Hummelshain: Über Grenzen hinausblicken

Hummelshain  Gemeinde Hummelshain baut Kooperation mit libanesischem Ort auf. Das Ziel: voneinander lernen.

Marko Lorenz vom ZWA Saale-Holzland erklärt Übersetzer Ghazwan Al-juhaishi, wie die Wasseraufbereitungsanlage für Hummelshain funktioniert. Im Hintergrund hören Menjez-Bürgermeister Georges Youssef (Vierter von links) und Amtskollege Stephan Tiesler aus Hummelshain zu.

Marko Lorenz vom ZWA Saale-Holzland erklärt Übersetzer Ghazwan Al-juhaishi, wie die Wasseraufbereitungsanlage für Hummelshain funktioniert. Im Hintergrund hören Menjez-Bürgermeister Georges Youssef (Vierter von links) und Amtskollege Stephan Tiesler aus Hummelshain zu.

Foto: Katja Dörn

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Durch die Wasseraufbereitungsanlage von Hummelshain drängte sich am Freitagmorgen eine Gruppe libanesischer Herren. Dort eine Nachfrage, hier ein Foto. Faszinierend. „So viel Technik“, schwärmt Georges Youssef. Er ist Bürgermeister von Menjez, ein im Nord-Libanon liegender kleiner Ort an der syrischen Grenze. Dass er mit Mitgliedern seines Gemeinderates Hummelshain und die Region entdeckt, liegt an einer aufblühenden Kooperation.

Die Gemeinde Hummelshain und das libanesische Menjez haben ein Projekt ins Leben gerufen, um voneinander zu profitieren. Petra Thieme, freiberufliche Ingenieurin aus Hermsdorf, stellte den Kontakt zwischen den Kommunen her. „Wir können voneinander lernen“, sagt sie, der Libanon auf technischer Ebene, so besuchen sie auch eine Recyclinganlage in Apolda. Über die touristische Vermarktung tauschen sie sich am Wochenende bei Ausflügen zur Leuchtenburg und zu anderen Zielen aus.

Weitere Kooperation mit Verwaltungsgemeinschaft

Auch die Ostthüringer Kommune will dazulernen. „Libanesen gehen behutsam mit der Natur um“, erklärt Thieme. „Das Verständnis für die Gemeinschaft ist ein völlig anderes“, fügt Stephan Tiesler hinzu, Bürgermeister von Hummelshain. Wenn es in Menjez brennt, fährt vornan der Bauhofmitarbeiter das Löschwasserfahrzeug – und hinten Einwohner des Ortes, um mitzuhelfen. Eine Selbstverständlichkeit, auch ohne freiwillige Feuerwehr.

In Menjez leben hauptsächlich Maroniten, ein alte christliche Religionsgemeinschaft. Der Ort ist mit etwa 600 Einwohnern so groß wie Hummelshain und ebenfalls ländlich geprägt. Anders dagegen die Finanzkraft: Während Menjez jährlich mit 50.000 Dollar auskommen muss, hat Hummelshain das Zehnfache zur Verfügung, sagt Tiesler. Strom fließt nur den halben Tag, das Wasser aus einer Quelle wird seit wenigen Jahren über ein Rohr – halb oberirdisch, halb unterirdisch verbaut – in den Ort geleitet und dort einzeln in jedes Haus verteilt. Jedoch jeweils nur ein Kubikmeter pro Tag. Wer diese Menge nicht speichert, bei dem fließt das Wasser wieder neben dem Haus hinaus. Trinkwasser ist beim Bauhof abzuholen.

Reiches Deutschland, armer Libanon: Diese Sicht passt nicht, verdeutlicht Petra Thieme. „Der Libanon ist kein Entwicklungsland. Im technischen Bereich haben sie einen enormen Hunger nach Wissen.“ Das müssten sie auch: Die Kommunen im Libanon sind unternehmerisch tätig. Derzeit lässt Bürgermeister Youssef eine Solaranlage bauen, um den daraus gewonnenen Strom verkaufen zu können. Er selbst ist ein Weltenbürger. Der Arzt pendelt zwischen Frankreich, Beirut und seiner Heimat. Andere Gemeinderatsmitglieder sind Radiologen oder Architekten.

Stephan Tiesler besuchte bereits im März Menjez und sammelte erste Eindrücke. Beeindruckt zeigt er sich vom Engagement gegenüber Flüchtlingen, die nachmittags im Ort zur Schule gehen.

Fast jeder vierte Einwohner im Libanon ist ein Flüchtling. „Inzwischen gibt es ein gut funktionierendes System“, weiß Petra Thieme von ihren Reisen. Mithilfe des Projektes könne auch ein Anstoß für den infrastrukturellen Ausbau und mehr Arbeitsplätze in Menjez gegeben werden, hofft sie.

Ein ähnliches Austauschprojekt besteht schon länger in der Verwaltungsgemeinschaft Südliches Saaletal. Dabei tauschen sich die Gemeinden mit der libanesischen Stadt Chouf zur landwirtschaftlichen Direktvermarktung aus. Das begeisterte Stephan Tiesler so sehr, dass er einen eigenen Antrag für seine Kommune schrieb. Gefördert werden beide Kooperationen über das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Deutschland – Libanon: Die Verständigung scheint in Englisch oder mit Übersetzer für Arabisch gut zu funktionieren. Schwer begreiflich war für die Gäste aus dem Nahen Osten jedoch, warum auf deutschen Dorfplätzen von Ästen befreite Stämme stehen, die dazu geschmückt sind. Dagegen faszinierend: der Wald. Bürgermeister Youssef atmet tief ein und blickt begeistert hinauf zu den Bäumen. Daheim stehen viele Oliven- und Zitrusbäume, duftender Thymian wächst auf Feldern. Was war das für ein großer Baum von gestern?, fragt er Petra Thieme auf Englisch. „Eine Fichte“, antwortet sie. „Fichte“, wiederholt er leise auf Deutsch.

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