn mit unfairen Mitteln behindert hatte.

Ja, diese Geschichte gehört zur Friedensfahrt. So weit sind wir aber nicht gegangen. Aber wenn nach einer Etappe die Journalisten auf mich zukamen und fragten: Wie lief die Etappe? Da hab‘ ich ihnen einmal gesagt. Wenn ich euch das erzähle, dann könnt ihr das sowieso nicht so bringen. Der Sport war damals systemgetrieben.

Trotzdem großer Sport, der die Menschen faszinierte.

Ja, klar. Sportlich waren die Rennen top.

Das Duell Ludwig – Abduschaparow gab es nach der Wende auch bei den Profis.

Ja, klar. Nicht nur eins. Abdu hat neun Etappen bei der Tour de France gewonnen. Respekt! Respekt vor der Leistung des anderen hatten wir schon immer. Auch wenn vieles verbissen rüber kam. Und in unserer Profizeit habe ich dann auch mitbekommen, das Kerlchen kann ja lachen. Wir haben im Feld unsere Scherze und Witze gemacht. Die Etappen waren lang und am Anfang wurde gebummelt. Und als ich am 3. Oktober 1996 in Gera mein Abschiedsrennen hatte, da haben wir Abdu eingeladen, und er war da, und wir sind ein schönes Rennen gefahren.

Und er hat seinen alten Widersacher in diesem Jahr nach Berlin zu seinem 55. Geburtstag eingeladen.

Ja, wir haben einen russischen Geburtstag gefeiert.

Nach dem x-ten Wodka konnten Sie sich dann auch auf Russisch unterhalten?

Nicht mal dann. Ich spreche kein Russisch. Aber wir kommen miteinander klar. Meine Freundin spricht die Sprache und auch Italienisch. Abdu wohnt ja am Gardasee – da wird dann fleißig übersetzt. Das geht alles.

Zu seinem Geburtstag haben Sie ihm ein Bild geschenkt, dass Sie im Zielsprint zeigt.

Ja, und er wusste sofort, was los war. Das Foto entstand 1987 bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt. Zum Zielsprint ging es unter einer Brücke durch, dann kam eine Kurve und es war klar, wer da zuerst rauskommt, der zieht den Spurt. Ich hab‘ es tatsächlich geschafft, als Erster rumzukommen und Abdu fährt am Rand. Mir schoss es durch den Kopf: Fährst du ihn zu, oder lässt du ihm eine Lücke. Ich war mir sicher, dass ich gewinne.

Wofür haben Sie sich entschieden?

Ihn nicht an den Bordstein zu fahren. Doch er hat sich Platz verschafft, mir den Ellbogen in die Seite gehauen. Ich bin durch den Stoß aus meiner Pedale gerutscht und hab den Sprint um ein paar Zentimeter verloren. Wäre es um mehr gegangen als den Prologsieg, dann hätte ich sicher durchgezogen.

Sein Sprintstil war aber auch sehr eigen.

Bei der Tour de France 1991 wurde ihm sein Stil beim Massensprint in Paris einmal auch zum Verhängnis. Als Führender kam er ohne Bedrängnis durch einen Gegner zu weit nach rechts und hakte in der Bande ein und ist mit voller Wucht in eine Werbefigur gestürzt. Abdu musste anschließend mit gebrochenem Schlüsselbein das Rad über die Ziellinie tragen, um das Grüne Trikot zu gewinnen.

Und jetzt kommt es zum erneuten Wiedersehen mit ihm. Gemeinsam mit Jörg Strenger, der nach der Wende die Friedensfahrt wieder belebte, organisieren Sie ja die Tour de Allee, die am 19. Oktober rollt.

Wir haben 25 Jahre Tour d‘ Allée und zehn Jahre Rügen Challenge – und da kam die Idee auf, Dschamolidin einzuladen. Er ist mit von der Partie und wir werden uns was einfallen lassen. Uwe Raab, Jens Vogt und Sven Ottke werden dann auch dabei sein. Wir werden über die Strelasund-Brücke fahren, die sonst nur für den Autoverkehr geöffnet ist.

Viele ehemalige Leistungssportler bewegen sich nach dem Ende ihrer Karriere nicht mehr in ihren Sportarten. Sie aber, haben noch immer Freude am Radsport.

Am Radfahren – und das auch erst wieder. Auch wenn das Erinnerungsvermögen der Muskeln mit dem Alter durchaus nachlässt, ich mich mitunter überwinden muss, wenn es auf Mallorca wieder losgeht. Im Januar fahre ich vier bis sechsmal in der Woche auf der Rolle, und das muss für Malle reichen. Ich mache meine Touren ohne dabei an Höhenmeter, Wattzahlen oder Durchschnittsgeschwindigkeiten zu denken. Radfahren ist einfach eine herrliche Art der Fortbewegung. Es bereitet schlichtweg Vergnügen, es mit Gleichgesinnten zu tun und wenn einer eine Episode von der Friedensfahrt oder der Tour de France hören will – immer wieder gern.

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