Geschichten aus der Wiener Halbwelt und „Neo-Austropop“ in Jena

Jena  Am Freitag gastierten Liedermacher Voodoo Jürgens aus Wien und Granada aus Graz in der Kulturarena.

Voodoo Jürgens:Kulturarena 2019 Jena. 

Voodoo Jürgens:Kulturarena 2019 Jena. 

Foto: Marcus Schulze

Man tut gut daran, Wien nicht nur auf seine Innenstadt mit samt den Prachtbauten entlang der Ringstraße zu reduzieren. Das ist das Wien, welches Touristen zu Gesicht bekommen, wo Sissi, Franz Joseph I. und Fiaker allgegenwärtig sind. In einem ganz anderen Gewand kommt indes die einstige k.u.k.-Metropole beim Liedermacher Voodoo Jürgens – eine Verballhornung von Udo Jürgens – daher. Er beschwört das Wien jenseits des sogenannten Gürtels, der Stadtautobahn, wo man keine Touristen antrifft, dafür aber Strizzis (Kriminelle), Sandler (Obdachlose) und Giftler (Drogenabhängige). Wo sich Plätze und Straßenzüge mitunter schmuddelig, grau, dreckig und wenig prätentiös präsentieren, wo man im verrauchten Beisel (Wirtshaus) sitzt und mit den Umständen und auch mit dem eigenen Wahnsinn hadert.

Und just in jene Halbwelt entführten Voodoo Jürgens und seine Mitstreiter die über 1000 Zuschauer am Freitag in der Kulturarena. Er nahm sie unter anderem mit in das Café Fesch („3 Geschichtn ausn Café Fesch“) im 15. Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus. Dort lungern ein kugelrunder Russe im Jogginganzug, der noch bei seiner Mutter haust, und der Willy tagein tagaus herum. Willy ist der Besitzer des Ladens, war einst der Anführer einer gefürchteten Gang und hatte eine Tochter, die sich aber den goldenen Schuss setzte. Natürlich hat der Willy herausgefunden, von wem seine Tochter den Stoff hatte – und hat sich dann auf seine Art um den Dealer gekümmert: „Ich brich da es Knack / und du steigst in den Sorg ein...“

Profiboxer Hans Orsolics und ein Vorstadt-Casanova werden besungen

Oder Voodoo Jürgens besang in „Hansi da Boxer“ den einstigen Profiboxer Hans Orsolics, der eine berühmt-berüchtigte Rechte hatte und später im Gefängnis (Hefn) saß, weil er von seiner Rechten auch jenseits des Rings Gebrauch machte. Ein weiteres Exemplar aus diesem Kanon der Gefallenen und Hallodris war der Wickerl im Song „Gitti“, ein Vorstadt-Casanova, der noch nie in seinem Leben gearbeitet (ghacklt) hat und den Frauen gekonnt auf der Tasche liegt.

So oder so, es handelte sich in den meisten Fällen um – angeblich wahre – Geschichten aus dem weniger perfekten Dasein, die Voodoo Jürgens und seine Band mit Gitarre, Akkordeon, Geige, Kontrabass, Orgel und Schlagzeug und auch sehr viel schwarzem Humor erzählten. Gleichzeitig schwang zwischen den Zeilen auch sehr viel Sympathie für die Gescheiterten mit. Doch bei aller Härte, zu der sich reichlich Melancholie gesellt, ist im Voodoo-Jürgens-Kosmos auch Platz für Liebe – verewigt in einem wunderschönen Bild im Lied „In deiner Nähe“: „Es Bier wird worm / waunn du do bist...“

Stilisierung der Milieu-Type

Voodoo Jürgens wiederum, der mit bürgerlichem Namen David Öllerer heißt und in der Kleinstadt Tulln an der Donau in Niederösterreich das Licht der Welt erblickte, passt dann auch selbst in jene Welt, die er besingt, schließlich besitzt er eine Vita, die problemlos einem Roman von Thomas Bernhard entnommen sein könnte: der Vater saß im Gefängnis, die Ausbildung zum Konditor und das Studium abgebrochen, dafür als Friedhofsgärtner gearbeitet. Abgerundet wird das Ganze durch das Erscheinungsbild des Wahl-Wieners: Vokuhila, Oberlippenbart, Hawaiihemd, Panzerkette, Anzughose – die Stilisierung der Milieu-Type.

Seine Lieder kredenzte Voodoo Jürgens naturgemäß in der Wiener Mundart, doch eben nicht in jener süßlich-verklärenden Version der Marke Hans Moser, vielmehr steht der 36-Jährige in der derben Tradition eines Karl Bockerer oder Edmund ‚Mundl‘ Sackbauer, wobei Letzterer das Wiener Pendant zu Alfred Tetzlaff war. Von daher klang alles ordinär, proletenhaft und tendenziell arrogant, aber eben auch authentisch und mitunter liebenswert. Und ja, wer mit dem Dialekt nicht vertraut war, verstand am Freitag wohl oftmals nur Wortfetzen, zumal der Künstler mehr spricht als singt. Nicht einmal Falco oder der Nino aus Wien haben sich sprachlich so tief in die Niederungen des Wiener Idioms begeben. Und so war es auch nicht weiter verwunderlich, dass das Publikum zwar interessiert lauschte, aber eben auch etwas Zeit benötigte, um mit der vertonten Milieustudie warm zu werden. Doch spätestens zum Finale war das alles Geschichte, als Voodoo Jürgens seinen ersten Hit „Heite grob ma Tode aus“ spielte. Ein kleines morbides Meisterwerk, das viele beseelt mitsangen und das sich auf seinem Album „Ansa Woar“ befindet – und das hatte in Österreich immerhin Platz 1 inne.

Die Gruppe hofiert ihr Publikum

Doch das war nur die eine Seite der Österreich-Medaille am Freitag, gaben sich doch auch noch Granada aus Graz die Ehre. Die fünfköpfige Mundart-Band war dann wohl auch um einiges zugänglicher als ihr Vorgänger. Mit eingängigen Melodien, die insbesondere von einem Akkordeon getragen wurden, wussten sie problemlos das Publikum zu begeistern. Vom Auftakt „Spür die Sun“ über „Eh Okay“, „Berlin“ und „Pina Colada“ bis „Ottakring“ hofierte das Publikum die Gruppe, die sich 2015 formierte und das Etikett „Neo-Austropop“ trägt. Dabei sind sie jedoch nicht so dadaistisch-überdreht wie ihre Landsleute von Bilderbuch und auch nicht so dionysisch-leidend wie Wanda, sondern eher bodenständig und greifbar. Dem Publikum waren solche Spitzfindigkeiten allerdings egal, sie gaben sich den rockig-fröhlichen Klängen hin und tanzten am Ende auch noch zu „Escape (The Piña Colada Song)“ von Rupert Holmes – und zwar im Regen.

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