Einziger Lehrstuhlinhaber für Rumänistik in Deutschland zu Missbrauchs-Debatte

Die Friedrich-Schiller-Universität in Jena besitzt den deutschlandweit einzigen Lehrstuhl für rumänische Philologie. Wolfgang Dahmen hat seit 1995 die Professur für Rumänische Sprach- und Literaturwissenschaften inne. Wir sprachen mit dem 64-jährigen Wissenschaftler über die aktuelle Diskussion.

Wolfgang Dahmen hat seit 1995 den Lehrstuhl für Rumänistik der Uni Jena inne.
Foto: Lutz Prager

Wolfgang Dahmen hat seit 1995 den Lehrstuhl für Rumänistik der Uni Jena inne. Foto: Lutz Prager

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Jena. Herr Dahmen, was halten Sie von der Debatte um Leistungsmissbrauch durch Einwanderer aus Rumänien?

Da wird Panik gemacht, die der Sache nicht gut tut. Ich kann zehn Tage nach in Kraft treten der Freizügigkeit für rumänische und bulgarische Bürger nicht feststellen, dass hier Scharen bei uns vor der Tür stehen. Diese neue Situation sollte man ganz nüchtern betrachten und warten, bis Zahlen vorliegen.

Welche Rolle spielt Einwanderung aus diesen Ländern nach Deutschland?

Es gab und gibt immer Menschen, die sich in Deutschland ein besseres berufliches Vorankommen erhoffen. Von gut ausgebildeten Fachkräften profitieren wir ja auch, zumal wir als Gesellschaft für die Ausbildung dieser Fachkräfte nichts bezahlt haben. Dass da auch das eine oder andere schwarze Schaf darunter ist, ist völlig klar. In Deutschland gibt es auch Leute, die die Sozialkassen ausnutzen. Das ist aber nicht die Regel. Unter dem Strich haben wir den Nutzen von dieser Einwanderung. Wenn Sie sich mal die Zahlen anschauen, dann sind nur sehr wenige Einwanderer aus Rumänien oder Bulgarien, die schon hier sind, von sozialen Leistungen abhängig, vor allem im Vergleich zu anderen Nationalitäten.

Welche Bedeutung hat die EU-Mitgliedschaft für Rumänien?

Eine sehr große, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht. Auf der anderen Seite hat die Zugehörigkeit zur EU auch eine ideelle Bedeutung, weil man dadurch kulturell wieder Teil Mitteleuropas ist. Es gab da immer so einen Identitätskonflikt, ist Rumänen nun Mitteleuropa oder ist es - salopp gesagt - Balkan.

Wird die Mitgliedschaft in der EU auch von der normalen Bevölkerung als positiv gesehen?

Ja, das ist auch in der Bevölkerung so, die sich eher zu Mitteleuropa zugehörig fühlt. Trotzdem hat die Kultur Rumäniens wie der altrömische Gott Janus zwei Gesichter: Einerseits ist der Blick nach Mitteleuropa gerichtet, andererseits nach Südosteuropa. Der klassische Beweis: während die anderen romanischen Länder wie Italien, Frankreich oder Spanien typisch katholisch sind, ist Rumänien orthodox wie die Bulgaren oder die Russen.

Warum ist Jena die einzige Universität in Deutschland mit einem Lehrstuhl für Rumänistik?

Das hat nichts, wie man zunächst denken könnte, mit der Vergangenheit in der DDR zu tun. Dieser Schwerpunkt ist entstanden auf Empfehlung des Wissenschaftsrates bei der Neuordnung der Wissenschaftslandschaft in den 1990er-Jahren. Vorher war Rumänistik in Leipzig angesiedelt.

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