Jena: Blinkzeichen vom Landgrafen

Jena  Stumme Zeugen (28): Denkmal von 1921 sorgt noch heute für Diskussionen.

Auf Anordnung der Alliierten musste das Denkmal Ende der 1940er Jahre grundlegend verändert werden.

Auf Anordnung der Alliierten musste das Denkmal Ende der 1940er Jahre grundlegend verändert werden.

Foto: Immanuel Voigt

Viele Wege führen bekanntlich nicht nur nach Rom, sondern auch auf den Landgrafen, an dessen Hängen das Denkmal zu finden ist, mit dem sich der 28. Teil unserer Serie beschäftigt.

Ausgangspunkt ist der Parkplatz des Restaurants Landgrafen, der sich unmittelbar neben dem Waldspielplatz befindet und der über den Steiger recht einfach zu erreichen ist. Von hieraus geht es, immer dem weiß-gelb-weißen Weg folgend, bergan. Nach kurzer Wanderung führt der Pfad in eine kleine Lichtung, an deren Rand der Erinnerungsstein zu finden ist. Links neben ihm informiert eine Tafel den Besucher leider nur ungenügend über das Denkmal. Durch unser oberes Bild lässt sich erahnen, wie der Stein einstmals ausgesehen hat, sein ursprünglicher Charakter ist heute bis auf wenige Details weitestgehend verloren gegangen. Doch wie kam es dazu?

Jena, die Blinker und ihr Denkmal

Während des Ersten Weltkrieges etablierte sich die Firma Carl Zeiss auf dem Gebiet optischer Technik für das Militär zum führenden Hersteller im Deutschen Reich. Im Sommer 1915 kam zudem die Preußische Signal-Ersatzabteilung nach Jena und bildete hier die Blinker für den Frontdienst aus. Diese waren Angehörige der Telegrafentruppe und hatten die Aufgabe im Krieg, Nachrichten mittels eines Blinkgeräts zu übermitteln. Ihre alte Garnison an der Saale haben die Signalisten nie vergessen, vor allem, wenn man den Berichten glauben mag, weil es sich in „Jene“ recht „bene“ lebte und man einen guten Umgang mit der hiesigen Bevölkerung pflegte.

Kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges hatte sich im Oktober 1918 der „Verein ehemaliger Blinker“ in Jena gegründet, der dann im Februar 1919 in den „Bund der Vereine ehemaliger Blinker Deutschlands“ aufgenommen wurde. Bald darauf wurde in Jena der Wunsch nach einem Denkmal laut, dass an die gefallenen Blinker des Weltkrieges erinnern sollte. Bereits im Sommer 1920 gab es die ersten Verhandlungen mit der Stadt, die dem Denkmalsbau Anfang September desselben Jahres zustimmte. Der erforderliche Grund auf dem Landgrafen wurde von der Stadt unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Nur wenige Tage nach dem Beschluss, am 12. September, wurde bereits der Grundstein gelegt. Zu diesem Termin war auch der Jenaer Oberbürgermeister Dr. Fuchs anwesend. Mit pathetischen Worten versprach er, dass die Stadt das Denkmal bewahren werde. Zugleich sprach der Bürgermeister auch vom „faulen Frieden“, den Deutschland nach dem Krieg habe schließen müssen, der es „tief erniedrigt“ habe. Darüber hinaus beschwor er die „Heldentaten“ deutscher „Söhne“, die während des Krieges geleistet wurden. Nicht zuletzt sei das Denkmal ein Ausdruck der Verbundenheit zwischen Jena und den Blinkern. Trotz der teils positiven Erinnerungen, die Dr. Fuchs an den Weltkrieg hervorrufen wollte, beschloss er seine Rede mit dem Satz: „Hoffen wir, dass auch die Zukunft wieder eine Wende und zwar auf friedlichem Wege bringe zum Aufstieg unseres deutschen Volkes.“

