Eine „ruhmreiche Niederlage“ vor den Toren der Stadt

Jena.  Stumme Zeugen: Denkmal am Ortsausgang von Hohlstedt erinnert an die letzten Gefechte der Schlacht von 1806 bei Jena.

Dass sich das Denkmal heute wieder in einem guten und gepflegten Zustand befindet, ist Robert Heyne, Andreas Krahn und Rolf-Peter Graf zu verdanken. Zusammen mit dem 2015 verstorbenen Heimatpfleger Karl Moszner aus Hohlstedt und mittels der Unterstützung durch die Gemeinde Kapellendorf stellten sie in fast 150 Arbeitsstunden im September und Oktober 1984 das Denkmal wieder her.

Dass sich das Denkmal heute wieder in einem guten und gepflegten Zustand befindet, ist Robert Heyne, Andreas Krahn und Rolf-Peter Graf zu verdanken. Zusammen mit dem 2015 verstorbenen Heimatpfleger Karl Moszner aus Hohlstedt und mittels der Unterstützung durch die Gemeinde Kapellendorf stellten sie in fast 150 Arbeitsstunden im September und Oktober 1984 das Denkmal wieder her.

Foto: Immanuel Voigt

Wer heute von Jenas Westen aus über Isserstedt nach Kapellendorf wandert, wandelt nicht nur auf den Spuren von Napoleon Bonaparte, der hier vor über 200 Jahren eine preußisch-sächsische Armee entscheidend schlug. Der Wanderer wird hier aber auch auf stumme Zeugen treffen, die vom Verlauf der Schlacht von 1806 berichten. Eines dieser Denkmale, das mehr als bloße Zahlen liefert, findet sich unmittelbar am Ortsausgang von Hohlstedt. Von Isserstedt auf der B7 kommend, biegt man einfach rechter Hand in einen Feldweg ein und läuft eine gute Viertelstunde über das einstige Schlachtfeld.

Am Nachmittag des 14. Oktober 1806 spielten sich an dieser Stelle dramatische Szenen ab. Als sich die preußisch-sächsische Streitmacht unter dem Befehl des Fürsten Friedrich Ludwig zu Hohenlohe-Ingelfingen nach einem missglückten Angriff auf Vierzehnheiligen zunächst noch in geordneter Weise im Rückzug nach Weimar befand, versetzte der Angriff französischer Kavallerie die zurückflutenden Männer in Panik, sodass die Situation außer Kontrolle geriet. Etwa gegen 13 Uhr griff dann das aus Weimar heranrückende, aber für die eigentliche Schlacht zu spät kommende preußische Korps unter der Führung des Generalleutnants Ernst von Rüchel die Franzosen an. Unter erheblichen Verlusten wurde dieser Angriff abgeschlagen. Die Hilfe, die den Rückzug erleichtern sollte, war damit gescheitert.

Bis zuletzt Widerstand gegen die Franzosen

Inmitten dieses Chaos stand das sächsische Grenadierbataillon „Aus dem Winkel“ noch immer an der ihm zugewiesenen Stelle zwischen Kapellendorf und Hohlstedt. In zeitgenössischen Gefechtsberichten wird vor allem die Kaltblütigkeit und Disziplin jener Sachsen gelobt, die unter dem Befehl des Oberstleutnant Julius Heinrich aus dem Winkel (auch „Winckel“) standen. Als eine der wenigen Einheiten, die noch am Rande des Schlachtfeldes verblieben, leistete das Bataillon bis zuletzt Widerstand gegen die Franzosen. Hierhin flüchtete sich der Fürst Hohenlohe-Ingelfingen und übernahm eine Zeit lang das Kommando über die Einheit. Weiter heißt es, dass das Bataillon sich anschließend unter Musik bis nach Kapellendorf zurückzog und später erneut zum Einsatz kam.

Schneidige Führung durch den Oberstleutnant

Mag man den zeitgenössischen Berichten glauben, so lag dies vor allem an der schneidigen Führung durch Oberstleutnant aus dem Winkel, der bei den Gefechten verwundet wurde und gut einen Monat später, am 18. November 1806, seinen Verletzungen erlegen ist. Genau 100 Jahre später fanden sich dann auf dem freien Feld zwischen Hohlstedt und Kapellendorf zahlreiche Festteilnehmer ein, um ein Denkmal zur Erinnerung an das Grenadierbataillon zu feiern. Die Idee stammte vom sächsischen Oberst Oeser, seines Zeichens Regimentskommandeur des Königlich Sächsischen 5. Infanterie-Regiments „Kronprinz“ Nr. 104, das in Chemnitz seine Garnison hatte. Diese Einheit und das Königlich Sächsische 6. Infanterie-Regiment „König Wilhelm II. von Württemberg“ Nr. 105 aus Strassburg waren die noch verbliebenen Nachfolger des Bataillons „Aus dem Winkel“. Von ihnen stammte auch die Finanzierung des schlichten Denkmals, das auf einen Entwurf des Jenaer Architekten Johannes Schreiter zurückgeht und durch den ebenfalls in Jena beheimateten Maurermeister Carl Gretscher gebaut wurde.

