Gold in Salt Lake City: "Knapper ging es wohl nicht"

Der Jenaer Sportstudent Stephan Hocke gewann 2002 mit Sven Hannawald, Michael Uhrmann und Martin Schmitt das Mannschaftsskispringen

Stephan Hocke studiert in Jena Sportwissenschaften. Foto: Peter Poser

Stephan Hocke studiert in Jena Sportwissenschaften. Foto: Peter Poser

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Stephan Hocke, es wird vor Anschlägen in Sotschi gewarnt. Damals in Salt Lake City war die Lage wenige Monate nach dem 11. September ebenfalls angespannt: 15"000 Polizisten und Soldaten wachten über die Sicherheit, FBI & CIA durchleuchteten die Sportler... Wie haben Sie das als junger Athlet wahrgenommen?

Konkretes Beispiel: Unser Quartier war von der Schanze nur wenig entfernt. Über eine Wiese wären wir schnell da gewesen. Aber man hatte die Straßen zu benutzen. Unser Mannschaftsarzt und der Pressesprecher haben aber doch einmal die Abkürzung über den Rasen genommen. - Und wurden festgenommen und verhört. Es kam aber schnell alles wieder zur Ruhe. Ansonsten haben wir weniger zu spüren bekommen, wir wohnten nicht im Olympischen Dorf.

Wieso nicht?

Das kommt häufig vor bei den Skispringern. Hat logistische Gründe. Es wäre fast eine Stunde Fahrtweg gewesen vom Dorf zur Schanze. Deshalb haben wir nahe der Anlage zwei Häuser bezogen. In Salt Lake City waren wir nur in den letzten drei Tagen im Olympischen Dorf. Da allerdings wurde man bei jeder Reinfahrt kontrolliert und durch Metalldetektoren gelotst, das Auto untersucht. Aber auch das Eingangsportal zur Schanze glich in der Hinsicht einem Flughafen.

Unterzieht man sich als Athlet, der im Moment eigentlich anderes im Kopf hat, dem gern, zum Wohl aller Anwesenden?

Als Sportler macht man sich keine großen Gedanken, dass etwas passieren könnte. Normalerweise ist man ja auf so einem Großereignis sicherer als irgendwo sonst auf der Welt. An den Maßnahmen könnte man ja doch nichts ändern, also unterzieht man sich dem.

Es stört auch nicht die Konzentration vorm Wettkampf?

Nein. Man muss einfach ein bisschen mehr Zeit einplanen.

Wie oft werden Sie von heute an vorm Fernseher sitzen?

Das wäre schön! Leider stecke ich grad mitten in den Prüfungen zum Semesterende. Bis zum 19. Februar habe ich noch einiges zu lernen. Natürlich werde ich mir Skispringen ansehen.

Was steht an Prüfungen an?

Diese Woche waren Trainingswissenschaften und Motorik dran, nächste Woche Biomechanik und Geschichte. Das passt ganz gut in die Zeit der Olympischen Spiele.

Da hätte doch ein Referat von Stephan Hocke das Seminar bereichern können?

Nein, nein. Da geht es eher um Fakten von den ersten Olympischen Spielen bis zur Neuzeit. Und in der Antike war ich ja nun nicht dabei. Ich glaube auch nicht, dass der Dozent weiß, dass ein Olympiagold-Gewinner in seinem Kurs sitzt.

Die größte Überraschung 2002 war, dass der junge Schweizer Simon Ammann, der noch nie ein Weltcupspringen gewonnen hatte, beide Einzelwettbewerbe dominierte - und auf der Normalschanze Vierschanzentournee-Vierfachsieger Hannawald auf Platz zwei verwies. Wie kam das an im deutschen Springerlager?

Sven war sicherlich ein bisschen enttäuscht. Er war vorher sehr gut gesprungen - aber Simon Ammann war in Salt Lake einfach überragend. Zu einer Goldmedaille, zu der man nur alle vier Jahre die Chance hat, gehört eben auch Glück. Adam Malysz zählt zu den besten Springern aller Zeiten, aber olympisches Gold fehlt ihm. Ich persönlich habe mich dort eigentlich nicht mit dem befasst, was andere tun. Ich war gerade 18 Jahre und so sehr mit mir und mit diesen vielen Eindrücken beschäftigt...

Zum Beispiel?

