Für Gott, König und Vaterland: Der Gedenkstein bei Schloss Thalstein am Fuße des Jenzig

Jena  Stumme Zeugen (22): Stein unterhalb des Jenzig erinnert an Schlacht im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71

Schloss Tümpling bei Camburg war der frühere Stammsitz des Geschlechts derer von Tümpling.

Schloss Tümpling bei Camburg war der frühere Stammsitz des Geschlechts derer von Tümpling.

Foto: Peter Michaelis

Wenn man die Wälder unterhalb des Jenzigs durchstreift, lässt sich dort allerhand entdecken. So ging es auch unserem Leser Alexander Kaller, der sich an einen Stein erinnerte, den er vor etlichen Jahren dort fand. Etwas Ausdauer ist von Nöten, um das gesuchte Objekt zu finden. Von der „Distel-Schänke“ kommend geht es kurz bevor die Straße „Am Jenzig“ in einer Linkskurve wieder den Berg erklimmt scharf links an den Schrebergärten entlang in den Wald hinein. Gute zehn Minuten Fußmarsch und eines offenen Auges bedarf es, dann steht man vor dem Gedenkstein. Als erstes kommt die Frage auf, weshalb hier überhaupt ein Stein mit der Aufschrift „Erinnerung an Mars la Tour / 16. Aug. 1870“ steht. Der geschichtsbeflissene Leser weiß zumindest anhand der Jahreszahl, dass es sich um eine Schlacht im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 handelt, was auch die beiden gekreuzten Säbel verdeutlichen. In Jena und Umgebung gibt es noch etliche Kriegerdenkmale, die an die Gefallenen dieses Konfliktes erinnern, aber warum gerade an diese Schlacht? Auch die Rückseite des Steins hilft bei diesem Rätsel nur wenig weiter. Auf ihr steht: „1910 / Gewidmet von Horst von Tümpling“. Immerhin, mit dem Stifter gibt es zumindest eine kleine Spur. Welchen Hintergrund hat also dieser stumme Zeuge mitten im Wald?

Schloss Thalstein ist kein echtes Schloss

Das Geschlecht derer von Tümpling ist in Jena nicht unbekannt. Ursprünglich aus dem gleichnamigen Ort bei Camburg stammend, war es weitverzweigt und hatte ab 1862 auch in der Nähe unserer Stadt eine Residenz. Damals erwarb Adolf von Tümpling (1842-1920) das zwischen Kunitz und Wenigenjena gelegene Gut Thalstein, am Hang des Jenzig. Mitte März 1877 kaufte Wolf von Tümpling das Anwesen und baute es üppig aus, sodass der Volksmund bald nur noch von „Schloss Thalstein“ sprach, obgleich es ein solches gar nicht war. 1891 erweiterte er seinen Besitz nochmals erheblich als er von der Gemeinde Wenigenjena den damals noch unbewaldeten Nord-Westhang des Jenzig für gerade einmal 1400 Mark kaufte. Wolf von Tümpling verwandelte das Areal anschließend in einen ansehnlichen Park. Außerdem ließ er die Gegend aufforsten. Zu einem Park gehörten damals natürlich auch Statuen. So stand nicht nur die in der vorletzten Folge erwähnte Schillerbüste eine Zeit lang dort, sondern auch der markante Erlkönig, zuerst nur in Holz, später dann in Stein, geht auf den Adeligen zurück. Besonders an diesem Park war sicherlich, dass er nicht mit einem Zaun umfriedet war, sondern für Jedermann frei zugänglich. Wolf von Tümpling und seine Frau Luise engagierten sich zudem im karitativ-sozialen Bereich, wodurch sie in Jena in guter Erinnerung geblieben sind. Die Tümplingstraße in Wenigenjena verweist bis heute auf die wohltätigen Stifter.