Der Entwurf für das Denkmal stammte vom bekannten Jenaer Architektenbüro Schreiter & Schlag, was kein Zufall war. Johannes Schreiter diente während des Ersten Weltkrieges selbst als Signalist und war zudem Vorsitzender der Jenaer Ortsgruppe des Bundes ehemaliger Blinker. Er entwarf einen schlichten Steinquader auf dessen Oberseite ein Stahlhelm saß. An allen vier Ecken war das Eiserne Kreuz angebracht, in dessen Ecken sich Lorbeerlaub befand. Als Inschriften las man: „1914 Unseren Helden 1918“ und „Die Deutschen Blinker“. Mit dem Bau wurde ebenfalls ein ehemaliger Blinker, der Maurermeister Carl Gretscher beauftragt. Die Kosten von 46.000 Mark trug der Verein ehemaliger Blinker durch Spenden selbst. Am Sonntag, 29. Mai 1921, konnte das Denkmal schließlich geweiht werden. Zu diesem Anlass kamen 160 ehemalige Blinker aus allen Teilen Deutschlands nach Jena. Um 10 Uhr begann der Festakt mit einem Lied des Jenaer Männergesangsvereins, anschließend wurden mehrere Reden gehalten. Darauf legten ehemalige Blinker, Vertreter der Stadt und der Reichswehr Kränze nieder. Selbst aus einem Flugzeug wurde ein Kranz abgeworfen. Den Tag ließ die Festgesellschaft im „Schützenhaus“ ausklingen. Nach 1921 trafen sich die Blinker einmal im Jahr am Denkmal, um ihrer Toten zu gedenken. Aber auch andere Gruppierungen und Verbände wie der Jungstahlhelm oder die Hitler-Jugend sollen dort zusammengekommen sein. Bisher gibt es dazu allerdings außer einem Fotobeleg keine weiteren Informationen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beschloss der Alliierte Kontrollrat in der so genannten „Direktive 30“, Denkmale, Plätze, Straßen und Museen mit militärischem oder nazistischem Charakter zu entfernen. Es sollten Listen mit entsprechenden Objekten aufgestellt werden, so auch in Jena. Auf Platz zwei dieser Liste stand das Blinkerdenkmal. Es wurde festgelegt, dass bis Jahresbeginn 1947 die entsprechenden Veränderungen auszuführen sind, was dann auch geschah. Das Denkmal wurde somit grundlegend verändert: Der Stahlhelm wurde abgenommen, die Inschriften getilgt und das Eiserne Kreuz seiner charakteristischen Form und des Lorbeerlaubs beraubt. Danach fristete der namenlose Steinklotz ein trostloses Leben mitten im Wald. Erst 2004 erinnerte man sich von Seiten der Stadt an den Stein, der mittlerweile überwuchert und mit Graffiti beschmiert war und setzte ihn auf die Denkmalliste. Als sich schließlich die Reservistenkameradschaft Jena um ein Pflegeobjekt bei der Stadt erkundigte, wies man ihnen das Blinkerdenkmal zu. Es wurde in mehreren Arbeitseinsätzen von den Überwucherungen befreit und anschließend fachmännisch saniert.

Blinkerdenkmal und kein Ende

Schon damals stand die Frage im Raum, ob der Stein seine einstige Gestalt zurückerhalten solle, oder im Istzustand zu belassen wäre. Man entschied sich für zweiteres, mit dem Kompromiss, dass die Inschrift „Die Deutschen Blinker“ wieder angebracht wurde. Bis heute ist das Denkmal kein leichtes Erbe für unsere Stadt. Schon 2010 gab es etwa in dieser Zeitung die Debatte zwischen den Professoren Kodalle und John, wie man mit ihm umgehen solle. Es blieb aber nicht nur bei einem verbalen Austausch, denn unsere Zeitung berichtete in der Vergangenheit auch mehrfach über Farbanschläge auf das Denkmal. Schließlich zeigte die Diskussion zum 8. Tag der Stadtgeschichte am vergangenen Samstag, dass der Umgang mit diesem Denkmal wohl auch weiterhin nicht einfach bleiben wird.

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