Eltern sehen nur Exempel statuiert: Jenaer in Wien wegen Landfriedensbruch angeklagt

Am Freitag beginnt in Wien der Prozess gegen einen 23-jährigen Jenenser. Dem Studenten werden Landfriedensbruch, versuchte Körperverletzung und Sachbeschädigung vorgeworfen. Für seine Eltern will die Justiz nur ein Exempel statuieren.

Sabine und Bernd Slowik aus Jena Foto: Lutz Prager

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Jena. Morgen früh starten Sabine und Bernd Slowik nach Wien. Knapp acht Stunden dauert die Fahrt. Die Strecke kennt das Ehepaar aus Jena inzwischen wie die eigene Westentasche.

Seit Januar sind die Slowiks schon x-Mal in die österreichische Hauptstadt gereist. Nicht als Touristen, sondern um ihren Sohn Josef zu besuchen. Der 23-Jährige sitzt dort seit 24. Januar in Untersuchungshaft. An diesem Freitag um 9 Uhr beginnt im Landesgericht für Strafsachen Wien der Prozess gegen ihn.

Seit dem 24. Januar in Untersuchungshaft

Dem Studenten der Universität Jena wird vorgeworfen, Rädelsführer der Sachbeschädigungen am Rande einer Demonstration gegen den Wiener Akademikerball im Januar dieses Jahres gewesen zu sein. Der von der Freiheitlichen Partei Österreichs organisierte Ball in der Wiener Hofburg, zu dem vor allem Mitglieder von Burschenschaften kommen, wird unter anderem von studentischen Hochschulgruppen der Uni Wien, von den Grünen und der SPÖ kritisiert, weil auch Vertreter rechter und rechts­extremer europäischer Parteien Gäste sind. An den Protesten am 24. Januar dieses Jahres beteiligten sich laut Polizei 6000 friedliche Demonstranten, unter die sich ein "Schwarzer Block" von etwa 100 gewaltbereiten Linken mischte. Laut Medienberichten gelang es 50 Demonstranten die Polizeisperren zu durchbrechen. Dabei wurden Fensterscheiben eingeworfen, ein Funkwagen des ORF und elf Streifenwagen zerstört. Der Gesamtschaden wird von der Staatsanwaltschaft mit 500 000 Euro beziffert.

Zu den am Krawallabend verhafteten Personen gehört Josef Slowik. Der Student der Werkstofftechnik, der Mitglied des sozialistischen Jugendverbandes "Die Falken" ist, geht von einer Verwechslung aus. Laut eines Berichts der in Wien erscheinenden Tageszeitung "Der Standard" stützt sich die Annahme der Anführerschaft auf einen schwarzen Pullover mit der Aufschrift "Boykott", den Slowik trug. Die weiße Aufschrift solle ihn in der Dunkelheit für andere erkennbar machen, so die These. Auch sonst ist die Beweislage laut "Standard" und seinen beiden Verteidigern dünn. Die Anklage beruhe auf der Aussage eines Zivilpolizisten, der den Jenaer Studenten beobachtet haben will. Auf einem Handy-Video sowie einer Audiodatei des Polizisten sei zu hören, wie Slowik andere Demonstranten zu weiteren Straftaten anfeuere, wie angenommen wird: "Weiter, weiter, weiter, Tempo!"

Nun hat ein Tongutachten jedoch ergeben, dass es sich dabei nicht um die Stimme des jungen Mannes aus Thüringen handelt. Der Belastungszeuge habe daraufhin seine Aussage geändert, sagt Verteidigerin Kristin Pietrzyk. Als weiteres Beweismittel dient ein kurzer Videobeitrag, der am 24. Januar auch im ORF zu sehen war: Er zeigt, wie der Jenaer Student in der Wiener Innenstadt einen Abfallbehälter aufstellt. Laut Anklage hat er den Behälter danach als Wurfgeschoss verwendet. Auf dem Video ist das nicht zu sehen.

"Für uns ist völlig unverständlich, dass unser Sohn trotz dieser Beweislage nicht aus der Haft entlassen wird", sagt Sabine Slowik. Beim letzten Haftprüfungstermin hatte der Richter die Freilassung bis zum Prozess mit Wiederholungsgefahr begründet. Es sei außerdem zu erwarten, dass Josef Slowik zu einer"langjährigen unbedingten Haftstrafe" verurteilt wird. "Wir haben das Gefühl, dass an unserem Sohn stellvertretend ein Exempel statuiert werden soll", sagt der Vater.

Josef Slowik, jüngstes von drei Geschwistern, stammt aus einer Familie, die man landläufig in die Kategorie "gut bürgerlich" einordnet. Die Eltern sind beide Ingenieure, arbeiten in der IT-Branche und wohnen in Wenigenjena. Der Sohn sei humanistisch und katholisch erzogen, sagen sie. "Nein, er ist nicht gewalttätig. Ein ruhiger Junge", sagt Sabine Slowik. Viele kennen den 1,95 Meter großen Josef, der eine auffällige Lockenfrisur trägt, vom Basketball. Früher spielte er selbst, jetzt ist er Fan. Dass ihr Sohn politisch gegen Rechts aktiv ist, das wissen die Eltern. "Wir haben nichts dagegen. Was soll aus unserem Land werden, wenn sich keiner engagiert", sagt Sabine Slowik. Der nicht vorbestrafte Josef war bei den Protesten gegen das "Fest der Völker" in Jena dabei, und die Morde der aus Jena stammenden Mitglieder des NSU hätten ihn in seiner Haltung bestärkt.

Ab Freitag hat das Strafgericht in Wien Josef Slowiks Schicksal in der Hand. Die Verteidiger rechnen mit keinem Urteil vor Mitte Juli. Die Slowiks hoffen auf einen fairen Prozess.

Lutz Prager kommentiert den Fall Slowik: Abschreckung auf Wienerisch?

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