Feministische Burschenschaft Lethargia feiert in Jena

Jena  Die Lethargia feiert „Frittag“ und schenkt an die Herren nicht mal Bier aus.

Die feministische Burschenschaft Lethargia feierte am Sonntag auf dem Marktplatz. Im Hintergrund um den Hanfried-Sockel gewunden das Tuch von „Blut, das die matriarchale Zukunft begründet“.

Die feministische Burschenschaft Lethargia feierte am Sonntag auf dem Marktplatz. Im Hintergrund um den Hanfried-Sockel gewunden das Tuch von „Blut, das die matriarchale Zukunft begründet“.

Foto: Thomas Stridde

Ironie muss man, erstens, verstehen und, zweitens, ein bisschen aushalten können. Das weiß ich doch als Reporter. Und doch musste ich mich am gestrigen Sonntag anstrengen, um nicht einzuschnappen und einfach wieder zu gehen wegen der Null-Aussicht, Informationen für die Leser einsammeln zu können. – Beinhart, wie die Damen das durchzogen!

Die feministische Jenaer Burschenschaft Lethargia hat 12 Uhr auf den Marktplatz unterm Hanfried zum „Frittag“ geladen (kann nur die studentische Mischung aus Frühstück und Mittag sein). Am Imbiss-Stand prangt ein Poster: „Wir haben das Patriarchat abgetrieben.“ Gleich zu Beginn nach einer ersten Lethargia-Chorprobe will ich den Damen mit ihren türkisfarbenen Verbindungsmützen ein paar Wer-, Was-, Wann-, Wo-, Wie-Fragen stellen. Aber denkste! „Wir sind heute nicht für inhaltliche Besprechungen da; Sie können uns eine E-Mail mit Ihren Fragen schicken“, sagt eine der jungen Damen. Und eine andere: „Wir sind heute zum Feiern da.“

Bitte gehen Sie in den Männer-Kind-Bereich!

Und es kommt noch härter. Ich sitze an der Biertisch-Garnitur vorm Hanfried, wo gleich der Chor auftritt. Eine Lethargia sagt zu mir, ich möge diesen für Frauen vorbehaltenen Sektor bitte verlassen. Sie weist auf die Ecke zwischen Bismarckbrunnen und „U-Bahn“-Markttoilette; dort sei ein Männer-Kind-Bereich eingerichtet. Ob ich aber aus der Nähe ein Foto machen darf für die Zeitung? – Okay, ja, das werde ermöglicht.

Dann geht die Veranstaltung richtig los. „Hallo, herzlich willkommen“, sagt eine Lethargia und betont: „Die Herren nutzen bitte den Männer-Kind-Bereich. Dort gibt es Mandalas, die können Sie ausmalen. Wir werden nicht anfangen, bevor Sie nicht da hinten sind.“ Bier werde im Übrigen heute nur an Frauen ausgeschenkt.

Eine Sprecherin erzählt, die Lethargia bestehe seit 1814 (dem Jahr der Gründung der Jenaer Urburschenschaft – Anmerkung der Redaktion) und sei nun „seit längerer Zeit“ wieder aktiv geworden. Sie stelle sich „den Ermüdungen des Patriarchats entgegen“ und betrachte dabei als Grundpfeiler ihres Tuns nicht nur das Studieren, sondern auch die Geselligkeit. Im „Philisterium“ (dem Stadtmuseumscafé) lasse sich doch dieser schöne Gedanke nachlesen: „Mit Essen, Trinken, Singen kann schön der Bursch‘ die Zeit hinbringen.“

Wenn schon Frittag am Hanfried-Denkmal, dann muss zu Hanfried – Johann Friedrich I. von Sachsen – etwas gesagt werden: Er symbolisiere viele Aspekte überforderter Männlichkeit, sagt eine Lethargia. Er sei nicht früh genug an Heim und Herd geholt worden. Deshalb also der rote Schleier, der um das Hanfried-Denkmal gewunden wird. Dies, so sagt eine Lethargia, symbolisiere das Blut, das „die matriarchale Zukunft begründet“.

Die Zuhörerinnen wie auch die besonders spitzohrigen Zuhörer im Männer-Kind-Bereich erfahren, dass die Lethargia den meistüberforderten Mann des Monats kürt. Zuletzt waren das FDP-Chef Christian Lindner, Tübingens OB Boris Palmer und Ex-Radprofi Jan Ullrich.

Ja, auch die in Jena groß gewordene Neonazi-Gruppe NSU hat nach Beschreibung einer Lethargia-Dame patriarchalische Wurzeln. „Auch diesen Auswüchsen der Gesellschaft muss mit klitoralem Schulterschluss entgegengetreten werden“, sagt sie. Grundsätzlich wolle die Lethargia es anstoßen, „dass viele überforderte Männer ihren Platz aufgeben. Im Haushalt können sie keinen Schaden anrichten.“

Nach dem Auftritt des Chores (Rednerin-Kommentar: „So klingt das goldene Matriarchat“) wird mir die Sonntagsdienstzeit zunehmend knapp. Dennoch versuche ich es noch einmal, eine mutmaßliche Ober-Lethargia anzusprechen: Wie viele Mitstreiterinnen gebe es denn in der Verbindung? – Die Dame bleibt auf Lethargia-Linie: „Solche Zahlen geben wir nicht raus.“ Dafür gibt sie mir eine Visitenkarte mit einer Männerschutz-Hotline. Da könne Mann sich zum Beispiel Rat holen, wie er sich am Männertag leidlich unter Kontrolle behält.

Ich rufe an. Unter der Nummer meldet sich eine Anrufbeantworter-Frauenstimme. Alle Mitarbeiter seien leider alle gerade im Gespräch. In dringenden Fällen möge man die Telefonseelsorge anrufen.

„Ungewollt bedürftig? Männerschutz-Hotline hilft weiter“: 03641/26 79 640.

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