Gedenken

Ein Jenaer Pionier der Ökologie

Alle reden von Ökologie. Ernst Stahl war um 1900 in Jena Begründer der naturwissenschaftlich-experimentellen Analyse zur Ökologie.

Grabstein des Botanikers Professor Ernst Stahl auf dem Jenaer Nordfriedhof.

Grabstein des Botanikers Professor Ernst Stahl auf dem Jenaer Nordfriedhof.

Foto: Wolfram Braune

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Jena. Das Gedenken gilt einer bescheidenen, stilleren Jenaer Persönlichkeit, die in der Öffentlichkeit weniger bekannt sein wird, der wir jedoch bedeutende neue Einsichten und Pionierleistungen der Umweltforschung verdanken: Christian Ernst Stahl (1848-1919). Der aus dem Elsaß stammende Stahl wurde 1881 auf den Lehrstuhl für Botanik der Jenaer Universität berufen, den er bis zu seinem Tode 1919 heute vor 100 Jahren inne hatte. Viele seiner wissenschaftlichen Erkenntnisse gehören heute zum Lehrbuchwissen, auch an allgemeinbildenden Schulen, zum Beispiel die symbiontische Natur der Flechten oder die Funktion des Pilzgeflechtes an den Wurzeln der Waldbäume (Mykorrhiza). Sein Hauptinteresse galt der ökologischen Forschung, also der Beziehungen der Organismen zu ihrer jeweiligen Umwelt. Hier in Jena beschritt er dabei ganz neue, bis dahin unbekannte Wege: Diese wurden nun nicht mehr nur beschrieben, sondern durch Experimente in ihrer Ursächlichkeit zu ergründen gesucht. Damit wurde Stahl zum Begründer der modernen, experimentellen Ökologie. Mit dem bedeutenden Evolutionsbiologen Ernst Haeckel, der den Begriff „Ökologie“ (die Lehre vom Haushalt der Natur) in die Wissenschaft eingeführt hatte, und dem Jenaer Botaniker Ernst Stahl, der die naturwissenschaftlich-experimentelle Analyse dieses „Haushaltes“ begründete, wurde Jena zur Heimstatt zweier bedeutender Pioniere der heute so wichtig gewordenen Umweltwissenschaften.

Abwehrmechanismen gegen Fressfeinde

Heute befassen sich große Forschungsinstitute, so zum Beispiel das Max-Planck-Institut für Chemische Ökologie am Jenaer Beutenberg-Campus, mit Fragen wie etwa nach den Abwehrmechanismen von Pflanzen gegenüber Fraßfeinden, die erstmals Ernst Stahl aufgegriffen hat. Die Reaktionen der Pflanzen gegenüber veränderten Umweltbedingungen gehörten zu den zentralen Fragestellungen seiner Experimente: Die Regulation des Wasserhaushaltes (Nachweis , dass die Transpiration vorzugsweise über kleine, in ihrer Funktion stark von den Standortbedingungen abhängige verschließbare Poren der Blätter, die „Spaltöffnungen“ geschieht), Anpassungen an unterschiedliche Strahlungsbedingungen (“Licht-“ und „ Schattenblätter“, Lageveränderung der grünen Farbstoffträger in den Blattzellen zur Optimierung der Photosyntheseleistung), Induktion und Modulation der Polarität bei der Keimung durch Außenfaktoren (“Wurzelpol“, „Sproßpol“) und vor allem der experimentelle Nachweis der Bedeutung chemischer und mechanische Schutz- beziehungsweise Abwehrmittel gegen Tierfraß (Dornen und Stacheln, Borstenhaare, Verkalkung und Verkieselung der Zellwände, Schleime und Gallerte, Gerbstoffe, ätherische Öle, Alkaloide, organische Säuren und vieles mehr). Schließlich deutete er die pflanzlichen Exkrete und die Exkretion auch als einen Mechanismus zur Beseitigung von Substanzen, die für den Stoffwechsel schädlich sein können. Mit der Aufklärung dieser Funktionen rückte er erstmals die Bedeutung pflanzlicher Sekundärstoffe in das Blickfeld der Biologen.

Stahl war auch in anderer Hinsicht eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Er wird als uneigennütziger, feinfühlender, sozial engagierter Mensch beschrieben, der sich „angesichts der anhaltenden Teuerungen“ persönlich am Weimarer Hof um Lohnerhöhungen für seine Gärtner im Botanischen Garten bemühte und der selbstlos viele Anschaffungen für das Institut aus eigenen Mitteln finanzierte. So auch die Hauptsumme für den Bau des ersten Warmhauses im Botanischen Garten. Durch ihn initiiert entstand 1910 der Neubau des Hörsaalgebäudes am Planetarium, der nach dem Bombardement vom März 1945 als einziges Zeugnis der ehemals bedeutenden Botanischen Anstalten erhalten blieb. Bei der Planung des Gebäudes sorgte er dafür, dass die Lage der Hausmeisterwohnung von der dunklen Nordseite im Erdgeschoß in die sonnige obere Etage verlegt wurde, indem er das Weimarer Ministerium „brieflich auf die großen Nachteile dieses Projektes aufmerksam gemacht [hat]: Ungesunde, feuchte, kalte Räume für eine Familienwohnung...“. Selbst für die Zeit nach seinem Tode hatte er in seinem Vermächtnis die materielle Sicherstellung der Hausmeisterfamilie im Alter veranlasst (Eine allgemeine Rentenversicherung im heutigen Sinne gab es damals noch nicht). Vielleicht bestärkten ihn auch die engen freundschaftlichen Beziehungen zu Ernst Abbe und anderen Persönlichkeiten der Stadt in dieser sozialen Verantwortung. In seinem Testament hat er seine wertvolle Bibliothek und einen bedeutenden Teil seines privaten Vermögens der Universität in einer Stiftung vermacht, deren Erträge für wissenschaftliche Zwecke Verwendung finden sollten.

Er förderte jede Begabung

Stahl wurde bereits ein Jahr nach seiner Berufung nach Jena Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina (heute Nationale Akademie der Wissenschaften) und bald weiterer bedeutender Akademien. Er blieb aber bescheiden und zurückhaltend, allen Titeln, Ehrungen und Funktionen abhold. Er hat sich nie zu einer zusammenfassenden Darstellung seiner bevorzugten Arbeitsgebiete entschließen können oder ein Buch in irgend einem anderen Zusammenhang verfasst. Auch hat er nicht im üblichen Sinn eine Schule begründet, durch die er seine Ideen verbreiten wollte. Aber in einem anderen Sinne hat er es getan, indem er jede Begabung und wissenschaftliche Leistung zu fördern trachtete.

Wir haben Grund, in dem Botaniker Ernst Stahl einer Persönlichkeit unserer Stadt und unserer Universität zu gedenken, die Bedeutendes zur Wissenschaft beigetragen hat, der die Universität in materieller Hinsicht vieles verdankt und die als Mensch unseren Respekt verdient. Seine Grabstätte gehört zu den städtisch betreuten Ehrengräbern auf dem Jenaer Nordfriedhof.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.