Die Verbindung unseres stummen Zeugen mit Wolf von Tümpling ergibt sich erst auf den zweiten Blick. Wolf wurde am 25. März 1845 in Koblenz geboren. Sein Vater Wilhelm von Tümpling, damals noch Hauptmann im preußischen Generalstab, avancierte später bis zum General der Kavallerie. Nach dem Abitur folgte 1864-1866 das Jurastudium in Berlin und Heidelberg. Anschließend diente Wolf von Tümpling als Einjährig-Freiwilliger im 2. Garde-Dragoner Regiment in Berlin und wurde Mitte Oktober 1869 als Sekondeleutnant in die Reserve entlassen. Schon im nächsten Sommer sollte der 26-jährige in den Krieg ziehen, nachdem Frankreich am 19. Juli 1870 Preußen den Krieg erklärte. Wolf von Tümpling wurde als Offizier reaktiviert. Sein Regiment war Teil der 2. Armee und nahm mit der Garde-Division unter dem Oberbefehl des Prinzen Friedrich Karl von Preußen zunächst Anfang August 1870 am Einmarsch in Frankreich teil. Es folgte ein Scharmützel bei Toul bis man die im Rückzug befindlichen Franzosen bei Rezonville - Vionville - Mars-la-Tour erneut zum Kampf stellte. Am Morgen des 16. August kam es zu ausgedehnten Gefechten vor allem zwischen der verfeindeten Kavallerie, die für die Deutschen mit blutigen Verlusten endete. Etliche Männer, vor allem Offiziere, waren gefallen. Allerdings konnte man sich gegen die französische Übermacht knapp behaupten. Deutsche Infanterie kam am Nachmittag hinzu und half dabei die Schlacht siegreich zu beenden. Beide Seiten erlitten etwa 15 000 Tote und Verwundete an Verlusten. Helmuth von Moltke, Chef des preußischen Generalstabs, nannte die Schlacht „die blutigste und vielleicht ruhmvollste“ des Feldzuges. Denn in der Tat war der Sieg bei Mars-la-Tour der Auftakt für den deutschen Gesamtsieg des Krieges von 1870/71.

Wolf von Tümpling entging dabei nur knapp dem Tod. Wie verheerend und blutig der Kampf war, beschreibt er in einem Brief an seine Mutter vom 22. August 1870: „Wir kommandierten: Marsch! Marsch! und stürzten mit Hurrah vor – ein Augenblick und wir hatten die französischen Reiter durchbrochen und kamen ihnen in den Rücken und theilten manchen deutschen Hieb aus. Einen Officier hatte ich schon vom Pferd gestochen, einen Husaren niedergeritten, da sah ich Finckenstein vor mir mit einer klaffenden Wunde über die Nase und das Gesicht – ich nahm mir einige Kerls, um ihn herauszuhauen, 5 feindliche Reiter umzingeln mich, schießen und hauen nach mir, treffen mich mit wuchtigen, aber flachen Hieben auf den Kopf und den rechten Arm und mit einem scharfen Hieb den Hals meiner Base (mein Zügelfaust war wohl gemeint) – ich schlage mich mühsam heraus und verliere dabei Finckenstein, den ich den anderen Tag erst (auf dem Schlachtfelde suchte ich ihn nachher vergeblich) als Leiche wiedersah, außerdem mit 6 Stichen in den Rücken, 2 in der Brust. Weiter schlugen wir uns noch 10 Minuten herum, als die 10. Husaren uns zu Hülfe kamen und uns und mich heraushauten. Wären sie nicht gewesen und wäre es nicht Gottes gnädiger Wille gewesen – ich könnte Euch dies nicht schreiben.“

Inschrift versuchten Unbekannte zu tilgen

Bei dem erwähnten Finckenstein handelt es sich um den Regimentskommandeur des 2. Garde-Dragoner Regiments, Oberst Reinhold Karl Graf Finck von Finckenstein, den Wolf von Tümpling vergeblich schützen wollte. Für seinen Einsatz erhielt er dennoch das Eiserne Kreuz II. Klasse, damals noch eine eher seltene Auszeichnung. Vermutlich ist dies auch der Grund, warum sein Verwandter Horst von Tümpling 40 Jahre nach der Schlacht diesen Erinnerungsstein stiftete und im Park von Schloss Thalstein aufstellte. Heute ist er aufgrund von Vandalismus in einem eher schlechten Zustand. Die Inschrift haben Unbekannte wohl mittels eines Meißels versucht zu tilgen, ebenso saß noch bis in die 1990er Jahre ein Eisernes Kreuz auf dem oberen Teil des Steins. Es wurde ebenfalls abgeschlagen und verschwand daraufhin. Ein stummer Zeuge also, der an das blutige Ringen vor knapp 150 Jahren erinnert, das schließlich die Einigung Deutschlands zur Folge hatte.

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