Ein Hauch von „Babylon Berlin“ bei der Kulturarena Jena

Jena  Das Moka Efti Orchestra bringt einen Hauch von „Babylon Berlin“ nach Jena. Aber etwas Entscheidendes hat gefehlt.

Eine hinreißende Alt-Stimme: Severija Janusauskaite, Sängerin des Moka Efti Orchestra.

Eine hinreißende Alt-Stimme: Severija Janusauskaite, Sängerin des Moka Efti Orchestra.

Foto: Marcus Schulze

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21.13 Uhr – Handy hoch. Da war er, der Moment. Der Moment, auf den zumindest all jene gewartet hatten, die sich vor Jahresfrist die 14 Teile von „Babylon Berlin“ reingezogen hatten und nun beim Konzert des Moka Efti Orchestras in der Kulturarena etwas von dieser rauschhaften Stimmung nachzuerleben gedachten. Sie wollten das androgyne Wesen, jene intrigante Person, die in diesem spannend-ästhetischen Sittengemälde der 20er-Jahre des letzten Jahrhunderts wahlweise den Namen Swetlana Sorokina oder Lukasz Nikoros trug, erleben, sehen. Und vor allem diese unglaublich erotische Alt-Stimme live hören. Die Gäste im ausverkauften Halbrund bekamen, was sie wollten – „Zu Asche, zu Staub“. Man lag, bildlich gesehen, in letzterem, zu Füßen der Sängerin, die im bürgerlichen Leben auf den Namen Severija Janusauskaite hört. Und das war der Punkt, als das Konzert endlich jenen Drive bekam, jene Dynamik, die zuvor nur sporadisch aufblitzte. Und doch immer wieder geerdet wurde. Durch musikalische Stilbrüche, lange Moderation.

Die zwei Stunden waren, zweifelsohne, recht nett. Eine nette Erinnerung an einen schönen Sommerabend wird es bleiben, unbestritten. Aber wie viele unter den 3000 Gästen würden sich das für den September avisierte Moka-Efti-Album kaufen und zu Hause mit Hingabe hören? Mit Sicherheit wird sich, wie auch in Jena, dieses Gefühl nicht einstellen, in das die Serie von Tom Tykwer den Zuschauer so unwiderstehlich hineinziehen konnte.

Denn diese Musik ist dem Augenblick verhaftet, jenem Rausch der Ballsäle der damaligen Zeit. Diesem Odeur aus Schweiß, Parfüm, Lust und Erotik. Diesem unbändigen Drang, nach einem furchtbaren Krieg endlich wieder das Leben in sich zu spüren, es herauszulassen und sich um nichts zu scheren. Dieses Gefühl kann man gar nicht beim Zuhören auf der heimischen Couch und ebenso schwerlich bei einem Open-Air-Konzert, und sei es dort auch noch so pickepackevoll, transportieren.

Und genau das war der Punkt. Vierzehn Musiker, alle exzellente Meister ihres Fachs, eine Sängerin mit der Aura eines lauernden Tigers, Tango, Blues, Charleston, Swing, Quickstep und Hot Jazz – alles Zutaten für einen richtig ekstatischen Abend. Aber eben nur im Film.

Das Moka Efti Orchestra, diese herrliche Band hinter „Babylon Berlin“ hat am Donnerstagabend einen guten Job gemacht. Aber um die Stilistik ihrer Songs so richtig zur Entfaltung zu bringen, hätte es wohl eines mittelgroßen Clubs bedurft. Um einen Hauch der Verruchtheit jener Zeit den Songs an die Seite zu stellen und damit jene Atmosphäre zu erzeugen, in der die Musik jene Strahlkraft erreicht, wie es ihr im Filmepos immer wieder gelingen konnte, sobald die Kamera auf die Herren in den schicken Anzügen hielt, die auf der Bühne die Einpeitscher waren für die Massen im Saal. Wo man sich der Musik hemmungslos hingab. Vielleicht sollte man für diese Stimmung beim nächsten Mal mit dem Moka Efti Orchestra lieber ins Volkshaus umziehen.

In den letzten 45 Minuten hatten die Musiker dann aber doch noch das Zündschloss beim Publikum gefunden. Da ging die Post ab, mit Tempo und Dampf, da tanzte und zuckte es endlich in der Arena, da war jene Begeisterung übergesprungen, ohne die es bei diesem Stilmix nicht geht. Da war die Stimmung im Anrollen, die man dem Abend von Anfang an gewünscht hätte. Und die es dann auf Zugaben satt brachte.

Freilich ohne jene zügellose, wilde, lustvolle Ausgelassenheit der Tanzenden, die bei Babylon Berlin schon beim Zusehen elektrisierte.

Bryan Ferry fehlte. Mit ihm hatte auch keiner gerechnet. Aber sein tragender Song „Reason or Rhyme“ fehlte naturgemäß nicht. Genau wie einige andere Stücke aus dem Vierzehnteiler. Beim sechsten Titel betrat Severija erstmals die Bühne. Ganz in Schwarz, barfuß, blondiert. Da hielt schon mancher den Atem an und dachte an Asche und Staub. So aber besang die Litauerin auf Russisch den Sonntag („Woskresenje“). Manch einer kramte in den sprachlichen Restposten seiner Schulzeit. Ohne ein wirklich zufriedenstellendes Ergebnis.

Die Dramaturgie des Abends gefiel sich im Auf und Ab von Rhythmus und Stil – was der Stimmung durch die Brüche nicht immer zuträglich war. Als dann der Höhepunkt durch war, packten die, die nur wegen „Zu Asche, zu Staub“ gekommen waren, ihr Handy ein und trollten sich. Die, die blieben, wurden letztlich doch noch belohnt. Mit einem Hauch jener glamourösen Zeit. Und bei so manchem kam Vorfreude auf für die neue Staffel von „Babylon Berlin“.

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