Ausgangspunkt der Feierlichkeiten lag in Kapellendorf

Zum 100. Todestag des Oberstleutnants Julius Heinrich aus dem Winkel kamen daher nicht nur etliche sächsische Offiziere und Abordnungen der beiden Regimenter in die thüringische Provinz, sondern auch zahlreiche Vertreter von Politik, Kriegervereinen sowie Angehörige des gefallenen Offiziers. Der Ausgangspunkt der Feierlichkeiten lag in Kapellendorf, dort begab sich unter Glockengeläut der Festzug etwa gegen halb 12 Uhr in Richtung des Denkmals. Voran schritten die Schulkinder des Dorfes, gefolgt vom Pfarrer von Kapellendorf und den weiteren Festteilnehmern. Am Ort des Geschehens spielte die Kapelle des 3. Bataillons des in Jena stationierten Infanterie-Regiments „Großherzog von Sachsen“ (5. Thüringisches) Nr. 94 das „Niederländische Dankgebet“. Anschließend hielt Oberst Oeser die Weiherede, des noch verhüllten Denkmals. Er verwies zunächst drauf, dass man bewusst den 18. November als Todestag und nicht den 14. Oktober als Tag der Schlacht für die Weihe gewählt habe. Anschließend beschrieb er die Taten des Bataillons während der Schlacht und ließ seine Ausführungen mit einem dreifachen „Hoch!“ auf den sächsischen König und den Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach enden.

Schulkinder singen „Wer nun den lieben Gott läßt walten“

Anschließend hielt Pfarrer Weinert aus Kapellendorf eine „kernige“ Rede, wie es die „Jenaische Zeitung“ beschreibt. Dieser folgte schließlich das bekannte Kirchenlied von Georg Neumark „Wer nun den lieben Gott lässt walten“, welches von den Schulkindern gesungen wurde. Dann fiel die Hülle des gut zwei Meter hohen Natursteins, der rechts und links eine kleine Bank aus Kalkstein neben sich gestellt bekam. In der Mitte wurde eine Bronzetafel angebracht, die in der Kunstgießerei Lauchhammer hergestellt wurde und folgenden Text trägt: „Dem Chursächsischen Grenadier-Bataillon ,Aus dem Winkel‘ zur Erinnerung an sein ruhmvolles Verhalten während des Rückzuges in der Schlacht bei Jena am 14. Oktober 1806, errichtet von den Königlich Sächsischen Regimentern 5. Infanterie-Regiment ,Kronprinz‘ No 104 und 6. Infanterie-Regiment ,König Wilhelm II. von Württemberg‘ No 105 am 18. November 1906, dem 100-jährigen Todestage des Kommandeurs, Oberstleutnant Aus dem Winkel“.

Neuguss der Bronzetafel

Nach zahlreichen Kranzniederlegungen ging es unter den Klängen der Parademärsche der beiden Regimenter zurück nach Kapellendorf, wo man noch das Lied „Deutschland, Deutschland über alles“ sang und anschließend die Veranstaltung im Gasthofsaal in kleiner Runde ausklingen ließ.

Nach 1945 geriet der Stein allerdings in Vergessenheit und verwahrloste zusehend. Dass sich das Denkmal heute wieder in einem guten und gepflegten Zustand befindet, ist Robert Heyne, Andreas Krahn und Rolf-Peter Graf zu verdanken. Zusammen mit dem 2015 verstorbenen Heimatpfleger Karl Moszner aus Hohlstedt und mittels der Unterstützung durch die Gemeinde Kapellendorf stellten sie in fast 150 Arbeitsstunden im September und Oktober 1984 das Denkmal wieder her. Unter anderem wurde dabei ein Neuguss der Bronzetafel wieder angebracht, sodass der bekannte Historiker und einstige Kustos der Uni Jena, Günter Steiger, die Weihe am 14. Oktober 1984 erneut vornehmen konnte. Noch heute kümmern sich die drei Herren, die der Arbeitsgemeinschaft „Jena 1806“ angehören, zusammen mit Hobbyfreunden aus Leipzig um den Erhalt des stummen Zeugen.

Im Dornröschenschlaf der Geschichte

Bei einem Gang durch Jena fällt einem hier und da ein stummer Zeuge der Geschichte am Wegesrand auf, einstmals aufgestellt, um an eine Persönlichkeit oder ein Ereignis zu erinnern. Gedenken und Nichtvergessen sind zutiefst menschliche Bedürfnisse, auch wenn das Setzen von Denkmalen weitestgehend aus der Mode gekommen ist. Im Alltag finden viele dieser Zeitzeugen nur selten Beachtung. Häufig ist den Menschen nicht mehr die Bedeutung oder die Geschichte hinter jenen Denkmalen bekannt. Doch ein genauer Blick lohnt, meist ergeben sich spannende Begebenheiten und weitere Hintergründe, die vom Staub der Geschichte befreit und aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden wollen.

In einer Serie sollen einige dieser Zeitzeugenwiederentdeckt werden. Dabei ist der Begriff des Denkmals nicht nur im klassischen Sinn zu verstehen, sondern auch als Gedenkort, Naturdenkmal oder Gegenstand, der an etwas erinnert. Welche stummen Zeugen kennen Sie? Senden Sie Ihre Ideen an uns: jena@otz.de