Jena: Brummi hat keinen toten Winkel mehr

Jena.  KSJ führt für große Fahrzeuge Abbiege-Assistenten-System ein. Nachdenken über Wasserstoff-Lkw.

Technik-Abteilungsleiter Peter Skibbe zeigt in einem KSJ-Fahrzeug, wie der Abbiege-Assistent funktioniert.

Technik-Abteilungsleiter Peter Skibbe zeigt in einem KSJ-Fahrzeug, wie der Abbiege-Assistent funktioniert.

Foto: Thomas Stridde

Peter Skibbe ist sich schon so gut wie sicher. Der Technik-Abteilungsleiter beim Kommunalservice KSJ hat den seit anderthalb Jahren währenden Alltagstest dreier Abbiege-Assistenten-Systeme für Fahrzeuge des städtischen Eigenbetriebes im Blick. Und Anfang 2021 werden wohl die Würfel fallen für jene 3-D-Variante, die dem Fahrer am Bordmonitor „wie aus der Vogelperspektive“ das Umfeld des Fahrzeuges zeige. „Wenn du rechts blinkst, zoomt sich das alles größer, und du siehst, was rechts passiert. Also du hast keinen toten Winkel mehr“, sagt Peter Skibbe.

Das sei sinnvoll, wo Straßen eng sind, wo Radwege verlaufen oder an Kreuzungen und Einmündungen auf Radler und weitere Verkehrsteilnehmer zu achten ist. Zum Beispiel auf der Karl-Liebknecht-Straße mit ihrer 30-km/h-Begrenzung ließen sich nur zu oft Radfahrer beobachten, die auf dem Randstreifen mit „über 30“ rollen und für den Fahrer im rechts abbiegenden Fahrzeug erst sehr spät zu sehen sind. Nützlich sei das System auch beim Rangieren im Rückwärtsgang. „Ich bin begeistert“, sagt Peter Skibbe. „Jetzt wollen wir nur noch mal die Fahrer tauschen.“ – Wegen der letzten Vergewisserung vorm Entscheid für ein System. Zufrieden ist der 64-Jährige, dass Jena sich zumindest in Thüringen einmal mehr auf der Vorreiterspur bewegt. Nachdem er neulich vor Fernsehkameras über das Projekt gesprochen hatte, sei er von Erfurter Kollegen nachforschend befragt worden, berichtet Skibbe.

In zwei Jahren ist es Pflicht

„Also wir als das Technologiezentrum Jena wollten schon mit dabei sein“, sagt er. Ein Treffen im Fuhrpark-Ausschuss des Verbandes Kommunaler Unternehmen (VKU) 2019 in Köln habe den Anstoß zur Jenaer Testreihe gegeben.

Ein gewisser äußerer Druck besteht nach Skibbes Beschreibung ohnehin: Von Juni 2022 an gilt die Pflicht, bei neuen Nutzlastkraftwagen einen Abbiege-Assistenten integriert zu haben. Zunächst soll beim KSJ Anfang des neuen Jahres entschieden werden, in welche drei, vier Fahrzeuge neueren Baujahres ein Abbiege-System bereits eingebaut wird, das zum Netto-Einzelpreis von etwa 2000 Euro zu haben ist. „Das sollten dann erst einmal Fahrzeuge sein, die an kritischen Stellen fahren“, sagt Skibbe. Unter 300 Fahrzeugen gibt es beim KSJ fast 100 Groß-Lkw, für die das System wegen des toten Winkels relevant ist.

Weitere große technische Umbrüche im KSJ wird Peter Skibbe nicht mehr bis zum Finale aktiv mitgestalten. Nach 48 Fuhrpark-Jahren samt Kfz-Meisterlehrgang und Betriebswirtschaftsstudium wechselt er in einigen Monaten in den Ruhestand. KSJ-Geschäftsbereichsleiter Jan Wosnitzka ist sich der drohenden Lücke bewusst. „Der weiß, wo jede Schraube liegt“, so sagt er über Skibbe. Und Skibbe selbst ist stolz auf das errungene hohe Maß Unabhängigkeit von anderen Dienstleistern. „Die Flexibilität bei uns – das ist es. Wir gehen hier mit 40 verschiedenen Aufbauten um.“

Beim Blick in die Zukunft sind sich Skibbe und Wosnitzka einig, dass der Elektro-Motor für große Lkw keine Alternative ist – dafür aber wegen des hohen Wirkungsgrades die Brennstoffzellen-Technologie auf Wasserstoffbasis.

Die beiden Männer jonglierten im Gespräch schon mal mit Zahlen: ein Neufahrzeug zum Preis von 750.000 Euro statt der 250.000 Euro für den Diesel-Brummi; dabei Förderung der Mehrkosten zu 90 Prozent.

Und obendrein die nötige eigene Wasserstoff-Tankstelle, weil die Wege zu den beiden nächsten Alternativen in Erfurt und Meerane zu weit sind. Beim KSJ zählt all dies vermutlich als Vogelperspektiven-Diskussion. Damit die Technik-Zukunft nicht in den toten Winkel gerät.