Ich war zum ersten Mal in den USA. Zum ersten Mal bei Olympia. Wir hatten eine tolle Unterkunft, nebendran die Bobfahrer, die Rodler. Von André Lange kriegte ich eine Rodelbahn-Führung. Ich konnte an der Eröffnungsfeier teilnehmen, weil ich nicht von der 90-Meter-Schanze springen musste, wo am nächsten Morgen die Qualifikation anstand. Uhrmann, Schmitt, Hannawald, Duffner durften nicht, die mussten ja früh fit sein.

Wie lief die Feier ab für euch?

Erst mal viel warten. Es war aber alles sehr gut organisiert und gab einem Zeit, mit anderen Sportlern zu quatschen. Von all dem, was bis dahin im Stadion stattfand, bekam man nichts mit. Der eigentliche Akt war dann schnell erledigt. Den gemütlichen Teil konnte ich dann in Ruhe verfolgen: Olympischer Eid, Fahne, Feuer... Da war ich schon sehr glücklich, das zu erleben.

Erster im Mannschaftsspringen. Wie war dieser Moment?

Ich hab das erst gar nicht registriert. Martin Schmitt als Schlussspringer kommt unten an - und die anderen rennen los. Also renne ich hinterher. Es hat ziemlich lange gedauert, bis die Anzeigentafel etwas anzeigte. Und als es soweit war, haben Hannawald und Uhrmann schneller geschaltet, sind los, haben gejubelt. Und ich dachte: Gut, dann müssen wir ja gewonnen haben.

Etwas zur Dramatik dieses Wettkampfes aus Ihrer Sicht?

Ich war sehr auf mich fokussiert, hab meinen eigenen Wettkampf bestritten. Sicher kriegt man was mit, wie die anderen gesprungen sind. Aber ich hab das versucht weitgehend auszublenden. Das ist mir auch ganz gut gelungen. Ich war Zweiter in unserer Gruppe und konnte unsern ärgsten Konkurrenten, den Finnen, einiges abnehmen. Vorm letzten Springer war es relativ eng - aber ein solider Sprung von Martin sollte reichen. Tatsächlich hat er es noch knapp gemacht. Wir lagen am Ende nur 0,1 Punkte vor Finnland! Knapper geht es wohl nicht, bei acht Springern.

Wie ging es weiter?

Bis zur Medaillenübergabe am Abend war ich geschafft, die Wettkämpfe begannen ja der Fernsehübertragung wegen schon 9 Uhr. Dann Pressekonferenz, dann zum Kufenstübl, weiter zum Deutschen Haus...

Kufen was?

Das Bayrische Haus quasi.

Wo man ein Weißbier auf die Goldmedaille schlürft?

Oder das Fernsehen noch Interviews mit dem oder dem will...

... und Gewinner den anderen noch einen ausgeben müssen?

Ist ja ohnehin alles frei.

Wann hatten Sie Zeit, mal die Eltern anzurufen?

Das ging ja damals noch gar nicht so einfach. Unsere Handys funktionierten in den USA nicht. Ich weiß gar nicht ob ich telefoniert habe, ich kann mich nicht erinnern. Bei so viel Hin und Her , bis wir Mitternacht in etwa wieder im Quartier waren.

Ihr habt nicht durchgefeiert?

Mich hätte mit 18 in den USA sowieso keiner in eine Bar oder Disco reingelassen.

Ist es mit 18 zu früh für den absoluten Karrierehöhepunkt?

Lieber früh als nie. Wenn man das je schafft, kann man sehr glücklich sein. Wer weiß, was in vier Jahren ist...

Interview: Anja Blankenburg

Bild 1: GARMISCH-PARTENKIRCHEN, GERMANY - JANUARY 01: Stephan Hocke of Germany competes during the first round of the FIS Ski Jumping World Cup event at the 60th Four Hills ski jumping tournament at Olympiaschanze on January 1, 2011 in Garmisch-Partenkirchen, Germany. (Photo by Dennis Grombkowski/Bongarts/Getty Images)Foto: Dennis Grombkowski

Bild 2: "Olympisches Gold kommt nie zu früh": Stephan Hocke in Garmisch-Partenkirchen. Foto: Getty Images

Bild 3: Stephan Hocke studiert in Jena Sportwissenschaften.Foto: Peter Poser

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